Der Badener Verenahof, der in den nächsten Monaten in eine Privatklinik für Reha-Patienten umgebaut wird, zählte im letzten Jahrhundert zu den nobelsten Bäderhotels Europas. Weltbekannte Künstler wie Literaturnobelpreisträger Hermann Hesse oder Komponist Richard Strauss weilten hier mehrmals zur Thermalbad-Kur, was in fast jedem Geschichtsbuch über die Stadt Baden erwähnt wird.

Der Name Kadgien jedoch ist den allerwenigsten Badenern ein Begriff, obschon er jahrelang zu den Gästen im Verenahof zählte und wegen seiner Bedeutung für die Geschichte des 20. Jahrhunderts einen bedeutenderen Platz in den Chroniken einnehmen müsste. In den letzten 22 Jahren – so weit reicht die online abrufbare Schweizerische Mediendatenbank zurück – weist nur gerade ein kurzer Abschnitt in einem Artikel der «Zeit» aus dem Jahr 2008 auf den Aufenthalt Friedrich Kadgiens in Baden hin.

Die Verenahof-Vergangenheit des Nazis scheint – falls sie überhaupt je einer breiten Öffentlichkeit bekannt war – in Baden in Vergessenheit geraten zu sein. Und dies trotz des Bergier-Berichtes der Unabhängigen Expertenkommission Schweiz - Zweiter Weltkrieg, der sich auf mehreren Seiten mit dem ranghohen Nazi befasste.

Schriftliche Belege für Aufenthalt

Friedrich Gustav Kadgien (1907–1978), geboren in Wiesbaden, promovierter Jurist, hatte im nationalsozialistischen Regime einen der wichtigsten Finanzposten überhaupt inne. Er gehörte nicht zur obersten Führungsriege, war ihr aber unmittelbar unterstellt. Er galt als rechte Hand Hermann Görings, der für die wirtschaftliche Ausbeutung der Gebiete zuständig war, die Deutschland besetzte.

Die deutschen Truppen raubten in ihren Blitzkriegen und Feldzügen bekanntlich die Staatsbanken und reiche Bürger und viele Juden aus, klauten Gold, Diamanten, Aktien, Wertpapiere und plünderten Ölvorräte. Kadgien kam innerhalb der sogenannten «Vierjahresplanbehörde» Görings die Rolle zu, den Verkauf der Aktien und Wertpapiere über Schweizer Tarnfirmen und Banken zu koordinieren, und er zeichnete verantwortlich für Treibstoffhandel. Damit verschaffte er der deutschen Kriegsmaschinerie Milliarden dringend benötigter Devisen.

Als sich die Niederlage des Deutschen Reiches abzeichnete, flüchtete Kadgien 1945 in die Schweiz, passierte in Kreuzlingen die Grenze und begab sich nach Baden in den Verenahof, wo er gemeinsam mit Ludwig Haupt und Ernst Rudolf Fischer weilte, ebenfalls ehemalige Mitglieder der Vierjahresplan-Behörde.

Zwar fehlt der Name des Top-Nazis im Badener Fremdenblatt, das Monat für Monat gewissenhaft alle neu ankommenden Hotelgäste aufzeichnete. Dennoch lassen sich schriftliche Belege für Kadgiens Badener Zeit finden. Das Stadtarchiv Baden machte auf Anfrage dieser Zeitung eine Einwohnerkontrollkarte ausfindig, die belegt, dass er sich am 19. Juni 1945 in Baden anmeldete, im Verenahof wohnte und sich am 27. Januar 1949 wieder abmeldete, um sich nach Genf ins «Hotel des Familles» zu begeben. Ausserdem wird Friedrich Kadgiens Name – ebenso wie derjenige von Ludwig Haupt – in einem Adressbuch für Baden, Wettingen und Ennetbaden aus dem Jahr 1948 aufgeführt, das vom Verlag Boner & Cie. herausgegeben wurde.

Die Einwohnerkontrollkarte. ZVG/Stadtarchiv Baden

   

Darüber hinaus gibt es eine Zeitzeugin, die sich an den Nazi erinnert, die ehemalige Verenahof-Angestellte Martha Schneider. Sie erinnerte sich laut «Zeit» an drei Männer, alle von gepflegter Erscheinung: Friedrich Kadgien, Ernst Rudolf Fischer und Ludwig Haupt. Erst Jahre später sei ans Licht gekommen, dass sie während des Krieges den Nazis gedient hatten. Im Speisesaal des Verenahofes, in dem auch jüdische Flüchtlinge lebten, hätten somit Täter und Opfer Tisch an Tisch gesessen, erinnerte sich Schneider.

Wohlwollen der Behörden

Erstaunlich am Aufenthalt Kadgiens in Baden war die Tatsache, dass er von den Alliierten gesucht, hier ausfindig gemacht und sogar verhört wurde, worauf bei der Schweiz ein Auslieferungsbegehren einging. Doch er konnte auf die Protektion der Schweizer Behörden zählen, die ihn vor dem Zugriff der Alliierten schützten. Das lag laut Bergier-Bericht daran, dass er über gute Kontakte verfügte und es verstanden hatte, das Wohlwollen namhafter Schweizer Behördenvertreter zu erwerben.

Schon gegen die Einreise der drei Schreibtischtäter hatte die Fremdenpolizei nichts einzuwenden. Offizieller Einreisegrund, wie auch die Einwohnerkontrollkarte Kadgiens belegt, waren Verhandlungen mit der Petrola, einer halbstaatlichen Genossenschaft mit der Aufgabe, die Schweiz während der Kriegsjahre mit Brennstoff zu versorgen.

Als Verantwortlicher für den Treibstoffhandel war Kadgien während des Krieges mit der halbstaatlichen Genossenschaft in Verbindung. Verwaltungsratspräsident der Petrola war SP-Nationalrat Robert Grimm, der gleichzeitig Leiter der Sektion Wärme und Kraft im Volkswirtschaftsdepartement war. Als die Bundesanwaltschaft die Auslieferungsgesuche der Alliierten abschlägig beantwortete, begründete sie dies unter anderem damit, dass Sozialdemokrat Grimm die Aufenthaltsbewilligung Kadgiens in der Schweiz «sehr unterstütze», heisst es im Bergier-Bericht.

Zwar wurde er auch von der Bundesanwaltschaft verhört, doch schaffte er es, sich den Anstrich eines Mannes zu geben, der in Deutschland dem Widerstand gegen das Nazi-Regime angehört habe. Er behauptete, er sei einer jener Bürger gewesen, die gegenüber der Partei als belastet galten. Eine blanke Lüge – doch die Schweizer Behördenvertreter waren leicht zu überzeugen.

Ab Sommer 1946 musste Kadgien keine weitere Verfolgung mehr befürchten. Und so konnte er im noblen Badener Bäderquartier in aller Ruhe Pläne für sein weiteres Leben schmieden. Es liegt der Verdacht nahe, dass er es schaffte, auf Teile des Raubvermögens zuzugreifen, das in der Schweiz lagerte. Als ehemaliger Sonderbevollmächtigter der Vierjahresplanbehörde wusste er genau, auf welchen geheimen Konten der deutschen Tarnfirmen in der Schweiz die Geldbeträge, Diamanten und Wertschriften versteckt waren.

Nie zur Rechenschaft gezogen

1950 wurde Kadgien in Baden noch einmal aktenkundig. Obwohl er sich laut Einwohnerkontrollkarte bereits ein Jahr zuvor offiziell abgemeldet hatte und keine Aufenthaltsbewilligung mehr besass, verbrachte er seine Nächte nach wie vor in Baden. Im Dezember 1950 entdeckte ihn die Badener Polizei ohne Aufenthaltsbewilligung. Als 1951 eine Klage bei der Bezirksanwaltschaft Zürich einging, hatte er sich bereits ins Ausland abgesetzt.

In einem WDR-Dokumentarfilm aus dem Jahr 2015 belegt der Journalist Ingolf Gritschneder, dass Kadgien sich in Brasilien und Argentinien als erfolgreicher Geschäftsmann betätigte. Er verfügte vor allem dank der Nazi-Raubgelder, auf die er sich in seiner Badener Zeit Zugriff verschafft hatte, über ein so grosses Vermögen, dass er sich zusammen mit Ludwig Haupt im Westen Brasiliens ein Landgut mit einer Fläche so gross wie Berlin kaufen konnte. Kadgien starb 1978 in Buenos Aires, ohne je für seine Taten zur Rechenschaft gezogen worden zu sein.

Für die Unabhängige Expertenkommission Schweiz - Zweiter Weltkrieg steht fest: Die Schweiz übernahm – entgegen aller zeitgenössischen und späteren Dementis – teilweise in vollem Wissen eine Art Beherbergungsfunktion für Personen, die verdächtigt wurden, Kriegsverbrechen begangen zu haben.

Diese Fälle seien gar gravierender als jene, bei denen flüchtige Kriegsverbrecher wie Auschwitz-Arzt Josef Mengele durch das Internationale Rote Kreuz mangels Kontrollen mit provisorischen Reisepapieren ausgestattet wurden. Aus Badener Sicht lässt sich konstatieren, dass der Verenahof, in dem sich der Nationalsozialist Friedrich Kadgien nach dem Zweiten Weltkrieg einquartieren durfte, Teil eines der dunkelsten Kapitel der Schweizer Geschichte des 20. Jahrhunderts war.

Impressionen aus dem Badener «Verenahof»: