Vor 40 Jahren

«Am liebsten hätten wir sie gleich mitgenommen!»: Immense Hilfsbereitschaft im Fricktal

Nach dem Ende des Vietnamkrieges flüchteten viele Vietnamesen aus ihrer Heimat. Die Hilfsbereitschaft war immens – auch in Mumpf und Möhlin.

Die Bilder gleichen sich. Und sprechen doch eine ganz andere Sprache.

Winter 2019. Menschen fliehen aus ihrer afrikanischen Heimat, riskieren ihr Leben, fahren in überfüllten Booten übers Meer. Viele kommen um. Wer es schafft, landet in Flüchtlingslagern wie jenem auf Lampedusa. Oder schafft es irgendwohin in Europa. Willkommen sind die Flüchtlinge nicht wirklich.

Winter 1979. Auch vier Jahre nach dem Ende des Vietnamkrieges fliehen noch immer viele Menschen aus ihrer vietnamesischen Heimat. Zu Tausenden fahren sie auf überfüllten und oft maroden Booten übers Meer. Nicht alle schaffen es. Viele geraten in Seenot, ertrinken, werden Opfer von Piraten.

Wer es schafft, wer ankommt, der kommt wirklich an: bei den Menschen. Die Hilfsbereitschaft für die Boatpeople, wie die Flüchtlinge genannt werden, ist in Europa – nach anfänglichem Zaudern – gross. Auch die Schweiz nimmt bis 1983 rund 8000 Flüchtlinge aus Indochina als humanitäre Massnahme auf.

Mumpf will helfen, darf aber nicht

Mumpf, Winter 1979. Auch die kleine Fricktaler Gemeinde will helfen – und darf nicht. «Die Aktion zur Aufnahme von Flüchtlingen aus Vietnam in Mumpf ist vorläufig zu Ende», schreibt das «Aargauer Tagblatt» Ende Februar. Zwar wäre «eine leerstehende Wohnung und bereits etliches an Einrichtungsgegenständen» vorhanden.

Doch da die Hilfsbereitschaft überall immens ist, sind aus den grösseren Gemeinden wie Möhlin, Rheinfelden und Frick «genügend Angebote von Wohnungen und Arbeitsplätzen eingegangen, sodass bei der Platzierung der Familien nach optimalen Gesichtspunkten ausgewählt werden konnte».

Und als optimal galt, die Familienstruktur – die Vietnamesen lebten in der Regel in Grossfamilien – zu berücksichtigen. «Einzelne werden spontan und selbstverständlich in bestehende Familien aufgenommen», schreibt der «Tagblatt»-Redaktor. Sie seien zudem aufgrund der anderen Sprache und der kulturellen Unterschiede auf einen engen Kontakt unter sich angewiesen.

Mumpf hält sein Angebot aufrecht. Bis im Juni. Dann will die Schweiz ein weiteres Kontingent Flüchtlinge aufnehmen. Caritas sei dankbar, dass die Gemeinde die Wohnung bis dahin freihalte, heisst es in dem kleinen Artikel. «Mobiliar, Geschirr und finanzielle Beiträge werden entweder den Vietnamesen in den Nachbargemeinden zur Verfügung gestellt oder sorgfältig bis zum Sommer aufbewahrt.»

Nur ein Tag später. Das «Aargauer Tagblatt» erzählt die berührende Geschichte der Familie Lam, die mit ihren sieben Kindern aus Vietnam geflohen ist. Mit einem Fischerboot kamen sie zusammen mit anderen Flüchtlingen nach Malaysia. Hier wurden sie sechs Monate interniert, «bis sie zu den Glücklichen gehörten, die von der Caritas in die Schweiz gerettet wurden».

Das Foto im Artikel zeigt eine Familie, deren Gesichtsausdruck irgendwo zwischen Dankbarkeit, Angst, Erleichterung, Freude und Unsicherheit mäandert. Ihr gegenüber sitzen, nicht im Bild, vier Mitglieder der Betreuungsgruppe aus Möhlin. Hierhin, ins untere Fricktal, sollen die Lams Anfang April reisen. Möhlin wird für sie zur neuen Heimat.

Tränen in den Augen

Der Artikel erzählt von der Unsicherheit auf beiden Seiten bei dieser ersten Begegnung, von einem «leicht mulmigen Gefühl in der Magengegend» bei den Abgesandten aus Möhlin, von Blickkontakten, von den kleinen Geschenken (Blumen und natürlich Schokolade). Die Möhliner erzählen der Familie, unterstützt durch eine Dolmetscherin, von Möhlin, zeigen Fotos des Hauses, einer ehemaligen Mühle, in dem die Familie wohnen wird. Mutter Lam hat Tränen in den Augen.

Ob die Wohnung auch warm sei, will Vater Lam wissen. Ist sie. Und sie verfügt auch über alle nötigen Utensilien wie Waschmaschine oder Kochherd, alles Dinge, die die Familie Lam so nicht kennt. Man werde «von Fall zu Fall vor Ort helfend einspringen müssen», ist sich die Betreuergruppe bewusst. Sie besteht neben der Viererdelegation, die nach Luzern reiste, aus weiteren acht Personen.

Über den Schulbesuch der Kinder will man sich nach dem Eintreffen in Möhlin unterhalten. «Kinder sind anpassungsfähig und daher dürfte das Drücken der Schulbank kaum Schwierigkeiten bereiten», ist man sich einig. Zumal viele der Kinder – sie sind zwischen 10 Monate und 17 Jahre alt – bereits in Vietnam die Schule besucht haben.

Während die Flüchtlinge heute lange nicht arbeiten dürfen, war die Devise damals gerade umgekehrt: Die Menschen sollten möglichst schnell in die Gesellschaft und ins Arbeitsleben integriert werden. Die Gemeinde hatte sich denn auch bereits um einen Arbeitsplatz für Vater Lam, der Schneider war, gekümmert.

Den Entscheid überliess man aber, auch das ist heute undenkbar, der Familie: «Da man die Flüchtlinge nicht herumkommandieren will, ihren Willen respektiert, werden die Lams nicht nur bei der Arbeitsplatzwahl mitbestimmen können, sondern auch bei der Wahl der Wohnung.»

Zehn Tage nach dem Gespräch sollte die Familie Lam nach Möhlin kommen und das Haus sowie den «eventuellen Arbeitsplatz» von Vater Lam besichtigen. Gleichzeitig wollte man ihnen Einkaufsmöglichkeiten, Spielplätze, Schulen und das Dorf zeigen.

Ein Strahlen auf die Gesichter der Kinder zauberte am Schluss des Treffens Betreuer Friedrich Müller: Er bot ihnen an, zwei Fahrräder bereitzustellen. «Dankbare Blicke und ein Gefühl des Vertrauens prägten den Moment des Abschieds oder besser des Aufwiedersehens», heisst es am Schluss des Artikels.

Überwältigt sind beide Seiten. Die Familie, die Betreuer. Vor dem Hotel, in dem das Treffen stattfand, sagt Friedrich Müller ergriffen zum «Tagblatt»: «Am liebsten hätten wir die Familie gleich mitgenommen!»

Autor

Thomas Wehrli

Thomas Wehrli

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