Zeitgeschichte Aargau
Ein Pionierprojekt schreibt die Aargauer Zeitgeschichte auf - das Resultat packt sogar Geschichtsmuffel

Auf über 600 Seiten fasst der Wälzer «Zeitgeschichte Aargau» die Kantonsgeschichte von 1950 bis 2000 zusammen. Darunter sind heitere Anekdoten und überraschende Trouvaillen.

Anna Raymann
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Diese Riesenkartoffel wurde 1952 in Frick geerntet.

Diese Riesenkartoffel wurde 1952 in Frick geerntet.

Fred Mayer, StAAG

Im Aargau wurde Papa Moll erfunden, DJ Bobo übte seine ersten, später legendären Tanzschritte und hier wurde der erste Döner der Schweiz verkauft. Das allein schon sollte Grund genug sein, diesen Schmelztiegel der Regionen genauer anzuschauen. Trotzdem musste der junge Kanton 200 Jahre alt werden, um ein konkretes Projekt zu lancieren. Zu jenem runden Geburtstag schenkte sich die Historische Gesellschaft Aargau eine neu geschriebene Kantonsgeschichte – das reichhaltige Geschichtsbuch erscheint heute. Der nüchterne Titel «Zeitgeschichte Aargau 1950 bis 2000» verrät nicht, welcher Fundus an klugen Informationen und munteren Anekdoten sich in dem 2,4 Kilo schweren Band verbirgt.

Die Zeitgeschichte beginnt mit einer Waschmaschine

Rund 60 Zeitzeugengespräche und etliche Archivgänge stecken zwischen den Buchdeckeln. Blättert man durch die Kapitel, erkennt man rasch: Entstanden sind eigentlich fünf Bücher. Geschrieben wurden sie von einem diversen Team – das heisst hier, die Beteiligten vertreten die verschiedenen Aargauer Regionen – das Lead führen die Historiker Fabian Furter und Patrick Zehnder:

«Wir sind der allererste Kanton, der eine solche Zeitgeschichte schreibt, daher hatten wir keine Vorbilder, an denen wir uns orientieren konnten.»

Ihre «Zeitgeschichte» fängt nicht bei Napoleon Bonaparte an, schon gar nicht bei den Römern – sondern bei der ersten vollautomatischen Waschmaschine der Schweiz, die Merker 1950 gebaut hat.

Die Ausstellung zum Buch mit Bildern aus dem Ringier Bildarchiv.

Die Ausstellung zum Buch mit Bildern aus dem Ringier Bildarchiv.

Chris Iseli

Wer den Kanton verstehen will, findet hier die Zusammenhänge historisch sorgfältig aufgearbeitet. Doch auch Geschichtsmuffel werden gerne stöbern, denn die Aargauer Geschichte ist reich, Trouvaillen aus dem Ringier Bildarchiv bebildern sie. Nach monatelanger Arbeit haben auch die Autoren ihre Lieblingsbilder. Jenes von Patrick Zehnder zeigt einen Jungen vor einer riesigen Kartoffel: «Dieser Bub von 1952 spricht mich an, weil ich selbst mal ein solcher Junge war», schmunzelt Zehnder. Das Bild steht am Anfang des Forschungszeitraums, einer Zeit, in der sich die Landwirtschaft der Landesversorgung verschrieben hat. Patrick Zehnder:

«Man hat auf die Qualität des Essens geschaut, aber vor allem, dass es für alle reicht. Der Moment, als der Junge die Kartoffel bestaunt, startet eine Landwirtschaft, die viel stärker motorisiert ist, auf Düngemittel und Pflanzenschutz setzt als vorher. Es ist ein Bild aus einer völlig anderen Zeit.»
Ein Aargauer Schulwandbild zeigt Spreitenbach in den 70er Jahren von oben.

Ein Aargauer Schulwandbild zeigt Spreitenbach in den 70er Jahren von oben.

Sauerländer Verlag

Das Bild, das Fabian Furter mitbringt, spult rund 20 Jahre vor. Darauf Hochhaus samt Parkplatz in Vogelperspektive, es diente als Unterrichtsmaterial. «Solche Schulwandbilder habe ich noch scheu erlebt», erzählt Furter. Die Bilder kamen stets mit einem Kommentar für die Lehrpersonen daher, derjenige zum Blick auf Spreitenbachs Pionierbauten war besonders kritisch: «Die Agglomeration wuchert ins freie Land. […] Mehr und mehr Äcker werden von der Betonkruste überzogen.» Gerade dieser Widerspruch interessiert Fabian Furter:

«In den 70er-Jahren hat man in kürzester Zeit Paradigmen über den Haufen geworfen. Was Ende 60er-Jahre noch ‹en vogue› war – nämlich in Spreitenbach in der Hochhaussiedlung wohnen – war nur zehn Jahre später des Teufels. Mich fasziniert dieser Bruch.»

Die Aargauer werden selbstbewusster

Zeitgeschichte Aargau 1950-2000. Hier und Jetzt Verlag, 620 S

Zeitgeschichte Aargau 1950-2000. Hier und Jetzt Verlag, 620 S

zvg

Die 620 Seiten bilden das Rückgrat des Projekts. Dazu kommen Dokumentarfilme, ein Vermittlungskonzept mit der FHNW und eine Fotoausstellung im Stadtmuseum Aarau. Ob all dieser Facetten – was für ein Kanton ist der Aargau nun? «Eine These, die mich stets begleitete, ist ‹der Aargau als Testfeld der Moderne›», erzählt Furter, «im Aargau steht das erste Einkaufszentrum der Schweiz, hier gab es Jugendzentren, lange bevor Zürich welche hatte.» Es ist ein akribischer, aber ebenso zärtlicher Blick, den die Historiker auf den Kanton richten. So manches Vorurteil wird entlarvt. «Die Aargauer werden selbstbewusster, man blickt mit Ironie auf die Klischees, die man in den 70er-Jahren jämmerlich beklagte», so Furter und:

«Mir geht es ähnlich: Ich bin nach dieser Arbeit noch ein bisschen lieber Aargauer als vorher – aber ich habe mich auch nie dafür geschämt.»

Zeitgeschichte Aargau 1950-2000. Hier und Jetzt Verlag, 620 S. Ausstellung im Stadtmuseum Aarau: 13.11.21-3.7.22

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