Sterbehilfe
Die reformierte Kirche ist gegen die Beihilfe zum Suizid

Die reformierte Landeskirche Aargau spricht sich in einem Positionspapier gegen Beihilfe zum Suizid aus. Vielmehr soll die Öffentlichkeit für den respektvollen Umgang mit Sterbenden sensibilisiert werden. Palliative Care sei eine öffentliche Aufgabe.

Sabina Galbiati
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Die reformierte Landeskirche spricht sich gegen die Sterbehilfe aus (Archiv)

Die reformierte Landeskirche spricht sich gegen die Sterbehilfe aus (Archiv)

Keystone

Die Reformierte Landeskirche Aargau bezieht offiziell Position. Kirchenratspräsident Pfarrer Christoph Weber-Berg stellt heute Abend im Kultur- und Kongresshaus Aarau im Rahmen eines öffentlichen Themenabends (Beginn 19.30) das neue Positionspapier der Landeskirche «Palliativ Care und Begleitung» vor. «Wir müssen gerade bei diesem sensiblen Thema der Sterbebegleitung und Betreuung schwer kranker Menschen eine klare Position haben», sagt Weber-Berg.

Im Papier spricht sich die reformierte Kirche gegen die Beihilfe zum Suizid aus. Denn diese «missachtet, dass der Mensch bis zum Augenblick des Todes ein lebendiges, wandlungsfähiges Wesen bleibt», heisst es im Schreiben.

Kanton soll mitzahlen

Gleichzeitig will die reformierte Landeskirche die Öffentlichkeit für den respektvollen Umgang mit Schwerkranken und Sterbenden sensibilisieren. «Auch Politikerinnen und Politiker sollen sich für den Schutz des Lebens starkmachen», fordert die Landeskirche. Zusätzlich solle sich der Kanton finanziell an Palliative Care beteiligen: «Die Landeskirche vertritt den Standpunkt, dass Palliative Care eine allgemeine öffentliche Aufgabe ist und deshalb nicht von der Kirche alleine getragen werden sollte», heisst es im Schreiben weiter.

Ruth Baumann-Hölzle

Ruth Baumann-Hölzle

AZ

Ruth Baumann-Hölzle, Mitglied der Nationalen Ethikkommission im Bereich Humanmedizin und Leiterin des Instituts Dialog Ethik, wird die Positionen der Reformierten Landeskirche Aargau diskutieren. Für sie steht die Frage im Zentrum: Wie kann man sicherstellen, dass jemand gut sterben kann? «Unsere Gesellschaft orientiert sich zunehmend am Leistungsdruck, der sich in letzter Konsequenz auch auf das Lebensende auswirkt», sagt Baumann. Es dürfe nicht sein, «dass jemand die Selbsttötung wählt, weil er keine Leistung mehr erbringt oder meint, seinen Angehörigen zur Last zu fallen», ergänzt sie. «Die reformierte Landeskirche will mit ihrem Einstehen für Palliative Care Sterbenden ein menschenwürdiges Lebensende ermöglichen, das von der Gesellschaft solidarisch mitgetragen wird.»

Baumann übt in einem Punkt Kritik am Positionspapier: «Palliative Care soll nicht nur das Leben schützen, sondern auch das gute Sterben ermöglichen, was meiner Ansicht nach im Positionspapier zu wenig konsequent formuliert ist.»

Interesse sogar aus dem Tessin

Seit der Palliative-Care-Begleitdienst der Landeskirche 2010 sein Ausbildungsprogramm den Qualitätsstandards der Schweizerischen medizinischen Fachgesellschaft Palliative CH angepasst hat und interdisziplinär ausbildet, stösst das Angebot auf grosses Interesse. «Wir haben neuerdings sogar Lernende aus dem Tessin, aber auch aus Zürich, Bern oder Zug», sagt die Leiterin des Palliative-Care-Begleitdienstes, Karin Tschanz. Zwei Drittel der Auszubildenden seien Freiwillige, ein Drittel komme aus der Pflege, Seelsorge oder Beratung. Am Palliative-Care-Begleitdienst Aargau beteiligen sich rund 90 Freiwillige und 170 Seelsorgende.