Die kleineren Lebensmittelländen im Fricktal stehen doppelt unter Druck. Zum einen führen die zunehmende Mobilität und das Auseinanderdriften von Wohn- und Arbeitsort dazu, dass viele ihre Einkäufe auf dem Arbeitsweg oder am Arbeitsort erledigen. In den Dorfladen gehen nicht wenige nur noch, wenn sie beim Einkauf etwas vergessen haben.

Zum anderen führt die Grenzlage dazu, dass viele Fricktaler mehr oder weniger regelmässig in Deutschland einkaufen, wo die Preise gerade für viele Lebensmittel merklich tiefer sind. Wer an einem Samstag nach Bad Säckingen oder Badisch-Laufenburg fährt, wähnt sich denn auch vom Dialekt, den er um sich hört, zu Hause.

Für die kleineren Lebensmittelgeschäfte in der Schweiz heisst es dann oft: Sich nach der Decke strecken, auf Kundennähe und familiäre Atmosphäre setzen oder sich auf ein Gebiet spezialisieren, was etwa die beiden Bio-Läden im Fricktal tun.

Verlust war in fünf Gemeinden besonders gravierend

Nicht immer reichen jedoch Kundennähe, Innovation und unermüdlicher Einsatz aus. Dann kommt es zur Schliessung des Dorfladens. Das ist Ende Jahr im Mettauertal der Fall. Nach über 40 Jahren schliessen Ruth und Thomas Müller die Türen ihres Ladens. Für immer. Neben dem Alter nennen sie den harzenden Geschäftsgang als Grund; es fehlen die Leute, die im Laden ihren grösseren Einkauf erledigen.

Es ist nicht der erste Dorfladen im Fricktal, der seine Türen endgültig schliesst – und es wird wohl auch nicht der letzte sein. Wie eine Umfrage der AZ unter allen Fricktaler Gemeinden zeigt, gingen in den letzten 15 Jahren 15 Lebensmittelläden zu (ohne Bäckereien und Metzgereien).

Sie verteilen sich auf zehn Gemeinden, wobei der Verlust für fünf Gemeinden besonders gravierend war: Hier verlor das Dorf seinen einzigen Lebensmittelladen. In Oeschgen schloss der Laden 2003; das Dorf hat zwar mit dem Lidl nach wie vor einen Discounter, nur liegt er – vom Dorf aus gesehen – sehr peripher. In Oberhof schloss der einzige Dorfladen 2007, in Olsberg war schon früher Schluss. In Hellikon ging das Milchlädeli 2018 zu, in Münchwilen hörte der letzte Detaillist 2006 auf.

In Rheinfelden gingen sechs kleinere Geschäfte zu

Mehr als eine Schliessung gab es nur in einer Gemeinde: Rheinfelden. Hier schlossen seit 2010 sechs kleinere Lebensmittelläden. Dies ist auch Ausdruck der veränderten Einkaufs- respektive Lebensgewohnheiten: Man kauft nicht mehr per se dort ein, wo man wohnt, sondern dort, wo man (auf dem Arbeitsweg) vorbeikommt und zentral alles in einem Laden erhält – also meist beim Grossverteiler. Indiz dieses Wandels, der tief greift, der auch Ausdruck einer gesellschaftlichen Transformation ist, sind auch die zahlreichen leerstehenden Ladenlokale in der Rheinfelder Altstadt.

Bei all den Schliessungen, die jede für sich immer auch ein schmerzlicher Einschnitt war, stellt sich die Frage: Blutet das Fricktal, ladenmässig, langsam aus? Oder droht ihm mittelfristig sogar eine Unterversorgung? Davon kann keine Rede sein.

Im geografischen Fricktal – also inklusive Bözen, Effingen, Elfingen und Densbüren – gibt es aktuell nicht weniger als 50 Lebensmittelgeschäfte, wie eine Erhebung der AZ zeigt. Sie verteilen sich auf 29 Gemeinden im Fricktal. Mit anderen Worten: Nur gerade in sieben Gemeinden gibt es keinen Dorfladen. Dazu kommen fricktalweit 15 Tankstellenshops, die ebenfalls ein Grundsortiment an Lebensmitteln führen.

Volg ist im Fricktal gut vertreten

Die grösste Dichte an Lebensmittelläden findet sich, wenig verwunderlich, entlang der Hauptverkehrsachse, also entlang der Strecke Frick–Basel und hier in den grösseren Ortschaften. In Frick, Möhlin und Rheinfelden buhlen je fünf Detaillisten um die Gunst der Käufer, in Kaiseraugst sind es vier und in Stein drei.

In allen grossen Orten sind Migros, Coop und Denner präsent. In Oeschgen gibt es den einzigen Lidl im Fricktal, in Frick den einzigen Aldi. Letzterer ist allerdings derzeit geschlossen. Die Filiale wird umgebaut und hier entsteht eine der grössten und modernsten Filialen der Schweiz. Ende September ist Wiedereröffnung.

Das Rückgrat der Lebensmittelläden bildet im Fricktal allerdings ein anderer grosser Player: Volg. Nicht weniger als 19 Filialen betreibt der Detaillist im Fricktal. Er konzentriert sich dabei bewusst auf kleinere bis mittelgrosse Ortschaften. So fehlt praktisch in allen Orten, die über einen Denner, Coop oder Migros verfügen, ein Volgladen. Eine Ausnahme bildet Möhlin; hier ist Volg sogar mit zwei Geschäften präsent. An einem Standort, jenem an der Riburgerstrasse, führt Volg seinen Lehrlingsladen.

Unabhängige Detaillisten sorgen für Grundversorgung

Gerade in kleineren Dörfern, die sich für die Grossverteiler nicht lohnen, tragen Detaillisten wie Ruth und Thomas Müller viel dazu bei, dass trotz Zentralisierungstendenzen und Grenznähe ein Einkauf im Dorf noch möglich ist. Von den 50 Lebensmittelgeschäften wird fast jedes fünfte privat oder durch eine Genossenschaft betrieben, das heisst nicht von einer der grossen Ketten geführt.

Ob sie alle überleben? Zu wünschen ist es den Betreibern, die ihr Geschäft mit viel Herzblut führen. Letztlich hängt es davon ab, ob sie genügend Kunden und damit genügend Umsatz generieren können. Oder, ganz direkt formuliert: Letztlich hängt es vom Einkaufsverhalten der Fricktaler ab.

Denn nur wenn genügend Leute bereit sind, zumindest einen Teil des Lebensbedarfs im Laden vor Ort einzukaufen (und nicht nur das vergessene Mödeli Butter zu holen), haben die Geschäfte nicht nur eine Überlebens-, sondern eine Lebenschance. Das obligate Jammern, wenn es zu spät ist, nützt ihnen nichts.