Grossbritannien beschliesst im Juni 2016 den Austritt aus der EU: ein Schock, der tief sitzt. Auf den Brexit richtet nun auch das Internationale Festival für Animationsfilm den Fokus. Fantoche betitelt das erste Schwerpunktprogramm mit «Brexit: Goodbye to All That?». «Wohin wird die Reise bloss gehen?», fragt (sich) die künstlerische Leiterin Annette Schindler und spielt damit auf die unbestimmte Zukunft der herausragenden britischen Animationslandschaft und ihrer exzentrischen, witzigen und schrägen Filme an. An diese will das 15. Fantoche-Festival mit aller Macht erinnern, indem es etwa Filme aus den 1990er-Jahren, dem «goldenen Zeitalter» der britischen Animation und – als Stargast – auch den Wahl-Engländer Michael Dudok de Wit vorstellt. Wer erinnerte sich nicht an dessen letztes Jahr zum Publikumsliebling avancierten Langfilm «La Tortue rouge»? Nun wird Dudok de Wit das in Baden beheimatete Festival persönlich beehren – mit einer Masterclass.

Einreichungen aus 102 Ländern

Der zweite Fantoche-Themenschwerpunkt hat nichts mit einer bestimmten Animationsfilm-Nation, sondern mit «3 Generationen: Kino, TV, Web» zu tun. Die in den 1930er- und 1940er-Jahren geborene «Generation Kino» erlebte in jungen Jahren die Blütezeit des Kinos mit Kinopalästen und Kinostars; die «Generation TV» der 1960er-Jahre entdeckte vor dem Flimmerkasten den Animationsfilm; die heutige «Generation Web» ist generell breit interessiert an visuellen und narrativen Ausdrucksformen. Dementsprechend haben Mitglieder von SeniOrient für die Kino-Generation; Mitarbeitende von General Electric in Baden für die TV-Generation sowie zehn Klassen der Kantonsschule Baden für die Web-Generation ihre Lieblingskurzfilme für Fantoche ausgewählt.

Wie immer bilden auch 2017 der Internationale, der Schweizer und der Kinderfilm-Wettbewerb mit 81 animierten Kurzfilmen das Gerüst des Festivals, das – nicht überraschend – abermals mit Rekordzahlen aufwartet. «Wir erhielten 700 Animationsfilme mehr als 2016», betont Annette Schindler und verweist auf die insgesamt 2094 Einreichungen aus 102 Ländern, davon allein 67 Filme aus der Schweiz. Doch nicht allein die Wettbewerbs-Filme sind Perlen der Animationsfilmkunst, auch die Langfilme sind solche. Stellt, wer diesbezüglich ein Werk heraushebt, alle anderen Filme in die zweite Reihe? Keineswegs. Für Annette Schindler steht der in Annecy mit dem Publikumspreis gekrönte britische Langfilm «Loving Vincent» ganz einfach stellvertretend für andere Meisterwerke. An diesem Film über das Leben des Malers Vincent van Gogh haben 125 Profis aus ganz Europa mitgewirkt: Anhand von Live-Aufnahmen mit Schauspielerinnen und Schauspielern haben sie 65 000 Ölbilder gemalt und damit die Kunstwerke des grossen Künstlers zum Leben erweckt.

Von ganz anderem Zuschnitt ist der Schweizer Film «Haarig» von Anka Schmid: Die Regisseurin erzählt darin in einer Mischung aus Realfilm, Archiv- und Trickaufnahmen die Geschichte des menschlichen Haars. «Fantoche wird mit einer Weltpremiere beglückt», freut sich Annette Schindler. Weitere Fantoche-Schätze? Natürlich gibt es sie in Hülle und Fülle: Sie warten nur darauf, dass sie bald gehoben werden.