Baden-Balladen

Simon Libsig protokolliert ein Wunder: Auf, ins Leben!

Simon Libsig schreibt über die Geburt seines Sohnes.

Simon Libsig schreibt über die Geburt seines Sohnes.

12:10h: «Schnapp Dir die Tasche», sagt meine Frau, «es geht los.»

12:20h: Ich suche immer noch den Autoschlüssel. Die nächste Wehe rollt an.

12:30h: Der Taxifahrer schaut besorgt, er sei keine Ambulanz. Meine Frau wiegelt zwischen zwei Wehen ab, Eröffnungsphase, das könne Stunden dauern.

12:45h: Beim Schadenmühleplatz und beim Spitzbueb fahren wir rechts ran und warten die Wehen ab. Ich hole mir ein Sandwich. Google heimlich «Eröffnungsphase».

13h: Check-in im KSB, alles reibungslos. Im Vorbereitungszimmer muss ich mich setzen. Die Hebamme fühlt meinen Puls. In meiner Jackentasche finde ich den Autoschlüssel.

13:20h: Meine Frau und ich sehen die Herztöne des Kindes und die Wehen als Kurven auf dem Bildschirm. Während die Kurve steigt, legt meine Frau ihre Hände auf meine Schultern und drückt ihren Kopf gegen meine Brust. Ich spüre ihre Fingernägel. In den Verschnaufpausen beobachten wir die Kurven von drei weiteren Gebärenden, die es ebenfalls, mit Initialen gekennzeichnet, auf dem Bildschirm anzeigt. Wir leiden mit. Wir fühlen uns mit ihnen verbunden, obwohl wir nicht wissen, wer sich hinter den Initialen verbirgt. Wir erfinden lustige Namen zu den jeweiligen Initialen.

15:15h: Hebamme 1 übergibt an Hebamme 2. Auch sie will als Erstes meinen Puls fühlen. Käsig, ist der Ausdruck, den sie verwendet. Meine Frau ist unterdessen bis in die Cafeteria zu hören. Hilflos bringe ich ihr ein Birchermüsli mit. Wir wechseln in den Gebärraum.

16:40h: Meine Frau gleitet in den Pool. Ich dimme das Licht. Schalte das Radio ein. Während die Moderation die Staumeldungen verliest, vergehen zwei Wehen. So schön wie meine Frau hat noch niemand den Baregg, den Gubrist und das Brüttiseller Kreuz verflucht.

17:25h: Raus aus der Wanne. Bewegen. Die Wehen wieder etwas ankurbeln. Da! Die Kurve erreicht neue Höchstwerte. Meine Frau möchte etwas gegen die Schmerzen. Lachgas lehnt sie jedoch nach kurzem Ausprobieren ab. Ich hingegen nehme es dankbar an.

18:30h: Meine Frau zittert, schwitzt, brüllt. Sie könne nicht mehr, sagt sie. Es zerreisst mir das Herz. Die Hebamme hebt die Augenbraue, aha, Übergangsphase. Selbst wenn ich wollte, ich könnte es nicht mehr googeln, meine beiden Hände sind zu Klumpen geschwollen. In der Verliebtheitsphase, geht es mir durch den Kopf, wird Händchen gehalten, und in der Übergangsphase, wird die Hand gedrückt. Gequetscht.

18:45h: Hektik. Die Herztöne sind schwach. Meine Frau soll den Mund schliessen beim Pressen, nicht schreien. Sie ist in einer anderen Welt. Nur Frauen sind so tapfer. Auch die anderen drei vom Bildschirm. Es sind wahre Kinderkriegerinnen.

19:16h: Louie ist da! Er schreit. Er ist voller Leben. Er wird vermutlich ein Spitzbueb. Ich habe mein Sandwich vergessen.

Simon Libsig, Autor und Poet aus Baden: Der Spoken-Word-Poet (40) schreibt nach «Leichtes Kribbeln» zurzeit an seinem zweiten Roman. Seine Kolumne erscheint immer am ersten Donnerstag im Monat.

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