Muri
Bauverwalter Birri: «Leider wurde der Freiämterplatz schubladisiert»

Patrik Birri, Abteilungsleiter der Bauverwaltung Muri, verlässt nach fast zwölf Jahren die Bauverwaltung. Er wird in Zukunft als Leiter der Abteilung Planung/Bau/Sicherheit bei der Gemeinde Risch Rotkreuz ZG arbeiten.

Eddy Schambron
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Patrik Birri verlässt Muri nach 12 Jahren. Das Klosterdorf hat er als sehr dynamisch und lebhaft erlebt. ES

Patrik Birri verlässt Muri nach 12 Jahren. Das Klosterdorf hat er als sehr dynamisch und lebhaft erlebt. ES

Zusätzlich nimmt er Einsitz in die dortige Geschäftsleitung. Die az Aargauer Zeitung wollte wissen, wie er seine Zeit in Muri beurteilt.

Sie waren fast 12 Jahre Bauverwalter der Gemeinde Muri. Schafft man sich, wenn man auf zentimetergenauen Abständen und harten Paragrafen herumreiten muss, nicht viele Feinde?

Patrik Birri: Es ist kein Herumreiten auf Paragrafen, wir tun eigentlich nur unsere Pflicht im Rahmen der gesetzlichen Grundlagen. Wir machen keine Gesetze. Unsere Aufgabe ist es, die Gesetze anzuwenden. Dabei steht der Grundsatz der Rechtsgleichheit im Vordergrund. Das heisst, es besteht für den Bürger ein Anspruch auf Gleichbehandlung und ein Verfahren ohne Willkür und spezielle Emotionen.

Gibt es nicht auch so etwas wie gesunden Menschenverstand?

Sicher. Vereinzelt gibt es Leute, die meinen, dass man nach gesundem Menschenverstand handeln soll. Das klingt eigentlich noch recht vernünftig. Bei genauerer Betrachtung des Falles merkt man dann aber, dass dabei der Betroffene immer seinen eigenen Vorteil im Auge hat. Daraus ergibt sich, dass wohl jede Person eine andere Definition des gesunden Menschenverstandes pflegt. Das macht die Angelegenheit natürlich sehr schwierig. Daher ist es wohl doch besser, wenn wir uns an den gesetzlichen Grundlagen orientieren. Und überhaupt: Wenn man es jedem Recht machen will, dann hat man möglicherweise versagt.

Als Bauverwalter ist man besonders exponiert. Sie sind ausserdem ein Mensch, der mit seiner Meinung nicht hinter dem Berg hält. Schlafen Sie nachts trotzdem gut?

Ich schlafe meistens vorzüglich. Mein Beruf ist sehr spannend und vielseitig. Ich mache ihn also gerne und mit Freude, respektive mit Herzblut. Die Zeit ist zu kostbar, als dass man einen Job machen sollte, der einem nicht gefällt.

Bei Ihnen hat man den Eindruck, sie seien nicht bloss «Verwalter», sondern versuchten, die Entwicklung zu beeinflussen. Wie gross ist der Einfluss eines Bauverwalters auf die Bautätigkeit in einem Dorf?

Als Bauverwalter sollte man tatsächlich nicht nur einfach ein «Verwalter» sein. Sehr oft berate ich die politischen Behörden in ihren Strategien oder liefere Ideen, respektive spannende Themen. Der Einfluss kann entsprechend gross sein. Insbesondere dann, wenn ich mit Argumenten zu überzeugen versuche.

Sie sind ein Freund des verdichteten Bauens, städtebauliche Anliegen stossen bei Ihnen auf offene Ohren. Wo steht Muri Ihrer Ansicht nach heute – nach einer Zeit doch recht erheblicher Bautätigkeit?

Diese Thematik lässt sich nicht nur auf die Gemeinde Muri eingrenzen. Aufgrund der sehr knappen Landreserven in der Schweiz muss weiter verdichtet werden. Ich persönlich erachte das Hinstellen von Einfamilienhäuschen mit jeweils 700 Quadratmetern Umschwung als wenig zeitgemäss. Allerdings hat der Mensch rein instinktiv das Bedürfnis nach seinen eigenen vier Wänden. Daran wird sich wohl nichts ändern. Daher muss auf dieses Bedürfnis in Zukunft noch viel subtiler reagiert werden. Innere Verdichtung darf nur dann geschehen, wenn dadurch die Siedlungsqualität in ihrer Gesamtheit gesteigert wird.

Und wie ist sie zu realisieren?

Diese Aufgabe kann vor allem im Rahmen von sorgfältig erstellten Bebauungsstudien, zum Beispiel Testplanungen oder Wettbewerben,
gelöst werden. Die Ergebnisse können dann als Grundlage für Gestaltungspläne oder gar für die Revision der Bau- und Zonenordnung dienen. Allerdings ist dies alles viel anspruchsvoller, als eine neue Überbauung auf der grünen Wiese zu planen. Ganz generell gibt mir der teilweise massive Landverbrauch zu denken. Auf der grünen Wiese erstellte Fachmärkte, Einkaufszentren, und grosszügige Ausstellungsflächen verschlingen viel wertvolles Bau- respektive Kulturland und bringen aus städtebaulicher Sicht keinen Mehrwert für eine Ortschaft. Meist verursachen die erwähnten Nutzungen auch einen erheblichen Verkehr.

Stichwort Verkehr: Die Auswirkungen des rollenden und ruhenden motorisierten Privatverkehrs sind Ihnen ein Dorn im Auge. Gehört das Auto raus aus den Dörfern und Städten?

Ich glaube, dass sich viele Leute über die ständig wachsende Mobilität ärgern. Das Verkehrsaufkommen steht im direkten Zusammenhang mit der Raumplanungspolitik. Im Grünen wohnen und in der Stadt arbeiten oder das Freizeitverhalten ergeben ein entsprechendes Mobilitätsverhalten. Die Bedürfnisse an die Verkehrsinfrastruktur (Strasse, Schiene) steigen. In diesem Zusammenhang sehe ich, dass die Strassenräume innerhalb von Ortschaften vermehrt und ausgeprägter siedlungsorientiert gestaltet werden müssten. Mit der Gestaltung der Marktstrasse, der Seetalstrasse aber auch mit der Neugestaltung Zürcherstrasse beschreitet Muri hier den richtigen Weg. Bezüglich Autos finde ich, dass sie jeweils für den richtigen Zweck eingesetzt werden sollten. Bedenklich ist sicher, dass innerhalb von Muri fast die Hälfte des Verkehrs «hausgemacht» ist. Aber dies ist sicher nicht nur in Muri so.

Sie sind ein Verfechter des Minergiestandards. Ist dieser bei Neubauten überhaupt noch ein Thema oder nicht viel mehr Selbstverständlichkeit?

Wir von der Gemeinde realisieren seit sechs Jahren nur noch Minergiebauten. Angefangen hat es mit dem Bau der Doppelturnhalle Badweiher. Den Minergie-Standard wollen wir auch bei Sanierungen erreichen. Jüngstes Beispiel sind die Sanierung Kindergarten Rösslimatt, die Sanierung Schulanlage Badweiher II und die Erweiterung des Kindergartens Mattenweg. Das kürzlich in Betrieb genommene neue Feuerwehrgebäude der Stützpunktfeuerwehr ist ebenfalls im Minergiestandard ausgeführt. Dieser Bau liefert mit seiner Photovoltaikanlage sogar viel mehr Energie, als er verbraucht. Ich glaube, dass in ferner Zukunft jedes Gebäude als kleines Kraftwerk funktioniert und seinen Energiebedarf zu einem grossen Teil selber herstellt. Die politischen Zeichen zeigen in Richtung erneuerbaren Energien.

Das lohnt sich auch wirtschaftlich?

Die Mehrkosten für Minergie liegen bei rund 5 bis 7 Prozent. Dafür sind der Komfort respektive die Lebensqualität sowie die Wertbeständigkeit besser und vor allem die Betriebskosten – dank geringerem Energieverbrauch – tiefer. Bei Überbauungen, welche von Grossanlegern finanziert werden, ist Minergie heute normal. Bei privaten und kleineren Objekten besteht noch grosses Potenzial. Insbesondere bei Sanierungen. Bei der Entwicklung von neuen Technologien ist der Denk- und Werkplatz Schweiz führend. So ist es doch sinnvoll, wenn wir unser Wissen und Know-how auch in der Gebäudetechnik einsetzen und damit die Arbeitsplätze im eigenen Land sichern.

Enttäuscht es Sie, wenn Projekte, die als richtig und wichtig beurteilt werden, aus welchen Gründen auch immer bachab gehen – zum Beispiel die Gestaltung des Freiämterplatzes vor dem Coop Muripark mit Bäumen im Strassenraum?

Ja, klar ist das enttäuschend. Vor allem dann, wenn die politischen Entscheidungsträger ein solches Projekt anfänglich als prioritär erklären und wir mit voller Kraft daran arbeiten. Obwohl wir alle Vorgaben erfüllt hatten, wurde das Projekt leider plötzlich abgebrochen und schubladisiert. So sind halt offenbar die Spielregeln und es gilt für uns, einen solchen Entscheid zu akzeptieren. Ich wünsche mir aber, dass künftig die Meinungen, Anliegen und Wünsche der Stakeholders – also jener Personen, die ein Interesse am Verlauf oder Ergebnis eines Prozesses oder Projektes haben – nachvollziehbar abgeholt werden.

Sie sagen, sie könnten Bücher schreiben über Muri. Wird eigentlich in der Baubranche viel «gebastelt»? Muss man Bauherren und Baumeisterns dauernd auf die Finger schauen?

(Augenzwinkernd) Das gäbe sicher einen Bestseller. Rein fachlich und handwerklich weist unser örtliches Gewerbe eine hohe Qualität auf. Bauherren, beziehungsweise deren Planer hingegen liefern im Rahmen von Baugesuchen leider manchmal schlechte Unterlagen ab. Es fehlen Pläne, Formulare, es werden unrichtige Angaben gemacht oder der Bauherr verhält sich nicht kooperativ. Es kommt auch vor, dass die Qualität der Pläne schlecht oder unbrauchbar ist und wir damit beim besten Willen keine Prüfung vornehmen können. Das ist schon bedenklich, denn damit verzögert der Bauherr sein Baugesuch oft auch selber. Damit wir eine schnelle und unkomplizierte Prüfung, ein schnelles Verfahren bieten können, sind wir unter anderem auf gute und richtige Unterlagen gemäss den einschlägigen Richtlinien angewiesen. Zum Glück aber liefert der Grossteil der Planer heute immer noch fachmännische Arbeit ab. Die schriftliche Kundenzufriedenheitsauswertung der Bauverwaltung zeigt zudem, dass eine gute bis sehr gute Zufriedenheit vorliegt. Einzig bei den Durchlaufzeiten wünschen sich einzelne Bauherren kürzere Wege. Aufgrund gesetzlich vorgegebener Abläufe oder wegen Einsprachen
bestehen hier aber auch Grenzen.

Jetzt können Sie es ja frisch von der Leber sagen: Was läuft gut in Muri, wo besteht Handlungsbedarf?

Muri als Ortschaft ist sehr dynamisch und lebhaft. Ich erachte das Leben in Muri als qualitätsvoll. Nicht zuletzt ist die Murianer Bevölkerung nach meinem Empfinden sehr aufgeschlossen und freundlich. Handlungsbedarf sehe ich höchstens im Bereich der Gemeindeverwaltung. Es sollten längst verschiedene Fach- und Sachbereiche klar zugewiesen werden. Es sollte auch die Frage erlaubt sein, ob gewisse Dienstleistungen überhaupt notwendig sind. Weiter müsste auch die strategische Führung der Gemeinde stärker von der operativen getrennt werden.

Jetzt gehen Sie nach Risch Rotkreuz. Was ist da im Vergleich zu Muri besser, ausser Steuerbelastung und Lohn?

Ich gehe nach Risch Rotkreuz als Abteilungsleiter Bau, Planung und Sicherheit. Zudem werde ich in der Geschäftsleitung Einsitz nehmen. Diese Funktion ist gegenüber heute sicher anders. Vor allem sind die Kompetenzen des Abteilungsleiters mit dem Geschäftsleitungsmodell höher als bisher und die Abteilung ist wesentlich grösser. Sonst mache ich keinen Vergleich darüber, was besser oder schlechter ist. Gutes und weniger Gutes trifft man überall an. Mit Sicherheit aber wird es anders sein. Vermissen werde ich sicher meine rund 25 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Bauabteilung.