Birrfeld
Notlandung mit akrobatischer Einlage verhindert: «Wir sind stolz, dass wir das geschafft haben»

Mit akrobatischen Einlagen, einem Überbrückungskabel und mehr als einer Krafteinlage schafften es zwei Piloten die Fahrwerksprobleme in den Griff zu bekommen und sicher auf dem Flugplatz Birrfeld zu landen.

Lea Durrer
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Mit einem Überbrückungskabel rasch das Fahrwerk reparieren? Kein Problem für Werner Oesch. Der Zürcher Pilot ist aus dem Flugzeug gelehnt, hat das Fahrwerk mit dem Kabel herangezogen und es eingerastet. Das Flugzeug konnte anschliessend sicher auf dem Rollfeld landen.

Wenn Oesch über die Rettungsaktion vom Donnerstag erzählt, tönt das wie in einem «Indiana Jones»-Film. Für ihn selbst war das aber gar keine grosse Sache. «Es tönt dramatisch, war aber händelbar», meint der 67-Jährige lakonisch.

Checkflug

Regelmässig steht für Piloten eine Prüfung an. Da müssen sie einem Fluglehrer zeigen, dass sie eine bestimmte Fliegerklasse weiterhin fliegen dürfen. Im Aviatik-Jargon nennt man dies Class Rating. (ldu)

Oesch, der seit 1987 Pilot ist und schon fast 1800 Flugstunden absolviert hat, trat an jenem Morgen mit der motorisierten Cessna 177-RG für einen Checkflug an und trainierte mit Chef-Fluglehrer Christoph Decking Notlandungen. Nach einer halben Stunde Flug war eine solche Trainingsübung über dem Flugplatz Birrfeld geplant. Doch aus Übung wurde ernst. «Als wir in den Sektor West einflogen und als Vorbereitung zur Landung das Fahrwerk ausfahren wollten, geschah einfach nichts.» Kein grünes Licht am Armaturenbrett. Auf der rechten Seite des Flugzeugs sahen die Piloten, dass das Fahrwerk nicht ausgefahren war. «Es stand schräg», so Oesch.

Die beiden entschieden sich, erst einmal weiter in Richtung Fricktal zu fliegen und gingen die Checkliste für Notfallsituationen durch. Die Hydraulikpumpe funktionierte nicht – auch von Hand konnten die Piloten keinen Gegendruck erzeugen. «Da merkten wir: Etwas ist nicht gut. Uns war klar, dass es wohl ein Leck in der Ölleitung gab», berichtet Oesch.

Die erfahrenen Piloten meldeten dies dem Flugplatzleiter auf dem Birrfeld. Dort reagierte man sofort: Der Flugplatz wurde komplett geschlossen, die Feuerwehr brachte sich in Stellung.

In der Luft war von Hektik nichts zu spüren. Die beiden waren die Ruhe selbst. Das drang auch bis zum Flugplatz durch. «Sie sind beide ruhig geblieben, das war am Funk zu hören», gab Alexander Prinz von der Flugplatz-Feuerwehr gegenüber der az an. Das bestätigt auch Oesch. «Wir waren zu jeder Zeit total ruhig.» In Oeschs Gedanken tauchte nicht einmal eine ähnliche Erfahrung bei der Landung am Flughafen Zürich auf, als die Fahrwerke erst beim Durchgehen der Notfallliste in Gang kamen. Damals hatte er noch Passagiere an Bord und war alleine.

Christoph Decking, Chef-Fluglehrer des Flughafens Birrfeld, und Werner Oesch nach der geglückten Landung.

Christoph Decking, Chef-Fluglehrer des Flughafens Birrfeld, und Werner Oesch nach der geglückten Landung.

zvg

Akrobatik in der Luft

Den Piloten an Bord war das Risiko einer Notlandung bewusst, falls sie das Problem nicht beheben konnten. Um die vorderen und hinteren Fahrwerke einzurasten, versuchten sie einige akrobatische Flugmanöver. Der Steilflug nach oben und unten führte wohl schliesslich dazu, dass zumindest das Bugfahrwerk an seinen Platz gelangte. Alleine mit diesem könnte sich der Flieger bei einer Landung unter Umständen überschlagen. Ebenfalls möglich: Wenn der Bauch über die Piste schleift und Benzin austritt, kann sich dieses entzünden. Keine guten Aussichten.

Es ist also in jedem Fall ein riesengrosser Vorteil, wenn die Hauptfahrwerke ebenfalls ausgefahren sind. Für die sichere Landung bedurfte es aber eines Kraftaktes. «Es ist unheimlich schwer, die Tür während des Fluges wegen des Gegendrucks zu öffnen. Sogar Chef-Fluglehrer Christoph Decking, der mittlerweile das Steuer übernommen hatte, damit Oesch über die Rücklehne seines Sitzes klettern konnte, half mit, die Tür ein Stück weit aufzudrücken.

Weil er aber das Fahrwerk nicht erreichen konnte, suchte sich Oesch Hilfe im Gepäckraum. Ein Seil sollte her. An dessen Stelle tat auch das Überbrückungskabel seinen Dienst. Auf den Knien, der Kopf an der frischen Luft, schlang er das Kabel um den Fahrwerksarm und zog mit Hilfe des Chef-Fluglehrers kräftig daran. Zur Beruhigung der Nerven: Immerhin angegurtet war der 67-Jährige bei der Aktion. In einem solch kleinen Flugzeug und in dieser Höhe ist der Sog ohnehin nicht so gross. «Das kann eine Person nicht nach draussen ziehen.»

Auf der anderen Seite hiess es abermals ziehen. Mit Erfolg, denn «mit Erleichterung haben wir plötzlich das grüne Licht aufblinken sehen.» Die Landung glückte, die Freude war sowohl bei den Piloten als auch bei den Leuten am Boden riesig. «Alle Leute klatschten, da hatten wir das erste Mal das Gefühl, dass wir eine Leistung erbracht haben. Wir sind schon stolz, dass wir das geschafft haben.»

Dass das Ganze glimpflich ablief, sei nur möglich gewesen, weil sie zu zweit in der Luft waren. «Wir waren ein super Team», betont Werner Oesch und spricht von einer «glücklichen Fügung». Ein Pilot alleine sei schlichtweg chancenlos.

Als er das Flugzeug nach der aufregenden Landung verliess, hatte er keine weichen Knie. «Wir mussten auch gleich in ein Sitzungszimmer und alles genau schildern», so Oesch. Dadurch hätten beide den Vorfall recht gut verarbeitet. «Erst einen Tag später kamen die Emotionen hoch», meint Oesch.

Rohr gerissen

Wieder am Boden mussten die Flieger gleich einem Sicherheitsbeauftragten der Schweizerischen Unfalluntersuchungsstelle unverzüglich alles berichten. Danach wurde die Cessna 177-RG auseinandergenommen und kontrolliert. Der Grund für das Versagen des Fahrwerks deckt sich mit Oeschs Annahme: Ein Hydraulikrohr aus Aluminium hatte einen Riss, was zum Zusammenbruch des Öldrucks für den Antrieb des Fahrwerks führte.