Kirchdorf
Sie schenken Ferienkindern ein wenig Glück und Geborgenheit

Paul und Macrina Nöthiger nehmen seit Jahren jeden Sommer ein Ferienkind bei sich auf. Die ersten sind bereits erwachsen, stehen aber noch immer mit ihnen in Kontakt.

Ursula Burgherr
Merken
Drucken
Teilen
Die 11-jährige Angelik ist bei Macrina und Paul Nöthiger in den Ferien. Sie geniesst es, mit dem Traktor mitzufahren.

Die 11-jährige Angelik ist bei Macrina und Paul Nöthiger in den Ferien. Sie geniesst es, mit dem Traktor mitzufahren.

Aargauer Zeitung

Angelik ist 11 und stammt aus Oberhausen im Ruhrgebiet. Ihre Mutter hat sechs Kinder von drei verschiedenen Vätern. Die Familie lebt an der Armutsgrenze und Ferien lägen für das Mädchen gar nicht drin, wenn es «Kovive» nicht gäbe. Das Kinderhilfswerk steht in engem Kontakt mit deutschen und französischen Sozialdiensten und sorgt dafür, dass Kinder in Not Urlaub in der Schweiz machen können.

Angelik hat es gut getroffen bei Paul und Macrina Nöthiger, die drei Wochen lang ihre Gasteltern sind. Das schmucke Kirchdorfer Bauernhaus auf dem Tromsberg steht im totalen Kontrast zum heimatlichen Wohnblock, in dem sie sich ein Zimmer mit zwei Geschwistern teilen muss. «Anfangs hatte ich etwas Heimweh», gesteht die Kleine und drückt kurz ihren Teddy, den Mama mitgegeben hat. Dann rasselt sie mit der Sparbüchse und strahlt: «Immer wenn ich ein Ämtchen erledigt habe, kriege ich einen Batzen. Davon kann ich mir später zu Hause etwas kaufen.»

Paul Nöthiger hat als Landwirt gerade im Sommer viel auf seinen Feldern zu tun. Für das Stadtkind Angelik eröffnen sich neue Welten, wenn sie auf dem Traktor mitfahren darf. «Das ist für mich das Allerschönste — noch besser, als in die Badi zu gehen», meint sie und lächelt schüchtern.

Wurzeln und Flügel bekommen

«Angelik ist enorm hilfsbereit und anständig», freut sich Macrina Nöthiger. Mit ihrem Mann hat sie bereits drei Pflegekinder bis zu ihrer Selbstständigkeit grossgezogen und zehn deutsche Ferienkinder bei sich aufgenommen, die ihnen «Kovive» vermittelte. Die meisten von ihnen kamen über viele Jahre immer wieder.

Obwohl die guten Erfahrungen überwiegen, seien sie manchmal an ihre Grenzen gestossen, berichtet das Ehepaar. «Die kleine Petra kam mit acht zu uns und weinte sich zwei Wochen lang die Augen aus dem Kopf vor lauter Heimweh», erinnern sie sich. Jemanden zurück nach Hause schicken, weil es gar nicht ging, mussten sie allerdings noch nie.

Viele der mittlerweile erwachsenen Ferienkinder stehen heute noch im Kontakt mit ihren Gasteltern aus Kirchdorf. Der Besuch der 26-jährigen Bianca steht kurz bevor. Sie hat für die Nöthigers ein Fotoalbum gemacht und reingeschrieben: «Zwei Dinge sollten Kinder von ihren Eltern bekommen: Wurzeln und Flügel. Ihr habt mir beides gegeben.»

Eine schöne Aufgabe

Was motiviert Paul und Macrina Nöthiger, immer wieder, Ferienkinder zu beherbergen? «Wir hätten uns nach unserem Sohn Thomas (heute 33) nochmals Nachwuchs gewünscht, doch es klappte nicht», sagt die gelernte Kleinkinderzieherin Macrina und fügt dann nachdenklich hinzu: «Doch wir sahen, wie viele Jugendliche aus sozial ärmlichen Verhältnissen und zerrütteten Familien dringend Hilfe brauchen. Für uns ist es eine schöne Aufgabe, ihnen ein wenig Glück und Geborgenheit zu vermitteln.»

Generell sei es schwieriger geworden, Ferienkinder zu platzieren. «Die meisten berufstätigen Leute empfinden es als zu anstrengend, für mehrere Wochen die Verantwortung für ein fremdes Geschöpf zu übernehmen», erklären die beiden.

Obwohl sie kurz vor der Pensionierung stehen, möchten sie nächstes Jahr wieder einen Ferienplatz anbieten. «Uns sind die kleinen Gäste so ans Herz gewachsen. Ich kann mir einen Sommer ohne Kind gar nicht mehr vorstellen», meint Macrina Nöthiger.