Kunst

Eine süsse Verführung mit Nachklang

«Tears of a Swan»: Rosenblätter aus Keramik.

«Tears of a Swan»: Rosenblätter aus Keramik.

Asiatische Schönheit und überdimensionierte Rosenblätter warten im Kunstraum Baden. In allen Arbeiten, die sie zeigt, ist ihre vietnamesische Herkunft wie ihr heutiges internationales Künstlerinnen-Nomadenleben ablesbar.

Riesige Rosenblätter liegen auf einem weissen Sockel. Von der Hand eines Riesen hingestreut? Nein, die Hände ihrer Schöpferin, der Schweizer Künstlerin Quynh Dong, sind zierlich. Und doch hat sie die Keramiken eigenhändig kreiert. «Ich wollte schon immer Skulpturen machen, es ist schön, mit den Händen zu arbeiten.» Das Arbeiten mit Ton ist quasi das Gegenprogramm zu ihren früheren hochartifiziellen Videos, in die sie Monate Arbeit vor dem Bildschirm investiert hat. Und doch, wenn der Blick von den im Licht glänzenden Rosenblättern zum Video im Hintergrund gleitet: Fremd sind sich die beiden Kunstwelten nicht.

Mit Farbenpracht lockt die riesige Projektion die Besucherin in den grossen leicht abgedunkelten Raum. Über einem künstlichen Garten schneit es leise, zuerst denkt man an Blütenblätter. Doch es ist künstlicher Schnee, der kurz über einer Zauberwelt niederschwebt, einer Mischung aus Barbie-Traum und asiatischer Exotik. Die Vorlage für dieses Video sei einerseits ein berühmtes vietnamesisches Lackbild mit elf Frauen in einem Garten, andrerseits faszinierten sie asiatische TV-Soaps, sagt die Künstlerin. Aus beidem und eigenen Ideen hat sie eine zarte Bilderwelt erschaffen. In einem gelbblauen Blütenmeer sehen wir elfmal dieselbe junge Asiatin: die Künstlerin selber. Neunmal steht oder liegt sie stumm da, zwei der Figuren beginnen zu singen. «Zweimal Weihnacht» heisse das Lied, das Video deshalb «Sweet Noel». Die Künstlerin erklärt lächelnd: «Das rosarote Kleid, das so asiatisch aussieht, habe ich in den USA vor Halloween gefunden.» Bild und Musik zusammen ergeben den Eindruck einer heilen Zauberwelt.

Aber ist diese Montage aus Klischee-Bildern auch ironisch gemeint? «Ein bisschen, ja», gibt Quynh Dong zu. Die Ironie will sie aber nicht als Kritik, als Demontage oder gar als ein Sich-lustig-Machen verstanden haben. «Eigentlich stelle ich Fragen nach der Identität. Was ändert sich, wen man in einem anderen Land lebt?» Sie werde in der Schweiz als Vietnamesin behandelt, als eine, der man das Land erklären müsse, obwohl sie hier aufgewachsen sei. Wenn sie dann Mundart rede, seien viele erstaunt.

Geometrische Männerwelt

Auf der Rückseite des künstlichen und romantischen Traumgartens erwartet die Besucher eine Gegenwelt mit Geometrie statt Blumen, mit Männern statt Frauen. In einem Raum aus leuchtenden, farbigen Rechtecken sehen wir zwei Männer. Asiaten. Etwas älter der eine, jünger und im Vordergrund stehend der andere. Sie warten. Bewegen sich leicht, der eine schaut auf die Uhr – doch nichts passiert. Das Video ist in New York entstanden, die Protagonisten seien begeisterte Karaoke-Besucher, doch beim Filmen hätten sie sich nicht produzieren wollen, berichtet Quynh Dong. So hat sie eine emotionale und doch streng strukturierte Musik aus Choral und Pop-Elementen komponieren lassen. Der geografisch nicht ortbare, abstrakte Raum, die beiden asiatischen Männer und die zeitlich schwer zuzuordnende Musik ergeben ein Gesamtkunstwerk, das gleichzeitig süffig und schwermütig, überhöht und banal, theatralisch und künstlich wirkt. Gebannt schaut man zu, wartet mit den Männern … Die Idee von Becketts Theaterstück «Warten auf Godot» sei natürlich schon drin enthalten, meint Quynh Dong. «Leben ist Warten.»

Die Künstler-Nomadin

In allen drei Arbeiten ist ihre vietnamesische Herkunft wie ihr heutiges internationales Künstlerinnen-Nomadenleben ablesbar. Geboren wurde Quynh Dong 1982 in Hai Phong in der Nähe von Hanoi, 1990 kam sie mit ihren Eltern in die Schweiz. Sie lebte in Bern, wie man aus ihrer Mundart unschwer erkennt, sie schloss ihren Master an der Zürcher Hochschule der Künste ab, dann folgte ein Stipendiums-Aufenthalt in New York.

Jetzt ist sie in Amsterdam und kann dort für zwei Jahre an einem Förderprogramm der Reijksakademie teilnehmen. «Dort steht mir ein Brennofen für meine Keramik zur Verfügung, das ist fantastisch», sagt die Künstlerin. Sie schildert, wie sie den Ton für die Rosenblätter zuerst dünn ausrollt, dann, wenn er etwas trocken, fast ledrig sei, über einer Form wölbe, schneide, weiss bemale, brenne, rosa und grün bemale und nochmals brenne. Übergross und doch fragil sind diese Blätter, schwer und doch luftig. «Tears of a Swan» nennt sie die Serie – und die ganze Ausstellung. Tränen bei so viel Schönheit? Melancholie, Anspielungen, etwa an das Bild des sterbenden Schwans, und Widerspruch auch hier. Wir wissen, Rosenblätter zerfallen schnell, hier sind sie im schönsten Augenblick erfasst und in zeitlose Werke umgesetzt.

«Ich liebe Schönheit – und Unterhaltung», sagt Quynh Dong. Eine in der heutigen Kunst seltene Kombination. Diese Vorlieben setzt sie geschickt und mit bewundernswerter technischer Perfektion um. So bezirzt sie die Besucherin nicht nur, sondern hinterlegt subversiv, aber wirksam ihre Frage nach Identität, kulturellen Differenzen in der globalisierten Bilderwelt, nach Schönheit und Wahrheit.

Tears of a Swan von Quynh Dong.
Kunstraum Baden. Bis 13. April.

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