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Er ist einer der letzten Korbflechter in der Region – und flechtet blind drauflos

Der 50-jährige Aargauer Peter Diriwächter wurde im Jugendalter blind. Mit gut 20 Jahren hat er sich beruflich umorientiert und eine Korbflechterlehre angefangen. Noch heute flechtet er gerne.

Samuel Schumacher
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Bis er 18 war, konnte Peter Diriwächter noch mit seinem Töffli im Dorf herumkurven. Samuel Schumacher

Bis er 18 war, konnte Peter Diriwächter noch mit seinem Töffli im Dorf herumkurven. Samuel Schumacher

Samuel Schumacher

Peter Diriwächter weiss noch genau, wie hilflos er sich gefühlt hat, als er seine Diagnose erhielt. Er war zwölf und stand mit seinem Vater vor dem Arzt. «Aus diesem Burschen wird nie ein Soldat», hat der Arzt zum Vater gesagt und den Kopf geschüttelt. «Retinitis pigmentosa», sagte der Arzt noch und drückte dem kleinen Peter eine Broschüre in die Hand. Heilen könne man die Netzhauterkrankung nicht. Er werde früher oder später blind.

Seither wurden die Augen immer schlimmer. Heute, mit 50, hat Peter Diriwächter noch eine Sehstärke von knapp zwei Prozent. «Ich sehe hell und dunkel, mehr nicht», sagt Diriwächter und öffnet die Tür zu seiner Werkstatt. «Ich habe gelernt, mich in der Schule und in meiner Handelslehre durchzumogeln», erzählt er. Mit 15 fing er an, mit dem Blindenstock zu üben. Trotz allem ist er bis 18 mit seinem Töffli in der Gegend herumgekurvt. «Frag mich nur nicht, wie ich das gemacht habe. Die Leute mussten damals geglaubt haben, der blinde Peter hätte einen Zwillingsbruder», sagt Diriwächter und lacht.

Als Blinder im Büro arbeiten, das geht nicht. Das wusste Diriwächter. Deshalb hat er sich mit gut 20 Jahren beruflich umorientiert und im Blindenheim Rothrist eine Korbflechterlehre angefangen. «Korbflechter ist ein blindengerechter Beruf. Man braucht nur seine Hände und keine schweren Werkzeuge», sagt Diriwächter.

Auf den Regalen in seiner kleinen Werkstatt stehen grosse Zainen, kleine Körbe, geflochtene Hüte und hochkomplexe Schiffsmodelle. Alle hat er selber gemacht, ohne fremde Hilfe. «Das da ist die ‹Santa Maria›, mit der Kolumbus einst über die Weltmeere segelte», sagt Diriwächter und deutet auf das Schiff mit den rot gekreuzten Segeln. Die kleinen Fensterchen im Kapitänskabäuschen, die fein geflochtenen Seile, an denen die Segel hängen, die Reling mit den Handläufen: Alles passt haargenau. Wie macht man das, ohne je einen Blick auf einen Bauplan oder ein Foto werfen zu können?

«Eigentlich ganz einfach», sagt Diriwächter. «Ich habe von meinem Vater ein altes, kaputtes Minimodell der ‹Santa Maria› erhalten, habe die Einzelteile ertastet, mit einem speziellen Meter ausgemessen und dann einfach nachgebaut.» Tönt logisch, ist aber nichtsdestotrotz eindrücklich. Der Reporter würde das trotz 100-prozentiger Sehkraft nie im Leben hinbringen. «Jeder hat seine Talente», sagt Diriwächter und lächelt. «Ich war immer kreativ, und ich bin gottenfroh, dass ich heute einen Beruf habe, in dem ich nicht nur für den Altpapierkorb oder irgendeine Harddrive produziere.»

Als Korbflechter erhält Diriwächter die unterschiedlichsten Aufträge. Er repariert alte Korbstühle, flickt Stubenwagen, die in fünfter Generation gebraucht werden, produziert Picknickkorb-Prototypen, die dann von chinesischen Firmen in Serienproduktion hergestellt werden, flechtet Körbe für die Esel des Küsnachter Samichlaus oder Gepäckboxen für Motorräder.

$«Einmal habe ich eine ganze Seifenkiste geflochten und sie für 5500 Franken versteigert. Den Erlös habe ich der Glückskette gespendet», erzählt Diriwächter.

Wirklich reich werde er mit seiner Flechtkunst sowieso nicht. Aber das will er auch nicht. «Wirklich nicht! Ich habe meine IV und die Ergänzungsleistungen. Deshalb kann ich meine Körbe und Flechtwaren überhaupt verkaufen. Wenn ich den Preis verlangen würde, den ich für all die Arbeitsstunden eigentlich verrechnen könnte, könnte sich niemand mehr meine Körbe leisten.»

Rund einen Tag arbeitet er an einem Korb. Widen aussortieren, einweichen (je nach Widenart dauert das bis zu drei Wochen), flechten und schliesslich «ausputzen».

An den letzten Arbeitsschritt, eben das «Ausputzen», hat Diriwächter schmerzhafte Erinnerungen.

«Beim Ausputzen fahre ich mit meinen Händen den ganzen Korb ab und spüre, ob es irgendwo noch spitzige Widenenden hat, die ich abschneiden muss.»

Während der Lehre im Blindenheim ging das jeweils so: Der Lehrmeister packte seine Hand und hat sie schnell rund um den Korb gezogen. «Da spürte ich dann schmerzlich, wenn ich nicht sauber ‹ausgeputzt› hatte», erinnert sich Diriwächter.

Doch diese harten Lehrjahre sind vorüber. Heute ist er sein eigener Chef, zeigt auf www.geflochtenes.ch was er kann und macht nur noch, was er will. «Mein Traum wäre es, mal einen ganzen VW Käfer zu umflechten, oder eine Honda Goldwing mit Seitenwagen», sagt der Töff-Fan.

Und wie ist es mit dem Traum vom Sehen? «Den habe ich nicht», sagt Diriwächter. All den Stress, das Gehetz, unter dem viele Sehende litten, darauf könne er gut verzichten. «Und schliesslich habe ich aus meiner Zeit, als ich noch sehen konnte, viele Bilder abgespeichert. Sonnenuntergänge, Gewitterwolken, Blumenwiesen. An diese Bilder erinnere ich mich gerne.» Blindsein habe auch seine Vorteile. «Ohne uns Blinde wäre der Beruf des Korbflechters beispielsweise längst ausgestorben», sagt Diriwächter. Und das, findet er, wäre doch jammerschade.