Baden

Archäologen stossen schon wieder auf ein 2000 Jahre altes Thermalbad – es ist so wichtig wie der Sensationsfund

Die Aargauer Kantonsarchäologie hat in Baden das sogenannte Freibad teilweise freigelegt, das einst die Römer erbaut haben. Das Bad wurde fast 2000 Jahre lang, bis ins 19. Jahrhundert, genutzt.

Erst vor zwei Wochen informierte die Kantonsarchäologie über bedeutende Funde auf dem Badener Kurplatz. Wenige Tage später, Ende Oktober, sind bei den Grabungsarbeiten erste Teile des sogenannten Freibads zum Vorschein gekommen, wie der Kanton am Donnerstag mitteilte. Der Fund ist nicht überraschend – anders das Verenabad-Becken auf der Westseite des Kurplatzes im Mai, der als Sensationsfund gilt. «Wir haben damit gerechnet», sagt Matthias Flück, Leiter archäologische Ausgrabungen bei der Kantonsarchäologie. «Die beiden Funde sind für uns aber gleich wichtig. Die beiden Bäder gehören zusammen.» Sie seien immer zusammen verstanden worden.

Die beiden Thermalbäder wurden von den Römern erbaut. Sie sind rund 2000 Jahre alt und wurden über das Mittelalter bis in die Neuzeit, sprich ins 19. Jahrhundert, als öffentliche Bäder genutzt. 1840 existierte hier noch ein Dampfbad. Verenabad und Freibad war dem einfachen Volk vorbehalten. Die Gäste der Bäderhotels zogen deren privaten Thermen vor. Im Lauf der Zeit wurden die Bäder immer wieder umgestaltet. «Das sind also nicht mehr original römische Verhältnisse», sagt Flück.

Historisches Freitbad teilweise freigelegt: Die aktuelle Situation auf dem Badener Kurplatz

Die aktuelle Situation auf dem Badener Kurplatz

    

Kunstvoll erstellte Wasserspielanlage

Dass das Freibad römischen Ursprungs ist, war bisher eine Vermutung. «Das hat sich nun bestätigt.» Die Archäologen fanden Aussenwände des Beckens aus massivem römischen Gussbeton sowie eine kunstvolle erstellte Wasserspielanlage aus Muschelkalk und Terrazzomörtel. Zumindest ein Einzelbad an der Nordwestecke des grossen Bassins gehörte dazu. Es wurde freigelegt. Gefunden wurden hier auch Reste von Sitzstufen aus Terrazzomörtel, die am Beckenrand eingebaut waren. Diese Bautechnik haben die Römer angewandt. Im Mittelalter wurde sie nicht mehr verwendet.

Der Kurplatz mit Verenabad (links) und Freibad: So sah der Maler Hans Ulrich Kern die öffentlichen Bäder unter freiem Himmel um 1800. Links der Staadhof, in der Mitte das Badgasthaus Raben, rechts die «Blume».Bild: Schweizerische Nationalbibliothek

Der Kurplatz mit Verenabad (links) und Freibad: So sah der Maler Hans Ulrich Kern die öffentlichen Bäder unter freiem Himmel um 1800. Links der Staadhof, in der Mitte das Badgasthaus Raben, rechts die «Blume».Bild: Schweizerische Nationalbibliothek

Auf der Baustelle stechen zurzeit die rötlichen Tonplatten ins Auge, die auch auf historischen Bildern zu sehen sind. Dieser Beckenboden sei allerdings nicht römischen Ursprungs, sagt Flück, sondern aus der Neuzeit (17. bis 19. Jahrhundert). Der römische Beckenboden liegt tiefer. Vom frühneuzeitlichen Freibad zeugen auch Sitz- und Einstiegsstufen.

Gestaltung typisch für römische Thermalbäder

Die jüngsten Reste, die nun zum Vorschein kamen, stammen vom Dampfbad, das hier zwischen 1824 und 1840 betrieben wurde, sowie vom öffentlichen Eierbrünneli-Trinkbrunnen mit Sitzstufen: Dieser befand sich hier von 1840 bis 1938 über dem Becken, als dieses bereits unter dem Kurplatz im Erdboden verschwunden war.

Auch beim Verenabad wurden rund um das Becken weitere kleinere Becken angesetzt, wie Einzelwannen, sagt Flück. Auf der Ostseite des Verenabads fanden die Archäologen zwei solche Becken, nordöstlich den Abfluss des Hauptbassins. «Diese Gestaltung ist sehr typisch für die römischen Thermalbäder.»

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«Dichte Überlieferung absolut einmalig»

Das Freibad-Becken ist zirka 9 auf 6 Meter gross, wie man dank historischen Quellen weiss. «Wir haben in Baden eine reiche Quellenlage mit Texten und Bildern, welche die Bäder beschreiben. Diese dichte Überlieferung ist absolut einmalig», sagt Matthias Flück.

Zu den Ausgrabungen kam es, weil auf dem Kurplatz die Thermalwasserleitungen saniert werden. Sie starteten im Frühling. Federführend ist die Stadt Baden. Die Freilegungsarbeiten beim Freibad dauern nun an. Erst danach soll die Leitungsarbeiten geplant werden. «Wir wollen so weit möglich die historische Substanz im Boden schonen», sagt Flück. «Wir haben einen gewissen Spielraum.» Wenn immer möglich sollen die Leitungsrohre in bereits bestehenden Gräben verlegt werden, also in Bereichen, die früher schon zerstört wurden.

Blick von oben

Blick von oben

Aargauer Kulturgesetz schreibt bestmöglichen Schutz vor

Was passiert mit der historischen Bausubstanz, wenn dies nicht möglich ist? «Wo wir in die historische Substanz eingreifen müssen, dort werden wir sie ausgraben.» Wie lange die Arbeiten noch dauern, sei schwierig abzuschätzen. «Wir dokumentieren die Funde nach allen Regeln der archäologischen Kunst für die wissenschaftliche Erforschung und die künftige Vermittlung, so dass spätere Generationen sie nachvollziehen können.» Erhalten bleiben sicher mobile Objekte.

Nach der Freilegung folgen die archäologischen Untersuchungen und die weiteren Evaluationen für die Leitungsarbeiten. «Entscheidend ist: Die Zeit, die wir für die Dokumentation brauchen, erhalten wir», sagt Flück. Dies schreibt das Aargauer Kulturgesetz vor, das den bestmöglichen Schutz solcher Kulturgüter fordert.

Dass ein Teil des Freibads langfristig sichtbar bleiben kann, scheint unwahrscheinlich. «Die Ausgangslage ist dieselbe wie beim Verenabad», sagt Flück. «Die Problematik liegt in der extremen Bodenfeuchtigkeit und dass sich sehr viel Salz im Erdboden befindet.» Konkret dehnt es sich, durch den Kontakt mit Sauerstoff und die Temperaturschwankungen, stark aus. Das zerstört den Mörtel. Eine Expertise der Kantonsarchäologie zeigte, dass das Verenabad-Becken durch das Sonnenlicht (Algenbildung) und massive Temperaturschwankungen zwischen den Jahreszeiten langfristig zerstört worden wäre.

Mehr Bilder vom Kurplatz und den bisherigen Funden:

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