Davon träumen derzeit viele: ab in den Süden. Camino, der GPS-Storch aus Kaiseraugst, hat den Kälteeinbruch wohl gerochen – und sich vor einer Woche auf den Weg in sein Winterquartier gemacht.

Aktuell hält sich der gut einjährige Storch, dessen Flugroute man dank dem Projekt Storchenzug im Internet tagesaktuell verfolgen kann, in Nordspanien auf. Hier pendelte er in den letzten Tagen zwischen dem Naturpark «Parc Natural dels Aiguamolls de l’Empordà», einem Vogelparadies an der Costa Brava, und der katalonischen Gemeinde Marzà.

Was hat die Gemeinde, ein 200Seelen-Dörfchen, das knapp 700 Kilometer Luftlinie von Caminos Geburtsort Kaiseraugst entfernt liegt, zu bieten? Aus Storchenoptik eine Menge: Eine Mülldeponie, einen reich gedeckten Tisch also, bei dessen Erwähnung jeder Storch-Ernährungsexperte unweigerlich die Nase rümpft.

Aus Menschensicht hat das Dorf neben dem Naturpark eher wenig zu bieten, eine romanische Kirche, Kastellüberreste aus dem 13. Jahrhundert, ein Herrenhaus aus dem 16. Jahrhundert, einige Ferienwohnungen aus dem 21. Jahrhundert, die sogar über die einschlägigen Onlineplattformen buchbar sind.

Seit einigen Tagen hält sich Storch Camino bei der Deponie in Marzà auf.

Seit einigen Tagen hält sich Storch Camino bei der Deponie in Marzà auf.

Das Klappern, das da nun manch einer hören mag, stammt nicht etwa von Camino, sondern vom eigenen Geldbeutel, hinten rechts, denn die Appartementpreise sind nicht ganz ohne: Knapp 1700 Franken kostet das derzeit einzige Appartement in Marzà pro Woche, das aktuell bei booking.com ab dem 23.  September buchbar ist.

Camino fährt da deutlich günstiger, obwohl: Allzu lange dürfte er ohnehin nicht in Marzà bleiben – leckere Deponie hin oder her. Bereits im letzten Jahr machte er rund um Marzà einige Tage Zwischenstation, bevor er weiter nach Lleida zog, das bei ihm hoch im Kurs stand – sprich: Hier verbrachte er den Grossteil des Winters. Hält er sich an seinen letztjährigen Flugplan und behält er seine Winterpräferenzen bei, dürfte er noch diese Woche im Winterquartier landen, einer Region mit mehreren Mülldeponien. «Klapper, klapper», lässt sich da nur sagen.

Überwintert er wieder in Lleida?

Lleida liegt ebenfalls in Katalonien und zählt rund 140 000 Einwohner. Zu den Topsehenswürdigkeiten gehört laut Tripadvisor – nein, natürlich nicht die beiden Deponien, sondern die alte Kathedrale «Turo Seu Vella». Auf Platz vier folgt, das ist dann schon eher wieder nach Caminos Gusto, der Parc Municipal de la Mitjana.

Geflogen ist Camino in den letzten Tagen viel; mehrmals legte er Tagesetappen von mehr als 100 Kilometern zurück. Davor, das zeigt ein Blick auf die Datenspur auf der Karte, hielt er sich in diesem Sommer vorwiegend in drei Regionen auf: Im Juni flog er Hagenbach, eine 700-Seelen-Gemeinde im Département Haut-Rhin (F) an, im Juli liess er es sich rund um den Étang du Banbois rund 15 Kilometer südlich gut gehen und den Rest des Sommers war er im Jura stationiert.

Im Internet können die Flugbewegungen von Camino verfolgt werden.

Im Internet können die Flugbewegungen von Camino verfolgt werden.

Und seine alte Heimat, mag sich nun der einer oder andere fragen. Hat er diese ganz gemieden, aus seinem Storchenhirn gelöscht? Nein, natürlich nicht. Im Mai hielt er sich einige Zeit in Möhlin rund um die dortige Storchenstation auf und auch seinen Geburtsort, Kaiseraugst, suchte er auf. «Einmal war er keine 100 Meter vom Horst entfernt, in dem er geschlüpft ist», sagte der Kaiseraugster Storchenvater Urs Wullschleger im Juni zur AZ. Gesehen hat ihn Wullschleger, der gleich gegenüber der caminischen Geburtsstätte, dem «Adler», wohnt, damals nicht.

Die letzte Sommerresidenz in diesem Jahr war Courgenay, jene Gemeinde, die im Ersten Weltkrieg durch Gilberte de Courgenay Berühmtheit erlangte, eine beherzte Wirtstochter, der Hanns In der Gand mit seinem Lied ein Denkmal setzte. Hier, im malerischen Jura, hielt sich Camino fast den ganzen August über auf.

Von hier aus ist er am 3. September auch zu seinem zweiten Spanienabenteuer gestartet. Ob ihn dabei der Refrain «C’est la petite Gilberte, Gilberte de Courgenay» auf seinem Flug begleitete, wer weiss es so genau, wohl dürfte ihm eher «Viva España» auf dem Schnabel gelegen haben, jener Schlager, den Imca Marina 1972 trällerte und der sie weitherum bekannt machte – bis nach Spanien.