Wohlen
Dieses Stück geht fröhlich an die Nieren

In jeder Hinsicht überzeugende Premiere von «Morsch» – ein Fassadentheater beim Sternensaal Wohlen

Christian Breitschmid
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Chlütter (Kurt Steimen) sucht im Sternensaal seine alten Ideale: freies Wohnen, freie Gedanken und Leben auf Kosten der Andern. Fotos: ruedi Zulauf/christian Breitschmid
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Vollversammlung: Theres (links) eröffnet den Hausbesetzern ihren letzten Willen.
Die zwei schmieden fiese Pläne...
Theater Morsch

Chlütter (Kurt Steimen) sucht im Sternensaal seine alten Ideale: freies Wohnen, freie Gedanken und Leben auf Kosten der Andern. Fotos: ruedi Zulauf/christian Breitschmid

Ruedi Zulauf

«Ich habe gern gelebt. Ich habe gut gelebt. Mit Leib und Seele. Ich habe Welten entdeckt und Geheimnisse. Ich habe Schätze gefunden und Herzen. Ich habe mich gesorgt und gekümmert. Um jene, die es gebraucht und geschätzt haben. Jetzt bin ich satt. Des Sehens, Hörens und Sorgens müde. Nicht mehr hungrig, nicht durstig, noch neugierig. Nur zufrieden und dankbar. So will ich gehen. Umgeben von guten Menschen. In Frieden. Und die Welt in Ruhe lassen.» Wenn Theres (Yvonne Amsler), die pensionierte Pflegefachfrau, ihre Todesanzeige verliest, wird es mucksmäuschenstill auf dem Platz vor dem Sternensaal. Kein Hüsteln, kein Räuspern, kein Niesen. Nur das leichte Rascheln der Blätter, wenn der Wind vom Schlössli herüberweht und dann der dunkle Schlag der Kirchenglocke, weit über Wohlen hinweg. Ein magischer Moment, Tief- und Höhepunkt zugleich in einem Theaterstück, das die Zuschauer auf geniale Weise wechselbadet zwischen frischer Fröhlichkeit und drohenden Tränen.

Es geht ums Älterwerden im jüngsten Werk des Wohler Autors und Regisseurs Adrian Meyer, das er zum 30-Jahr-Jubiläum des Vereins Kultur im Sternensaal geschrieben hat. Es geht um die Auseinandersetzung mit dem, was einmal war und mit dem, was so gross und bedrohlich vor einem steht, dem Ende. «Morsch» ist Titel und Programm dieses grossartigen Stücks, das sich mit spitzbübischem Augenzwinkern der letzten grossen Frage widmet: Was kommt danach?

Aufstand der Senioren

Mit sehr viel Witz und Selbstironie zeigt «Morsch» den Sternensaal in der Zukunft. Der Kulturbetrieb ist eingestellt, das Gebäude liegt brach. Gemeindeammann Roland C. Pfister (Stephan Isler) plant den Abbruch und will daraus Profit schlagen. Dabei steht ihm Gemeinderätin Ursi Elsener (Silvia Gygli) empfindlich im Weg mit ihrer Idee, aus dem Sternensaal ein feudales Sterbehospiz zu machen. Diesen magistralen Plänen widersetzt sich ein aufmüpfiger Seniorenhaufen von Alt-68ern, die den Sternensaal in einer Nacht-und-Nebel-Aktion besetzen und damit für mächtig Aufruhr sorgen.

Die Zuschauer dürfen im Folgenden miterleben, wie viel Leben und Potenzial in sogenannt Morschem noch drinsteckt. Das vermitteln mit ungeheurem Charme und spürbarer Spielfreude die Darsteller des Stücks. Jedes Vereinsmitglied von Kultur im Sternensaal hat in «Morsch» die passende Rolle gefunden. Dazu gesellen sich das perfekte Bühnenbild (Stefan Hegi), das stimmige Lichtdesign (Edith Szabò) und die passenden Kostüme (Bernadette Meier). Alles, was hinter der Fassade des Sternensaals passiert und was sich ausserhalb der Szenerie abspielt, das wird dem Publikum via Grossbildschirm durch die Kamera von «Tele F» präsentiert. Denn sobald die rüstigen Rentner den Sternensaal besetzt haben, taucht auch schon die Reporterin des Lokalsenders auf und berichtet von nun an laufend die «News vor em Huus». Dabei ahmt Melanie Melliger als forsche Privat-TV-Frau Sandra Wipf den gekünstelten Moderatorensingsang und das aufgesetzt zackige Selbstschutzgehabe der heute kaum mehr hinterfragten Lokalfernseh-Selbstdarsteller dermassen gekonnt nach, dass ihr erster Auftritt prompt auch den ersten Szenenapplaus des Abends provozierte. Begleitet wird die Journalistin immer von ihrer Kamerafrau Rebekka (Doris Spengler), deren genregerechte Bilder live auf der Grossleinwand erscheinen.

Harmonie von Bild und Ton

Die typische Art der Privat-TV-Bildsprache mit dem Geschehen auf der Bühne zu vermählen, das bedarf grosser Könnerschaft. Im Filmemacher Titus Bütler hat Adrian Meyer einen Kollegen engagiert, der mit seiner Kunst gleichsam die Brücke schlägt zwischen angegrauter Kommunarden-Nostalgie und moderner Was-nichts-einbringt-muss-weg-Haltung.

Wie im Film spielt auch bei diesem «Fassadentheater» die Musik eine ganz wesentliche Rolle. Markus Kühne hat die passenden Hits aus der Flower-Power-Zeit neu arrangiert, sodass sie immer passend aus dem Probelokal unter dem Sternensaal die Szenen begleiten und die Gefühle für den Zuschauer noch verdichten. Apropos Gefühl: Wie Kurt Steimen den ewigen Studenten und Lebenskünstler Chlütter spielt, das lässt einen ebenso herzhaft lachen wie tief betroffen sein. Der einfältige Alt-Hippie liebt die «Chalbsläberli mit Rösti» seines WG-Kumpels und opfert sein eigenes «Nierli» und mehr, weil ihn ein Alteisenhändler über den Tisch zieht.

Das sagt das Publikum zum Theater Morsch

Tabea Mauch «Es ist sehr spannend und lustig. Ich finde es schön, dass es Häuser gibt wie den Sternensaal, wo man den eigenen Kindern einmal erzählen kann, was man hier Besonderes erlebt hat.»
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Peter Wertli «Tiefgründige Themen wie Tod, Feitod oder Wegwerfgesellschaft werden hier auf eine sehr sympathische Art dargestellt . Ernsthaftigkeit und Humor sind hervorragend kombiniert.»
Urs Hofmann «Das Stück zeigt, dass man am Ende Erfolg haben kann, wenn man sich für eine Sache einsetzt; vielleicht mit speziellen Methoden – so wie es hier in Wohlen mit dem Sternensaal ja auch war.»
Josef Sachs «Man sieht die Melancholie des Älterwerdens, den Versuch, das wieder zu erleben, was man in seiner Jugend hatte. Aber nicht depressiv, sondern mit vielen lustigen Pointen im Vordergrund.»
Walter Dubler «Was ich mitnehme, ist die Faszination, wie man aus einem einfachen Raum heraus etwas gestalten kann. Hier wird wirklich alles genutzt, was vorhanden ist. Das ist ganz hervorragend.»
Martina Duschén «Mir hat gefallen, dass viel läuft in diesem Stück, immer wieder an anderen Orten und mit verschiedenen Techniken. Das Eindrücklichste war für mich der Schluss mit diesen vielen Farben.»

Tabea Mauch «Es ist sehr spannend und lustig. Ich finde es schön, dass es Häuser gibt wie den Sternensaal, wo man den eigenen Kindern einmal erzählen kann, was man hier Besonderes erlebt hat.»

Christian Breitschmid