Brugg
Journalistin und Ex-Vize-Präsidentin des Presserates über Tabubrüche: Wann darf, wann soll man?

Die Journalistin und frühere Vize-Präsidentin des Presserates, Esther Diener-Morschner, referierte über das Verhältnis der Medien zum Tabu.

Christoph Bopp
Merken
Drucken
Teilen
Passend zum Thema: Das Netzwerk Schweizer Pressefotografie in Aarau

Passend zum Thema: Das Netzwerk Schweizer Pressefotografie in Aarau

Chris Iseli

«Wenn Medien erklären, man würde jetzt über ein Tabuthema berichten, dann ist es mit Sicherheit keines mehr.» Das war die erste These, welche die Referentin Esther Diener-Morschner zum Verhältnis der Medien zum Tabu aufstellte. Moderne Medien müssen sich auf dem Markt behaupten, wo die «Aufmerksamkeitsökonomie» herrscht. Unter diesem Titel stellte der Stadtplaner Georg Franck 1998 eine Parallelinstitution zur Geld-Ökonomie vor. Und die Ähnlichkeiten waren frappant. Aufmerksamkeit ist heute das knappe Gut. Wer sie hat, überlebt.

Wer viel hat, bekommt noch mehr. Wer keine hat, muss schauen, wo er bleibt. In der Geld-Waren-Ökonomie treffen sich Produzenten (Arbeitgeber) und Konsumenten (Arbeitnehmer), dabei geht es um das «Lebensmittel» – meist in Form von Geld, das zum Leben gebraucht wird oder als Kapital akkumuliert wird. In der Aufmerksamkeitsökonomie treffen sich Medien und Individuen, die Währung heisst «Aufmerksamkeit» oder «Promi auf Zeit» oder ähnlich. Die Medien machen jemanden zum Promi, um sich so besser zu verkaufen. Und die Leute machen mit, weil nichts mehr wert scheint, als im Rampenlicht öffentlicher Aufmerksamkeit zu stehen.

Ausgebeuteter Promi-Drang

Auf diesem para-ökonomischen Feld gibt es ebenfalls ein Minimax-Prinzip. Mit minimalem Aufwand ein Maximum an Wirkung zu produzieren: Das ist der Tabubruch. Manchmal geht das für die «Viertelstunden-Berühmten» (Andy Warhol) glimpflich aus, meist nicht. Meist wird dieser Drang zum Scheinwerfer vom Medium gnadenlos ausgenutzt: Jemand wird wirklich blossgestellt, es werden Dinge aus dem Privatleben öffentlich, die man doch lieber privat gehalten hätte.

Die Referentin zeigte Beispiele. Notgedrungen, weil es keine Liste der verbotenen Themen gibt. Es kommt auch hier drauf an. Denn – auch das ist weitgehend unbestritten – es ist die Kernaufgabe der Medien, genau hinzusehen und zu berichten, wenn etwas falsch läuft, ohne Rücksicht auf Tabus zu nehmen. Das Kriterium heisst «öffentliches Interesse». Natürlich hat jede Gesellschaft ihre Tabuzonen, es muss auch nicht immer Sex sein. Aber wenn sie begründet ist, darf die journalistische Neugier dorthin.

«Die Journalisten müssen selber klare Grenzen zwischen Tabu und Nicht-Tabu setzen.» Das die abschliessende These von Esther Diener-Morschner. Die Journalisten tun das nicht im moralischen Niemandsland. Wer das Gefühl hat, gegenüber seiner Person seien Grenzen nicht eingehalten worden, kann sich an den Presserat wenden. Oder darauf hoffen, dass andere Medien den Fall aufnehmen.

Nächster Vortrag: 6. November, 17.15 Uhr, Aula FHNW Windisch: Peter von Matt: Warum ist das Töten von Menschen kein Tabu?