Schryberhof
Eine Wochenmarkt-Legende sagt Adieu – und verabschiedet sich persönlich von seiner Kundschaft

Seine Grossmutter nahm schon 1924 am Markt in Brugg teil. Später begleitete Kurt Mathys als 18-Jähriger seine Mutter. Jetzt zieht er sich zurück. In Brugg besteht der Marktstand weiter, in Aarau hingegen ist am Samstag nach rund 35 Jahren definitiv Schluss.

Claudia Meier
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Kurt Mathys verabschiedet sich nach über 40 Jahren von seiner Kundschaft in Brugg. Er verteilt Anis-Gebäck, das seine ehemalige Angestellte Rosmarie Müller aus Windisch (rechts) produziert hat.

Kurt Mathys verabschiedet sich nach über 40 Jahren von seiner Kundschaft in Brugg. Er verteilt Anis-Gebäck, das seine ehemalige Angestellte Rosmarie Müller aus Windisch (rechts) produziert hat.

Bild: Claudia Meier

Auf dem Tisch vor dem Schryberhof-Stand am Brugger Wochenmarkt liegt eine rote Rose. Kurt Mathys, mit gestricktem Chäppi und Stoffmaske, hält ein helles Weidenkörbchen in der Hand, geht auf seine Stammkunden zu und verteilt zum Abschied liebevoll verpacktes Gebäck. «Das Leben geht vorwärts, 24 Stunden jeden Tag», sagt einer, der 1982 als 25-Jähriger den elterlichen Betrieb in Villnachern übernommen hatte.

Die Markttage in Brugg und Aarau bildeten zwar nur einen kleinen Teil seiner Arbeit, fährt der Obstbauspezialist mit ruhiger Stimme fort. In all den Jahrzehnten habe er in der Stadt aber viele tolle Leute kennen gelernt, mit denen er regelmässig Freud und Leid teilte. Kurt Mathys weiss:

«Ich werde die Leute sehr vermissen.»

Eine Kundin drückt ihm eine Tasche mit einem guten Tropfen in die Hände und wünscht ihm einen guten Start für die Zukunft.

Die vierte Generation führt den Stand in Brugg weiter

Am Sonntag kann Mathys seinen 64. Geburtstag feiern. Für ihn ist das der ideale Zeitpunkt, um in Pension zu gehen. Seine Frau Agathe ist seit drei Jahren im AHV-Alter. Das Paar hat sieben Grosskinder. Sohn Michael, eines der fünf Kinder, und dessen Ehefrau Miriam führen den Schryberhof seit dem 1. Januar 2018 in vierter Generation weiter.

Der Stand der Familie Mathys vom Schryberhof in Villnachern zieht am Brugger Wochenmarkt stets viele Kunden an.

Der Stand der Familie Mathys vom Schryberhof in Villnachern zieht am Brugger Wochenmarkt stets viele Kunden an.

Bild: Claudia Meier

Die Teilnahme am Brugger Wochenmarkt bleibt bestehen. Nur am Wochenmarkt in Aarau findet am Samstag nach rund 35 Jahren definitiv die Derniere statt. Das habe zeitliche Gründe, weil Kurt im Team nicht ersetzt werde und Aarau nicht in erster Linie zum Einzugsgebiet gehöre, sagt Michael Mathys. Er verweist zusätzlich auf den Hofladen.

«Wir sind ja nicht weg», sagt Kurt Mathys den zahlreichen Kunden, die am Freitagmorgen nach seinem Zukunftsplan fragen. Auch Sohn Michael hofft, dass der Vater einspringen wird, wenn es erfahrene Arbeitskräfte braucht, beispielsweise bei der nächtlichen Kirschenernte, wenn die Früchte früh am Morgen frisch abgeliefert werden müssen. Kurt Mathys verspricht, dass er flexibel einsetzbar sei.

«Man darf das Leben nicht dem Zufall überlassen»

Wichtig ist dem 64-Jährigen, dass jeder Mensch möglichst seiner Leidenschaft nachgehen kann. Diesem Grundsatz will er, der nie einen grossen Unterschied zwischen Arbeit und Freizeit machte, weiterhin treu bleiben. «Man darf im Leben nicht alles dem Zufall überlassen. Strukturen, die einem wichtig sind, muss man versuchen zu beeinflussen.» Es brauche Veränderung.

Im Bündnerland hat sich das pensionierte Ehepaar Mathys mit dem Kauf einer ehemaligen Sennerei in Tamins, die Kurt zu einem Feriendomizil umbauen will, einen weiteren Traum erfüllt. Nein, er werde nicht von Villnachern wegziehen, antwortet er den neugierigen Kundinnen. «Aber wer weiss schon, was in zehn Jahren ist», fügt er an.

Kurt Mathys hat manchmal sogar ein schlechtes Gewissen

Die Anis-Guetzli, die Kurt Mathys während des Gesprächs laufend verteilt, hat seine ehemalige Angestellte Rosmarie Müller aus Windisch für ihn produziert. Sie sagt:

«Ich wollte ihm für den letzten Tag am Brugger Markt einen Dienst erweisen.»

Kurt sei immer ein guter Chef gewesen und habe stets alle gleich behandelt. Während rund zehn Jahre habe sie am Marktstand mitgearbeitet und auch auf dem Hof geholfen.

Zwischen Bank und Stadthaus befindet sich der Schryberhof-Stand.

Zwischen Bank und Stadthaus befindet sich der Schryberhof-Stand.

Bild: Claudia Meier

«Wenn man sich das viele Leid auf der Welt anschaut, muss ich sagen, dass wir hier in fast paradiesischen Verhältnissen leben. Ich habe manchmal sogar ein schlechtes Gewissen», drückt Kurt Mathys seine grosse Dankbarkeit aus und wendet sich wieder der Kundschaft zu.

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