Alle wollen sie ihn nun für sich beanspruchen. Walter Thurnherr, der am Mittwoch mit einem Glanzresultat zum neuen Bundeskanzler gewählt worden ist. «Bundeskanzler ist Diepoldsauer», meldet die St. Galler Gemeinde in der lokalen Zeitung und verweist dabei auf seinen Heimatort. Und im bernischen Sigriswil, der Wohngemeinde, bereitete man ihm am Samstag einen feierlichen Empfang. Stolz auf den 52-Jährigen ist man auch in Wohlen – zu Recht. Dort ist er aufgewachsen, dorthin kehrt er auch heute noch gerne zurück. Am Freitagabend, nach einer intensiven Woche und einem langen Arbeitstag, der wie üblich um 6 Uhr morgens begann, nimmt sich Walter Thurnherr Zeit für einige Fragen am Telefon.

Herr Thurnherr, herzliche Gratulation zu Ihrer Wahl. Wie haben Sie den Erfolg gefeiert?

Walter Thurnherr: Vielen Dank! Nach dem Medienmarathon haben wir an der Fraktionssitzung angestossen. Am Abend überraschten mich meine Mitarbeiter im Büro mit etwa hundert Cremeschnitten. Danach mussten wir aber wieder weiterarbeiten, um die nächste Bundesratssitzung vorzubereiten. Wir hatten viele Fragen für die Fragestunde im Nationalrat zu beantworten.

Sie wurden mit dem besten Resultat von allen gewählt und danach von allen Seiten gelobt. Welche Reaktion hat Sie am meisten gefreut?

Sehr viele Leute haben mir gratuliert. Das ist natürlich ein gutes Gefühl. Besonders schön war die Reaktion von zwei Putzfrauen aus Südindien, die gewöhnlich sehr zurückhaltend sind. Am Mittwochabend waren wir die Letzten, die das Büro verliessen. Ich hörte, wie sie hinter mir kicherten und «Gratulation» riefen. Darauf drehte ich mich um, wir haben alle gelacht und vor dem Bundeshaus noch ein wenig miteinander gesprochen. Das hat mich sehr gefreut.

Verschmitzter Auftritt: Walter Thurnherr bei seiner Wahlannahme.

Verschmitzter Auftritt: Walter Thurnherr bei seiner Wahlannahme.

Bislang waren Sie sich gewohnt, im Hintergrund zu wirken. Nun stehen Sie plötzlich im Rampenlicht. Ist Ihnen das unangenehm?

Wenn der Wirbel nur eine begrenzte Zeit anhält, kann ich damit leben. Längerfristig ist es aber sicher nicht meine Absicht, mich ständig in der Öffentlichkeit zu zeigen. Das ist nicht so meine Art und wird es auch in Zukunft nicht sein.

Kurz nach der Wahl haben Sie sich bereits gegen die Bezeichnung «achter Bundesrat» gewehrt. Warum?

Klar sitze ich mit den Bundesräten am Tisch, kann Fragen stellen und Hinweise einbringen. Doch sie treffen die Entscheidungen, nicht ich. Das heisst, sie tragen auch die Verantwortung und müssen meist den Kopf hinhalten, wenn etwas schiefläuft.

Ihre Arbeitstage beginnen frühmorgens und enden meist spätabends. Was machen Sie, wenn Sie trotzdem mal frei haben?

Ich bin gerne draussen zum Joggen, Velofahren oder Laufen. Die Gegend um den Thunersee, wo wir wohnen, ist dafür ausserordentlich gut geeignet.

In Ihrer Freizeit beschäftigen Sie sich auch mit mathematischen Rätseln, die Sie über Twitter verbreiten.

Das tönt wohl etwas schräg, aber mathematische Probleme sind für mich eine schöne Form der Unterhaltung und Abwechslung. Sie erinnern mich daran, dass es auch eine Welt ausserhalb des Bundeshauses gibt.

Aufgewachsen sind Sie in Wohlen. Was verbindet Sie noch mit Ihrer alten Heimat?

Ich bin nicht mehr so oft, aber immer wieder im Freiamt. Im Sommer gehen wir in die Wohler Badi, an Weihnachten besuchen wir die Schwiegereltern und Eltern. Viele Bekannte und Freunde wohnen noch im Freiamt. Hier habe ich die ganze Schulzeit verbracht, das prägt einen.

Doris Leuthard, Ihre Vorgesetzte im Departement für Umwelt, Verkehr, Energie und Kommunikation (Uvek), ist ebenfalls Freiämterin. Verstehen Sie sich auch deshalb so gut?

Wir haben den gleichen Humor und nehmen nicht immer alles bierernst. Wir arbeiten beide hart, können aber auch zwischendurch Witze machen. Auch deshalb ist Doris Leuthard eine gute Chefin. Sie hat sich sehr über meine Wahl gefreut.