Islisberg
Nach 35 Jahren endet eine Dorfladen-Ära: «Viele waren traurig, und auch ich wurde oft emotional»

Mit viel Herzblut betrieb Ruth Bohler seit 1987 den Islisberger Dorfladen. Nun hat die 62-Jährige Ende September den Betrieb in der ehemaligen Sennerei aufgegeben.

Marc Ribolla
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Zum Abschied erhielt Ruth Bohler als Erinnerungsgeschenk (links) eine Tafel mit vielen Unterschriften der Islisbergerinnen und Islisberger.

Zum Abschied erhielt Ruth Bohler als Erinnerungsgeschenk (links) eine Tafel mit vielen Unterschriften der Islisbergerinnen und Islisberger.

Marc Ribolla

Es ist nur ein einziger, simpler Satz, aber er bringt es perfekt auf den Punkt. «Herzlichen Dank Ruth und Markus für all die vielen, schönen Jahre!» Extrem nette Worte. Begleitet von Dutzenden von Unterschriften von Islisbergerinnen und Islisbergern, einem grossen roten Herz und einem Bild der Sennerei Islisberg. Ihre Augen glänzen und die Freude ist in Ruth Bohlers Stimme deutlich hörbar, als sie die grosse Tafel mit den erwähnten Elementen in die Hand nimmt und betrachtet.

Sie ist ein Abschiedsgeschenk der Dorfbevölkerung, das Ruth Bohler vor einigen Tagen erhalten hat. Denn am vergangenen Sonntag ist eine Ära zu Ende gegangen. Nach 35 Jahren schloss Bohler die Türe zum kleinen Lebensmittelladen an der Islisberger Dorfstrasse zum letzten Mal ab. «Es war wirklich eine sehr gute Zeit, sie ging fast wie im Flug vorbei in den vergangenen Jahrzehnten», blickt sie einige Tage später mit etwas Abstand zurück.

Der Dorfladen war seit Oktober 1987 unter Bohlers Führung eine Institution in Islisberg, schlicht und zweckmässig eingerichtet im ehemaligen Sennerei-Gebäude. Dort, wo zu Beginn die Bauern noch die Milch ablieferten.

Der Dorfladen Islisberg ist im ehemaligen Sennerei-Gebäude untergebracht.

Der Dorfladen Islisberg ist im ehemaligen Sennerei-Gebäude untergebracht.

Marc Ribolla

«Mein Mann und ich waren anfänglich noch Angestellte der Aargauer Milchzentrale. Die Milchablieferung wurde hier dann 1998 eingestellt», erzählt Bohler. Seither konnte sie sich ausschliesslich auf das Dorflädeli konzentrieren. Nebst demjenigen in Arni, das sie ebenfalls in der dortigen ehemaligen Sennerei betreibt und wo die Bohlers auch leben.

Kundschaft war wie eine erweiterte Familie

Die beiden Dorfläden betreute Ruth Bohler mit sehr viel Herzblut, was die Menschen sehr schätzten. Bis vor einigen Jahren war in Islisberg täglich abends von circa 19.15 bis circa 20 Uhr geöffnet – 365 Tage im Jahr. Dann reduzierte Bohler die Zeiten etwas, weil die Belastung mit dem Älterwerden für die heute 62-Jährige immer grösser wurde.

Die Islisberger Kundschaft sei für sie wie eine erweiterte Familie gewesen, an Weihnachten wurde zum Beispiel jeweils angestossen. Ruth Bohler erzählt:

«Und in all den Jahren gab es keinen einzigen Tag, an dem niemand in den Laden kam. Egal, ob es draussen hudelte, irgendjemand schaute immer vorbei.»

Es sei eine sehr schöne und dankbare Aufgabe gewesen, den Laden zu führen. Auch wenn der Aufwand stets gross war. Tausende Male ist Bohler die Strecke von Arni nach Islisberg gefahren, teilweise mehrmals täglich. «Der Laden in Arni ist bis 18.45 Uhr offen. Dann füllte ich mein Auto mit Brot, Gemüse, Milch, Fleisch oder Käse, fuhr nach Islisberg, lud alles aus und später wieder ein für die Rückfahrt», sagt Bohler. All dies habe in letzter Zeit «aghänkt».

So präsentierte sich der kleine Dorfladen in Islisberg mit den Produkten für den täglichen Bedarf.

So präsentierte sich der kleine Dorfladen in Islisberg mit den Produkten für den täglichen Bedarf.

zvg

Aus Rücksicht auf ihre Gesundheit hat sie sich deshalb im Frühling entschieden, den Laden in Islisberg aufzugeben und nur noch in Arni an der Sennhüttenstrasse zu wirken. «Ich hätte es aber wohl nicht übers Herz gebracht, aufzuhören, wenn es keine Nachfolge geben würde», führt Bohler aus.

Ein Glücksfall war, dass sich gleich zwei verschiedene Personen für den Weiterbetrieb interessierten. Die Gemeinde konnte damit auswählen und entschied sich für Marina Stevanovic, die im Oktober ihren Dorfladen neu einrichten wird.

Kondome waren doch kein Kassenschlager

Im Gespräch mit Ruth Bohler spürt man, dass ihr die Kundschaft wirklich am Herzen lag und liegt. Es seien auch einige Freundschaften entstanden. «Das Schwierigste war, den Menschen zu sagen, dass ich hier oben aufhöre. Viele waren traurig, und auch ich wurde oft emotional. Als es dann im ‹Amtlichen Anzeiger› stand, fiel diese Last ab und ich wusste: Jetzt gibt es kein Zurück mehr!»

Einen kleinen Rest vom ehemaligen Islisberger Dorfladen wird Ruth Bohler nun in Arni weiterverwenden können.

Einen kleinen Rest vom ehemaligen Islisberger Dorfladen wird Ruth Bohler nun in Arni weiterverwenden können.

Marc Ribolla

Viel Freude hatte Bohler auch an den vielen Kindern, die im Lädeli mit ihrem Sackgeld posteten. «Schön war es in letzter Zeit auch, wenn Eltern, die einst als Kinder bei mir eingekauft haben, nun mit ihren eigenen Sprösslingen vorbeischauten. Einige sind beispielsweise Urenkel von Landwirten, die zu den Anfangszeiten noch Milch bei mir abgeliefert haben.»

Bohler erinnert sich an viele schöne Begegnungen und Kontakte mit den Islisbergern. Einmal habe jemand gesagt, dass sie schon alles im Sortiment habe – ausser Kondome. «Ich habe dann auf den Kundenwunsch hin welche ins Angebot aufgenommen und sagte immer: Nun haben wir alles für den täglichen und nächtlichen Bedarf», sagt sie lächelnd. Ein Kassenschlager wurden die Kondome dann aber doch nicht.