Der Installateur Albert Schild erlebte am 28. Juni 1945 den Tiefpunkt seines Lebens: Der Bundesrat verwies den hochdekorierten reichsdeutschen Nationalsozialisten aus der Schweiz. In Wohlen war Schild nie negativ aufgefallen. Im Gegenteil: Bei der Bevölkerung war der Angestellte des Installateurs P. als Fachmann sehr geschätzt. Er war äusserst freundlich, und als wichtige Stütze im Geschäft die zweite Hand seines Chefs. Das bestätigen zwei Quellen aus der Distanz von über 70 Jahren.

Ein Wolf im Schafspelz

Doch Schild, bei seiner Ausweisung 38 Jahre alt, war ein Wolf im Schafspelz. Er betätigte sich als treu ergebener Leiter der Zelle Brugg-Wohlen der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP), war Gemeinschaftsleiter, Hoheitsträger und Vertrauensmann des Konsulates Basel – und er trug das Kriegsverdienstkreuz II. Klasse für seine Tätigkeit in der Schweiz.

Wie alle anderen 36 NSDAP-Ortsgruppenleiter arbeitete Schild auch für die deutsche Abwehr, betrieb also Spionage für das nationalsozialistische Deutschland. In Wohlen sei man über die Ausweisung von Schild sehr überrascht gewesen, heisst es. Schild wehrte sich mit einem Wiedererwägungsgesuch an den Bundesrat. Vergeblich. Doch seiner Ehefrau und seinen beiden Kindern wurde der weitere Aufenthalt in der Schweiz gestattet. Gleichzeitig mit Schild musste auch der Nationalsozialist Josef Maul, Malermeister in Wohlen, wegen seiner politischen Tätigkeit gegen die Interessen der Schweiz unser Land verlassen.

Schild legte sich nicht nur mit seinem Gastland, der Schweiz, übers Kreuz. Er garnierte den Gartenzaun der Liegenschaft seines Chefs P. mit mehreren Hakenkreuzen und verzierte die Eingangstür mit dem Nazi-Symbol. Das sei ohne direkten Willen seines Chefs geschehen, bestätigen die Quellen. Denn P. sei ein Freisinniger gewesen und habe Hitler abgelehnt, heisst es. Später, nach dem Zweiten Weltkrieg, wurden die äussersten Winkel der Hakenkreuze abgesägt und das vorher eindeutige Symbol so entschärft. Der heutige Hausbesitzer betont, dass er die abgesägten Winkel gefunden und ins Alteisen geworfen habe. Wären sie bei seiner Übernahme der Liegenschaft noch unverändert da gewesen, hätte er die Hakenkreuze selber entfernt.

Weiter erzählte man sich, dass Schild als Chef des geplanten Konzentrationslagers in der ehemaligen Ziegelei in Muri vorgesehen gewesen sei – im Fall, dass Nazi-Deutschland die Schweiz eingenommen hätte. Auch das Gelände des Gaswerkes in Wohlen sei für ein solches Konzentrationslager eingeplant gewesen, heisst es. Weiter hätte schon eine Liste von zu beschlagnahmenden Gebäuden für die NS-Behörden bestanden. Darauf sei etwa die Villa der jüdischen Frau Goldschmidt im Farnbühl gestanden. Offiziell lassen sich diese Gerüchte nicht bestätigen. Darüber wurde schon gar nicht in der Lokalpresse geschrieben. Aus einem einfachen Grund: Im Zweiten Weltkrieg herrschte in der Schweiz die Pressezensur. Sie untersagte alle schriftlichen Äusserungen, die das Nazi-Regime hätten erzürnen können.

Nazi-Veranstaltungen nie gestört

Der NSDAP-Stützpunkt Brugg, in der Schild als Leiter mitwirkte, war von 1935 bis 1939 tätig. Neben der Badener Ortsgruppe war sie der einzige Ableger der NSDAP im Kanton Aargau. Zutritt zu den Versammlungen der NSDAP-Ortsgruppen hatten nur Reichsdeutsche und keine Schweizer. Zusätzlich zu den persönlichen Einladungen, die an die Mitglieder gingen, wurden diese auch durch die Wochenzeitung der NSDAP «Der Reichsdeutsche in der Schweiz» auf die Veranstaltungen aufmerksam gemacht. Die 40 bis 90 Teilnehmer aus den Bezirken Brugg, Baden, Lenzburg, Zurzach und Bremgarten trafen sich meistens im Hotel Bahnhof in Brugg und wenige Male auch im Hotel Füchslin in Brugg.

Zu den Anlässen, die in der Regel dreimal im Jahr stattfanden, wurden meistens Redner aus Deutschland eingeladen. Die Machtergreifung Hitlers 1933, der 1. Mai und das Erntedankfest Anfang Oktober wurden gefeiert. Die Polizei überwachte die Anlässe. Der Auslandorganisation war es wichtig, dass sich die Teilnehmer unauffällig verhielten, um keine Reibungsflächen zu bieten. Alle Veranstaltungen in Brugg verliefen störungsfrei.

Ganz anders lief es damals in Wohlen: Die Aufmärsche der Schweizer Nationalsozialisten, der Nationalen Front, stiessen 1935 und 1936 mehrheitlich auf Gegenwehr. Eine Demonstration der Nationalen Front endete auf dem Sternenplatz in einer Schlägerei, bei der die Nazi-Gegner Armin Huber, Joseph Steinmann-Nauer und Alfred Michel-Müller verprügelt wurden.

Quellen: Verschiedene mündliche und schriftliche Mitteilungen. – Tabea Kaufmann: Beitrag über die NSDAP-Stützpunktgruppe Brugg (Argovia Jahrgang 2011, Jahresschrift der Historischen Gesellschaft Aargau). – Bundesblatt 15. August 1946. – Jubiläumsschrift 100 Jahre Handwerker- und Gewerbeverein Wohlen.