Brauchtum
Dank Lüthi gehen den Meitli die Männer ins Netz

Ernst Lüthi knüpft die Netze, mit denen die Meitli in Fahrwangen und Meisterschwanden Männer einfangen. Weil die Meitli auch stattliche Männer in den Netzen schütteln, kommt es immer wieder vor, dass es ein Seil ‹putzt›.

Anna Wanner
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Meitli haben mit dem Grasbogen von Ernst Lüthi einen Mann gefangen.az-archiv/Toni Widmer

Meitli haben mit dem Grasbogen von Ernst Lüthi einen Mann gefangen.az-archiv/Toni Widmer

Ernst Lüthi spinnt seit 73 Jahren. Er spinnt Hanf und Flachs zu Seilen; das hat er so gelernt. Die Seile verknüpft er zu einem Netz. Indem er das Netz zwischen zwei Holzstecken spannt, entsteht ein Grasbogen. Ein Grasbogen, wie ihn die Seetaler Meitli im Januar wieder brauchen, um Männer einzufangen (siehe «Meitlitage»).

Dass seine Grasbögen einiges aushalten müssen, weiss der 88-Jährige: «Weil die Meitli auch stattliche Männer in den Netzen schütteln, kommt es immer wieder vor, dass es ein Seil ‹putzt›.» Trotzdem verwende er zur Herstellung weiterhin lieber die selbst gesponnenen Naturseile anstatt Nylon. Getreu der Tradition.

An den Meitlitagen sei er selbst nur dreimal gewesen, erzählt Lüthi. «Aber unauffällig. Erwischt haben mich die Meitli nie.» Denn diese suchten laut Lüthi «feinere Herren» aus, die es vermögen, ihnen etwas zu spendieren. «Meitli fangen keine Büezer, die kein Geld haben.»

Alles andere als Seile

Ernst Lüthi begnügte sich nie mit der täglichen Büez in der Seilerei. Um einen Zustupf zu verdienen, fertigte er in seiner Freizeit Geisseln an. «Während der Seiler-‹Stifti› verdiente ich dafür 40 Rappen pro Stunde.» Bald entwickelte er die Lenzburger Chlausgeissel, durch die er überregionalen Ruhm erlangte. Lüthi produzierte ausserdem Armbrustsaiten aus Hanf, Hundespielzeug aus Nylon und eben: seit 40 Jahren auch Grasbögen für die Meitlitage.

Ernst Lüthi sagt zwar, er sei faul geworden. «Ich schaffe nicht mehr so gerne.» Trotzdem repariert der 88-Jährige nach wie vor kaputte Geisseln und Grasbögen. Im Keller seines Hauses in Lenzburg stehen Material, Werkzeuge und Maschinen bereit.

Für die Herstellung der Grasbögen spinnt er nicht nur die Schnüre für das Netz selber. «Die Haselstauden holze ich hier in der Umgebung», sagt Ernst Lüthi. Diese stutzt er und biegt sie in seiner Werkstatt. Nur die Nylonschnur, mit der er den Haselstecken spannt, ist nicht hausgemacht. Um das Netz im gespannten Holzbogen zu knüpfen, hängt er ihn ans Garagentor.

Für den handgefertigten Grasbogen verlangt Ernst Lüthi 250Franken. «Ich darf nicht ausrechnen, wie viel ich aufwende und was ich dafür einnehme. Sonst werde ich verrückt.» Das gilt nicht nur für die Grasbögen. Manchmal flickt er Geisseln umsonst. «Den Beruf darf man nicht wegen des Geldes machen», sagt er. Für ihn war immer klar: «Wer eine Geissel haben will, soll sich auch eine leisten können.»

Rüge vom Seilerei-Direktor

Um neben der Arbeit in der Seilerei die privaten Aufträge zu bewältigen, halfen seine Frau und seine beiden Kinder mit. «Wir verbrachten manche Ferien in der Werkstatt.» Dass er sein eigenes Geschäft aufbaute, wurde aber von seinem damaligen Arbeitgeber nicht goutiert. «Ich wurde vor die Direktion zitiert», erzählt Lüthi. «Ich dürfe keine Geisseln herstellen, hiess es. Aber verbieten konnten sie es mir ja nicht.» Als Konsequenz seines Ungehorsams sei der Lohn stets tief geblieben. «Aber rauswerfen konnten sie mich nicht. Es gibt ja kaum ausgebildete Seiler.»

Darin sieht Ernst Lüthi auch in Zukunft das Problem bei der Herstellung von Geisseln, Grasbögen und Armbrustsaiten. «Wenn ich mal nicht mehr bin, kann es niemand mehr», sagt er. Grundsätzlich spinne ja mancher. Nur komme selten etwas dabei heraus.