Coronavirus

Corona-Engel im Dauereinsatz: Diese Aargauer Gemeinde ist als solidarischtes Dorf der Schweiz nominiert

Nominiert als Dorf des Jahres: Die «Schweizer Illustrierte» stellt in der neuen Ausgabe die Aktion von Sonja Wunderlin vor; im Bild mit Anita Buser von Volg (links) und Dorf-Jurorin Annina Campell.

Nominiert als Dorf des Jahres: Die «Schweizer Illustrierte» stellt in der neuen Ausgabe die Aktion von Sonja Wunderlin vor; im Bild mit Anita Buser von Volg (links) und Dorf-Jurorin Annina Campell.

Wegenstetten ist eines von zwölf Dörfern, die von der «Schweizer Illustrierten »als «Schweizer Dorf des Jahres» nominiert sind. Das liegt an den Freiwilligen rund um Sonja Wunderlin, die sich während der Coronakrise um die Senioren kümmerten.

Solidarität wird in Wegenstetten grossgeschrieben. So gross, dass die Gemeinde mit ihren gut 1000 Einwohnern nun von der «Schweizer Illustrierten» als solidarischstes Dorf des Jahres nominiert ist. Insgesamt zwölf Gemeinden stehen als «Das Schweizer Dorf des Jahres» zur Wahl. Die Gemeinde Wegenstetten ist dabei die einzige Kandidatin aus dem Aargau.

Zu verdanken hat die Gemeinde die Nomination der Initiative von Sonja Wunderlin – und dem Einsatz ganz vieler Menschen im Dorf.

Es war zu Beginn der Coronakrise, als Wunderlin im Volg einkaufte und mitbekam, dass die Mitarbeitenden älteren Leuten empfahlen, aufgrund der Coronasituation zu Hause zu bleiben. «Die Menschen reagierten betroffen, und das hat mich tief berührt», sagt Wunderlin.

Schnell war der 49-Jährigen zweierlei klar: Erstens, dass sie bei Hauslieferungen vom Volg mithelfen wird. Hier holte sich die Präsidentin des Samaritervereins Hilfe bei ihren Kolleginnen und Kollegen. Die Solidarität spielte, ein erstes Mal.

Zweitens war Wunderlin klar, dass sie für die Seniorinnen und Senioren mehr tun möchte. Und da erinnerte sie sich an eine Aktion, die sie vor rund zehn Jahren durchgeführt hatte. Damals zog sie zusammen mit ihrem Mann im Advent jeden Abend durchs Dorf und legte den Dorfbewohnern kleine Geschenke – ein Gedicht etwa – in den Briefkasten. Beschenkt wurde jeden Abend ein Teil des Dorfes, insgesamt kam jeder Haushalt rund fünf Mal zum Zug.

Im Dorf rätselte man, wer der Adventsengel von Wegenstetten sei. Nur wenige wussten es. Bis zur Aktion in diesem Jahr. Da fiel es den Leuten wie Schuppen von den Augen. «Du warst das!», sagten sie zu Wunderlin, die sich immer noch gerne an die Adventsaktion erinnert. «Das waren für mich die schönsten Weihnachten.»

Aus dem Advents- wird ein Coronaengel

Der Adventsengel mutierte in diesem Jahr zum Coronaengel. Wunderlin beschaffte sich die Adressen aller Wegenstetter, die älter als 65 sind. Das sind 280 Personen. Zweimal pro Woche steckte sie – unterstützt von ganz vielen Mit-Engeln – eine kleine Überraschung in den Briefkasten. Ein Gedicht, eine Schoggi, eine Teemischung, eine kleine Geschichte. Die Kosten übernahm die Gemeinde.

Die Resonanz war gewaltig. Wunderlin und ihre Kolleginnen wurden mit Dankesbriefen und -karten nur so überhäuft. «Das hat mich riesig gefreut», sagt sie zur AZ. «Damit hätte ich nie gerechnet.»

Die Aktion ist zwar beendet, doch noch heute erinnern Schmetterlinge an einigen Fenstern im Dorf daran. Die rund 180 Fensterbilder anzufertigen, sei eine Idee einer Kollegin gewesen, erzählt Wunderlin. Sie kopierten Schmetterlinge auf weisses Papier, verteilten die Blätter im Dorf zum Ausmalen, ölten die Schmetterlinge ein (damit sie transparent werden), laminierten sie und verteilten die fertigen Schmetterlinge wieder im Dorf.

«Die Schmetterlinge symbolisieren die Gemeinschaft», sagt Wunderlin. Sie stehen für gelebte Solidarität und ein Miteinander ebenso wie dafür, dass die Menschen nach dem Lockdown wieder in Freiheit entlassen wurden. «Hoffentlich bleibt es dabei», so Wunderlin.

Die Nomination als solidarischstes Dorf freut die Wegenstetterin. «Es bestätigt mir, dass die Aktion geschätzt wurde.» Die Wahl zu gewinnen, «wäre schön», so Wunderlin, gerade auch im Hinblick auf das grosse Dorffest im nächsten Jahr.

Allzu grosse Chancen rechnet sie sich allerdings nicht aus. «Die Konkurrenz ist hart», sagt sie – und sie stammt zum Teil aus Gemeinden mit deutlich mehr Einwohnern und damit auch einem grösseren Stimmpotenzial. Doch, wer weiss: Vielleicht zeigt sich ja die ganze Region solidarisch mit dem solidarischen Wegenstetten und stimmt online unter www.dorfdesjahres.ch für die Fricktaler Gemeinde ab.

Autor

Thomas Wehrli

Thomas Wehrli

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