Unglück von Dottikon

Explosion der «Pulveri» gibt auch 50 Jahre danach Rätsel auf

Die Explosion in der Sprengstoff-Fabrik Dottikon am 8. April 1969 forderte 18 Tote und über 40 Verletzte. 50 Jahre später zeigt sich, dass das «Unglück», wie es im Freiämter Sprachgebrauch heisst, noch immer nachwirkt.

Drei Monate nach der Explosion der «Pulveri» in Dottikon landeten die Amerikaner auf dem Mond. Für die Menschheit allgemein war das zweifellos ein grosser Schritt. Für die Menschen im Freiamt war das Unglück von Dottikon aber ein ungleich prägenderes Ereignis, das die, welche damals schon lebten, bis heute verbindet.

Natürlich wussten alle Freiämter, dass in der «Pulveri» Sprengstoff hergestellt wurde, dass die Arbeit in der Fabrik gefährlich war. Viele Freiämter waren gar stolz auf die Pulveri, die auf dem freien Feld zwischen Dottikon und Villmergen stand, in sicherem Abstand zu den Dörfern, teilweise geschützt durch einen eigens gepflanzten Wald. Man wusste auch, dass es, zumindest theoretisch, zu einer Explosion kommen könnte, viermal in 50 Jahren war das schon passiert. Aber Unfälle gibt es überall. Mit einer Katastrophe rechnete niemand.
Es gab zwar einige ängstliche Kinder, die in Sichtdistanz zur «Pulveri» wohnten, und die Eltern fragten, ob denn die «Pulveri», wo es doch riesige Sprengstoffberge gebe, nicht plötzlich in die Luft fliegen könne und mit der Fabrik auch alle Häuser ringsum. Die Erwachsenen beschwichtigten. «Wir sind sicher, es kann nichts passieren», sagte sie oder ähnlich. So jedenfalls ist es in der Erinnerung des Schreibenden gespeichert.

Feuerwehrleute beobachten das Feuer und die Rauchsäule nach der Explosion.

Feuerwehrleute beobachten das Feuer und die Rauchsäule nach der Explosion.

    

Die 1913 gegründete Sprengstoff-Fabrik Dottikon war ein Familienunternehmen; der Direktor wohnte in der Direktorenvilla nahe der Fabrik und kümmerte sich als Patron um seine Angestellten und Arbeiter. Gut 400 waren es im Jahre 1969. Neben der Schuhfabrik Bally war die «Pulveri» der andere grosse Arbeitgeber im unteren Freiamt. Wer in der «Pulveri» arbeitete, blieb meist bis zur Pensionierung. Ein «Pulveri»-Arbeiter wanderte nicht in die Bally ab oder gar in die Strohindustrie. Das war Ehrensache. Und durch den Schichtbetrieb, war es auch möglich, nebenbei zusätzlich noch etwas Landwirtschaft zu betreiben.
Die Sprengstoff-Fabrik war ein fortschrittliches Unternehmen. Zwar richtete sie keine Gefahrenzulage aus; wohl auch aus psychologischen Gründen. Aber es gab schon früh eine Pensionskasse für alle, es gab eine Werksmusik und einen Männerchor und eine gute Kantine. Es gab auch strenge Sicherheitsvorschriften, eine gut ausgerüstete Betriebsfeuerwehr und regelmässige Katastrophenübungen.

8. April 1969, 7.17 Uhr

Am Osterdienstag des Jahres 1969 geschah das Unvorstellbare. Der 8. April war ein prächtiger Frühlingsmorgen, bis um 7.17 Uhr die gewaltige Detonation das Freiamt erschütterte. Eine schwarze Rauchsäule stieg mehrere hundert Meter hoch in den Himmel und verdunkelte die Sonne über dem Bünztal. Die meisten Freiämter ahnten wohl sofort, dass die Katastrophe nun doch eingetreten war: Die «Pulveri» war explodiert.

Rettungskräfte tragen ein Todesopfer vom Gelände. Die Explosion war so heftig, dass viele Leichen verstümmelt aufgefunden wurden.

Rettungskräfte tragen ein Todesopfer vom Gelände. Die Explosion war so heftig, dass viele Leichen verstümmelt aufgefunden wurden.

Im Umkreis von mehreren Kilometern waren Gebäude beschädigt, Fensterscheiben zerbrochen, Dächer abgedeckt. In den Dörfern begannen die Kirchenglocken zu läuten und auf den Strassen hörte man Ambulanzen und Feuerwehren in Richtung Dottikon rasen. Zu tausenden strömten die Gaffer in Richtung «Pulveri», sie verstopften die Zufahrtsstrassen, walzten Wiesen und Äcker nieder um dem Grossbrand, der auf die Explosion folgte, nahe zu sein. Sie rochen den ätzenden, schwefligen Gestank, der das Atmen schwer machte. Und sie sahen, wie Menschen und Maschinen in den Trümmern fiebrig nach Verschütteten suchten. Wo die Nitrieranlage stand, befand sich nur noch ein riesiger Krater. Hinter dem Stacheldraht waren 200 freiwillige Sanitäter aus den Dörfern ringsum an der Arbeit.

Reporter fallen ins Freiamt ein

Erst gegen Abend wurde das wirkliche Ausmass der Katastrophe klar: Mindestens 15 Tote, über 40 Verletzte, mehrere Personen immer noch vermisst. Man ging davon aus, dass in der Nitrieranlage einige Tonnen Trotyl explodiert waren.

Der katholische Pfarrer aus Wohlen und die reformierte Pfarrerin aus Ammerswil überbrachten den Hinterbliebenen die Todesnachrichten. Der Regierungsrat liess sich vor Ort informieren; Papst Paul VI. und der Bundesrat schickten je ein Beileidstelegramm. Der noch immer völlig verstörte Gottfried Weber erzählte den Reportern, die auf das Gelände stürmen, dass er die Explosion nur durch Zufall überlebt habe: Er verliess die Nitrieranlage nur Sekunden vor der Explosion, um einen neuen Arbeitskollegen am Portal abzuholen.

Stehend verfolgen die über 40 Journalisten aus der ganzen Schweiz an der Pressekonferenz die Ausführungen von Oberleutnant Fritz Meier.

Stehend verfolgen die über 40 Journalisten aus der ganzen Schweiz an der Pressekonferenz die Ausführungen von Oberleutnant Fritz Meier.

Plötzlich stand das Freiamt im Mittelpunkt des medialen Interesses. Das Radio brachte Sondersendungen direkt aus Dottikon. Das Fernsehen setzte einen Helikopter ein. Zur Pressekonferenz am Abend des 8. April kamen über 40 Journalisten, die sich von Oberleutnant Fritz Meier über den Stand der Dinge informieren liessen. Als Augenzeugen waren die an sich wortkargen Freiämterinnen und Freiämter bei den Medienleuten sehr begehrt. Sie erzählten zögerlich, wie sie durch berstende Fensterscheiben geweckt worden waren, wie sie beinahe von einem Trümmerteil getroffen wurden, dass sie ein Unfallopfer gut gekannt hätten. Sie erzählten fast alles, was die Reporter hören wollten.

Der «Blick» brachte anderntags über mehrere Seiten eine Bildstrecke zur Katastrophe von Dottikon. Schwarz-weisse Fotos zeigen, wie Verletzte und Tote geborgen und abtransportiert wurden. Die Empörung über die Pietätlosigkeit war gross. Trotzdem war der «Blick» an sämtlichen Kiosken schon am Vormittag ausverkauft.

Einen solchen Medienrummel hatte das Freiamt noch nie erlebt. Als sich 1965 ein Pfarrhelfer in der katholischen Kirche in Wohlen vor dem Altar erschossen hatte, war der «Blick» auch ins Dorf gekommen und hatte berichtet. Aber das war kein Vergleich zu dem, was nach der Explosion der «Pulveri» abging.

Blocher kommt und übernimmt

Die Ursache der Explosion, die schliesslich 18 Tote gefordert hatte, konnte nie restlos geklärt werden. Die Experten kamen zum Schluss, dass höchstwahrscheinlich eine Fehlmanipulation die Explosion ausgelöst hatte. Es gab keine Schuldzuweisung. Falls es Schuldige geben sollte, dann waren die jetzt tot.

Die Explosion war wohl das Ergebnis einer Verkettung unglücklicher Umstände. Deshalb sprach man im Freiamt denn auch bald nur noch vom «Unglück». Ein Unglück war leichter zu ertragen.

Praktisch sämtliche unverletzten Arbeiter kehrten schon am nächsten Tag in die «Pulveri» zurück. Einzig einige verängstigte Ausländer hätten gekündigt, sagte Direktor Wilfried Meyer gegenüber einem Journalisten.

Die Fabrik wurde wieder aufgebaut, auf die Herstellung von Trotyl wurde künftig verzichtet.
Das Unglück von Dottikon stand am Anfang einer neuen und anderen Zeit, die das Freiamt definitiv erreicht hatte. Die vermeintliche Sicherheit der vertrauten Arbeitswelt hatte sich als trügerisch erwiesen; die «Pulveri» war explodiert, die Strohindustrie serbelte, die Bally geriet in die Krise und musste schliessen, das neue Stahlwerk in Wohlen brachte zwar viel Lärm und Rauch, aber auch keine zuverlässigen Arbeitsplätze.

Die «Pulveri» entwickelte sich zur reinen Chemiefabrik und wurde 1987 von Christoph Blocher erworben. Zur Medienkonferenz erschien Oberst Blocher in Uniform. Er sorgte auch gleich für Unruhe, als er bekannt gab, dass auf dem Gelände der EMS Dottikon, ein neuer Sondermüllofen errichten werde. Dem Vorhaben erwuchs vehementer Widerstand vorab aus dem Freiamt, der die Gerichte über Jahre beschäftigte. Man fand sich 1994 in einem Kompromiss. Blocher zahlte den Einsprechern freiwillig hunderttausend Franken für ihre Aufwendungen und verpflichtete sich, die Anlage dem neusten Stand der Umwelttechnologie anzupassen. Seither verbrennt der Ofen während 8000 Stunden pro Jahre Sondermüll aller Art aus der ganzen Schweiz; radioaktive Abfälle und Sprengstoff sind ausdrücklich ausgenommen. Die Beunruhigung über den Ofen hat sich im Freiamt längst gelegt. Man hat sich daran gewöhnt.

Am Montagmorgen sind es 50 Jahre her, seit die «Pulveri» explodiert ist. Vor dem Eingang der «Dottikon ES», wie das Unternehmen inzwischen heisst, werden die Fahnen auf halbmast stehen. Zudem geht ein Email an alle Mitarbeitenden, die an das Unglück vom 8. April 1969 erinnert. Weitere Aktionen sind nicht geplant.

Autor

Jörg Meier

Jörg Meier

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