Camino ist im Storchen-Paradies gelandet: Seit einigen Tagen hält sich der Kaiseraugster Jungstorch am 126 Hektar grossen See «Estany d’Ivars i Vila-sana» auf. Der See, der rund 100 Kilometer nordwestlich von Barcelona liegt, ist eines der wichtigsten Feuchtgebiete im Innern Kataloniens. Der Naturpark ist mit seinen rund 200 verschiedenen Tierarten ein Eldorado für Vogelkundler – und, aus der umgekehrten Perspektive, natürlich auch für die Vögel.

Da lässt es sich als Storch selbstredend gut leben, umso mehr, weil das Wetter storchenmässig mitspielt: Sonne, 17 Grad, Badestrand – man wird als winter- und nebelgeplagter Flachländer fast ein wenig neidisch.

Dass man in der Schweiz über jede Flugbewegung von Camino, der im letzten Frühjahr auf dem «Adler» in Kaiseraugst geschlüpft ist, Bescheid weiss, ist dem Projekt Storchenzug zu verdanken. Jedes Jahr werden mehrere Störche besendert, um ihre Flugrouten zu beobachten und Erkenntnisse über den Storchenzug zu gewinnen. Im Internet kann man die Flugbewegungen der Tiere verfolgen; zweimal pro Tag setzt der sogenannte Datenlogger ein GPS-Signal ab.

Im letzten Jahr erhielten 12 Störche einen Sender, zehn in der Schweiz und zwei in Kroatien. Von den Schweizer Störchen stammen drei aus dem Fricktal. Neben Camino wurden mit Zoé und Jérôme zwei Jungstörche vom Storchenturm in Rheinfelden im Juni besendert.

Ein Blick auf die Senderstörche-Liste im Internet verheisst nichts Gutes: Bei sieben der zwölf Störche ist die Schrift rot. Sie sind tot, fünf von ihnen wurden nicht einmal ein Jahr alt. Auch zwei der drei Jungstörche aus dem Fricktal, die im letzten Jahr einen Sender erhielten, leben nicht mehr. Jérôme starb bereits im Sommer 2016 in Möhlin; man fand ihn tot unter einer Starkstromleitung.

Letztes Signal kam aus Marokko

Auch Zoé kam vermutlich mit einer Stromleitung in Berührung. Das letzte Signal sandte sie am 8. Oktober – von einer Hochebene in Marokko. Zoé war einer der wenigen Senderstörche, die nicht in Spanien überwinterte, sondern die es weiter nach Afrika zog. Entsprechend grosse Erwartungen setzten die Forscher in Zoé.

Urs Wullschleger, der Storchenvater von Kaiseraugst, hoffte im letzten Sommer ebenfalls, dass Camino den Sprung über die Meerenge von Gibraltar unter die Flügel nimmt. Denn dort sind die Gefahren kleiner (in Spanien werden Störche auch immer wieder abgeschossen) und dort ist der Tisch mit Heuschrecken reich gedeckt. Die Störche kommen zudem nicht in Versuchung, auf ihrer Nahrungssuche eine Deponie anzufliegen. «Das birgt immer ein Risiko»,weiss Wullschleger.

Nun ist Wullschleger vor allem froh, dass Camino überhaupt noch lebt – und dass er sich nicht nur von Abfall ernährt. Zwar fliegt er die Deponie von Vila-sana immer wieder an, doch er kehrt stets an den See zurück.

Mit Abfall machte Camino schon in der Schweiz seine ersten Erfahrungen. Kaum konnte er fliegen, holte er ab und an auf der nahegelegenen Wiederverwertungsanlage etwas, das für ihn nach Essbarem aussah. Im Horst auf dem «Adler» versuchte er dann, seine Trophäe zu verspeisen. Was natürlich nicht gelang – und was den Teenager fuchsteufelswütend machte, wie Wullschleger, der keine hundert Meter von Horst entfernt wohnt, beobachten konnte.

Bereits neun Tiere zurückgekehrt

«Camino macht es alles in allem sehr gut», bilanziert Wullschleger, der regelmässig im Internet nachschaut, wie es ihm geht. Er hofft, dass Camino, der Storch mit der Ringnummer «SK 329», im Naturpark bleibt – und dass er dereinst nach Kaiseraugst zurückkehrt. Dies wird frühestens in einem Jahr der Fall sein.

Nach Kaiseraugst zurückgekehrt sind dafür bereits mehrere ältere Störche. «Neun habe ich bislang gezählt», sagt Wullschleger, der gerade von einer Zähltour zurückkommt. Das sind für Mitte Februar viele. «Die Störche kehren heute fast einen Monat eher zurück als noch vor fünf Jahren», hat Wullschleger beobachtet. Immer der Erste ist dabei «SK 152». «Wenn er da ist, weiss ich: jetzt geht es los.»

Willkommen zurück, oder vielmehr: bienvenido.