Es ist Krieg. Vor 80 Jahren, am 1. September 1939, überfällt die deutsche Wehrmacht Polen und löst damit den fast sechs Jahre dauernden Zweiten Weltkrieg aus, ein Krieg, der zwischen 60 und 80 Millionen Todesopfer forderte.

Es ist Krieg. Erwin Rehmann, damals 17, besucht seit einem Jahr das Lehrerseminar in Wettingen, als der Krieg ausbricht. Erstaunt ist er nicht. «Man spürte den Krieg kommen», sagt der heute 97-Jährige in seinem Zimmer im Alterszentrum Klostermatte in Laufenburg, wo er seit kurzem wohnt, seufzt. «Leider.»

Erwin Rehmann, dessen Vater im Kraftwerk arbeitete und der in der Laufenburger Altstadt aufgewachsen ist, in der Laufengasse 133, gerade einmal 100 Meter von der Rheinbrücke entfernt, einem «schönen Zuhause», wie er nickend sagt, interessiert sich früh für Politik und das Weltgeschehen. Als Jugendlicher besorgt er sich in einer Buchhandlung in badisch Laufenburg «Mein Kampf», liest den 423 Seiten starken ersten Band von Adolf Hitlers Elaborat, legt das Buch weg, ist baff, ist bedrückt und weiss: «Das ist Wahnsinn. Da kommt einiges auf uns zu.»

Erwin Rehmann sieht auch, wie sich viele Menschen, die er kennt, «gute Menschen», wie er im Gespräch mehr als einmal sagt, verändern, wie sie sich führen lassen von Hitler, der ihnen alles versprach – vor allem ein besseres Leben, Arbeit, Würde.

Rehmann ist besorgt über die Entwicklung, weiss aber natürlich auch, dass er nichts machen kann, nur abwarten kann. Er saugt die Informationen, die erhältlich sind, auf, besucht regelmässig den etwa zehn Jahre älteren Nachbarn, einen Redaktor beim Fricktaler. Zusammen diskutieren sie, zusammen hören sie die Nachrichten im Radio, zusammen hören sie die Brandreden Hitlers, zusammen (ver-)zweifeln sie. Der Nachbar, der zum Freund wird, sagt immer wieder: «Dieser Hitler ist brandgefährlich.»

Erwin Rehmann, der vor dem Krieg viel in badisch Laufenburg unterwegs war, weil er nur dort Ersatzteile für sein Töffli bekam, beobachtet auch, wie sich immer mehr Menschen auf badischer Seite verändern. Wie aus den wenigen, die Hitler anfänglich zujubeln, viele werden. Er kann es auch irgendwie verstehen.

«Ich wollte wissen, was wirklich wichtig ist»: Erwin Rehmann über den Frieden und was er daraus machte

«Ich wollte wissen, was wirklich wichtig ist»: Erwin Rehmann über den Frieden und was er daraus machte.

«Denn die Menschen dort waren arm, die Geschäfte hatten kaum Aufträge.» Das, so versprach Hitler, ändere er. Und er besorgte den Menschen Aufträge, besorgte ihnen Arbeit, liess Autobahnen bauen. «Hitler inszenierte sich als Retter, der alles zum Besseren lenken wird.»

Es verfing. Dass dabei die Juden, deren Vermögen eingezogen wurden, die Opfer dieser Strategie waren, dass sie ausgenutzt wurden, eingepfercht, in Konzentrationslager abtransportiert und schliesslich im Akkord vergast wurden – «die ganze Tragweite merkten wir erst im Laufe des Krieges», sagt Rehmann.

Jüdische Familie kann noch knapp ausreisen

Wieder schüttelt Rehmann den Kopf. Mehr als einmal sieht er, lange vor dem Krieg, wie die Hitlerjugend von Laufenburg, damals nur gerade fünf oder sechs Nasen, das Altstädtchen in badisch Laufenburg singend hinuntermarschiert, sich bei der Rheinbrücke formiert und Brandreden hält, für Hitler, gegen die Juden.

In einem Haus bei der Brücke wohnt eine jüdische Familie. Einmal erkennt Rehmann, der den jungen Nazis von der Brücke aus ungläubig zuhört, Silhouetten hinter dem fast geschlossenen Fensterladen; die jüdische Familie muss mitanhören, wie die Juden verbal in den Dreck gestampft werden.

Er konnte sich vorstellen, wie sie litten – und hofften, und bangten, dass ihr Gesuch um eine Aufenthaltsbewilligung in der Schweiz bewilligt wird, noch rechtzeitig, bevor die Grenze dicht ist.

Es klappt. «Im allerletzten Moment vor Kriegsausbruch», sagt Rehmann. Die Familie, deren Sohn Kunstmaler war, «ein überaus guter», wie sich Rehmann erinnert, der ihm gerne beim Malen zuschaute, lebte in einer Wohnung im Städtchen, lebte zurückgezogen.

Erwin Rehmann (2.v.r.) mit seiner Familie. Sein Bruder Kurt war bereits im Militärdienst, als er noch das Lehrerseminar besuchte.Bild: zvg

Erwin Rehmann (2.v.r.) mit seiner Familie. Sein Bruder Kurt war bereits im Militärdienst, als er noch das Lehrerseminar besuchte.Bild: zvg

Sie waren nicht die einzigen Juden in Laufenburg; ganz in der Nähe von Rehmanns Elternhaus führte eine Jüdin eine Tuchhandlung. «Meine Mutter kaufte alle Tuchwaren bei ihr ein», erinnert sich Rehmann, für den es immer selbstverständlich war, dass die verschiedenen Kulturen und Religionen neben- oder besser: miteinander lebten.

Ein Miteinander, ein Ineinander war auch das Zusammenleben der beiden Laufenburg. Man kaufte hier Milch ein, dort Elektroartikel; man feierte zusammen ausgelassen Fasnacht. Die Grenze war dazu da, überwunden zu werden.

Die ersten Bunkeranlagen werden errichtet

Das begann sich 1938, ein Jahr vor Kriegsausbruch, zu ändern. Die erste Bunkeranlage in der engen, kleinen Münzgasse wurde errichtet. Weitere folgten, «so, dass der ganze Rhein abgedeckt war», erzählt Rehmann, so, dass man im Fall eines Angriffs die Grenze hätte verteidigen können.

Rehmann wohnte damals, 1939, unter der Woche im Internat in Wettingen, «fast paradiesisch» hätten sie es im Vergleich zu anderen gehabt, immer genug zu essen, immer in sicherer Distanz zur Grenze.

Nur an den Wochenenden ist er bisweilen zu Hause in Laufenburg, sieht hier die angespannte Lage, sieht die Menschen auf der anderen Seite des Rheins. Blicke treffen sich, verharren, entschwinden.

Im Geschichtsunterricht am Seminar verfolgt Rehmann genau, was passiert, hängt dem Geschichtslehrer, einem Offizier, förmlich am Mund, wenn er von den jüngsten Kriegsereignissen erzählt.

Das Seminar schliesst Rehmann 1942 ab, wird eingezogen, durchläuft die militärische Laufbahn. Rekrutenschule, Unteroffiziersschule, Offiziersschule, Leutnant, Aktivdienst.

1200 Diensttage leistete er zwischen 1942 und 1945. Für ihn war es selbstverständlich, seinem Land zu dienen. Drei Jahre lang «war das Militärkleid quasi meine zweite Haut», sagt er, zuckt mit den Schultern. «Es waren harte, aber auch lehrreiche Jahre.»

Mit Einschränkungen lernten die Menschen zu leben. «Alles war rationiert. Lebensmittel bekam man nur mit Lebensmittelmarken.» Man gewöhne sich daran. «Wir waren froh, dass wir zu Essen hatten.»

Ob er Angst gehabt habe, dass der Krieg die Schweiz überrollt, wiederholt Rehmann die Frage, blickt auf die grosse Tischplatte, die ihm als neue Werkbank dient. 1500 Plastikkugeln liegen darauf, von ihm fein säuberlich zu einem Kunstwerk zusammengeleimt. «Mit Uhu», meint er schmunzelnd.

Nein, kommt er auf die Frage zurück, «Angst hatten wir hier an der Grenze kaum – auf jeden Fall weniger als die Menschen jenseits des Juras». Denn sie sahen ja täglich, stündlich, minütlich, was sich auf der anderen Seite der Grenze tat.

Helfen konnten sie auch denen nicht, die nach Hilfe lechzten. Die Grenze war dicht. «Wir konnten nichts machen», seufzt Rehmann. Nicht einmal gegen die Desinformation, die die Nazis via Lautsprecher im ganzen Städtchen verbreiten liessen. «Die Propaganda war unsäglich», erinnert er sich.

Hier, in Laufenburg, erlebte Rehmann auch, wie der Krieg «endlich kippte». Der D-Day, der Tag, als die Alliierten in der Normandie landete, dieser 6. Juni 1944, brachte die Wende. «Von da an war ich mir sicher, dass die Alliierten den Krieg gewinnen werden.»

Mehr als einmal hörte er ihre Bomber, hörte dieses Brummen weit weg, hoch oben und wusste: Die Alliierten fliegen wieder einen Nachtangriff, nutzen den Rhein als Orientierungshilfe.

An den einen Tag, kurz vor Kriegsende, erinnert sich Rehmann noch genau. Das Brummen der Flieger war lauter als sonst. Sie flogen tief, griffen die deutschen Soldaten an, die sich zurückzogen, drehten ab, zogen ihre Flieger unmittelbar vor der Terrasse des Elternhauses, von wo aus Rehmann zuschaute, wieder hoch.

Widerstand habe es in badisch Laufenburg kaum gegeben, sagt der 97-Jährige. Erst in der Nähe von Albbruck treffen die Alliierten auf Gegenwehr. Deutsche Soldaten halten den alliierten Vorstoss «ein paar wenige Tage» auf. Dann geben sie auf. Kapitulieren. Wie viele nach ihnen. Wie schliesslich das ganze Land.

Die Kirchenglocken läuten im ganzen Land

Der Krieg ist zu Ende. «Die Kirchenglocken läuteten in der ganzen Schweiz», erinnert sich Rehmann. «Es war ein unglaublicher Freudentag.» Es war nicht ein Stein, der den Menschen von der Seele fiel – es war ein ganzer Berg. «Wir alle atmeten auf, dass die Nazis, die zur Weltmacht aufsteigen wollten, geschlagen waren.»

Die Rheinbrücke in Laufenburg, welche die Menschen sechs lange Jahre getrennt hatte, welche die einen ausgegrenzt, die anderen eingegrenzt hatte, wurde wieder zur Verbindung, zum Miteinander.

Schweizer Frauen und Männer strömten nach der Kapitulation von Deutschland auf die Brücke, brachten den Deutschen Suppe, sahen, wie ausgemergelt die deutschen Mitlaufenburger waren, sahen, wie zerlumpt sie daher kamen, gingen zurück, in ihre Häuser, kamen wieder, mit Kleidern unter den Armen, gaben sie ihnen. Man half, wo man konnte.

Der Krieg war vorbei. Und nun? Rehmann wollte Zeit für sich haben, wollte wissen, was dieser Krieg mit ihm gemacht hat, wollte herausfinden, ob auch er deformiert war von Gewalt und Macht, wollte spüren, was dieser Frieden eigentlich ist. «Nach sechs Jahren Krieg war mir das nicht mehr klar.»

Er kündigte seine Stelle als Lehrer in Siglistorf, die er neben dem Militärdienst in den letzten drei Kriegsjahren innehatte, ging für ein Jahr nach Basel an die Kunstgewerbeschule, studierte an der Uni Geschichte und Germanistik.

Dann, als die Grenzen wieder aufgingen, als man ab 1946 wieder reisen durfte, griff er zu, ging nach Paris, ging an die Université de Paris-Sorbonne, besuchte die Ecole Nationale Supérieure des Beaux-Arts.

Er fand Antworten, fand sich, fand seinen Weg ins Leben, in die Kunst, ein Weg, der ihn zu einem grossen Bildhauer machen sollte.