Donnerstag, 19 Uhr, Hotel Adler, Frick. Männerrunde. Fünf Herren im grau melierten Alter treffen sich zur konspirativen Runde. Ihre Mission: Jassen, jassen, jassen.

«Höher befehlt, Ass get.»

Seit fast 45 Jahren gehört der donnerstägliche Jassabend zu ihrem Wochenprogramm. Er ist ihr Ritual, oder besser: ihr Allerheiligstes. Nur sie. Der Jassteppich. Und die Karten, die französischen.

«Schuufle, Drüblatt, vo de Herz-Dame.»

Der erste Durchgang. Alles läuft nach Plan. Stich um Stich schaufelt der Trumpf-Ansager vom Tisch. «Läck mer», entfährt es Anton Mösch kurz vor der letzten Karte. Es ist kein «Ich freue mich»-Läck-mer, sondern ein: «Die machen noch den Match»-Läck-mer! Er gelingt – nicht. «Wenn wir den König gehabt hätten, dann hätten wir den Match nach Hause gebracht», sagt Hansjörg «Schaber» Schraner, zwirbelt seinen Schnauz zurecht. Läck mer.

Mischen, verteilen, in die Karten versinken. Anton Mösch kratzt sich am Hinterkopf, Hansjörg Schraner nickt beim Blick in die Karten, Ruedi Schmid beobachtet die beiden, derweil beobachtet Heinz Wittlin, wie Schmid die anderen beobachtet. Und Peter Walde, der in der ersten Runde aussetzt, entfährt ein «ui», wie er ins Blatt von Schmid blickt.

«Chrüz, 50 – und en Drüer.» – «Das foht jo scho guet a», murmelt Schraner, seine Mimik mäandert zwischen «das kommt trotzdem gut» und «Hilfe, das kommt gar nicht gut!»

Gegründet haben die Herren den Jassclub am 28. April 1973. Damals noch zu siebt. «Wir waren alle im Turnverein und haben fast jede freie Minute zusammen gejasst», erinnert sich Anton Mösch. Eines Abends kamen sie auf die Idee, einen Jassclub zu gründen. Der Name war in bierfröhlicher Runde schnell gefunden: Dam-Blutt. Alle lachen. Man sei immer so gut drauf, betont Peter Walde, also nicht nur, weil der Zeitungsfritze dabeisitzt.

Das erste und einzige Ziel des Vereins: Jassen, bis sich die Balken blieben – und dabei den Plausch zusammen haben. «Die Idee hinter der Vereinsgründung war, dass wir bis ins AHV-Alter miteinander jassen.»

Sie dachten weit voraus, damals, vor 45 Jahren, 21- bis 28-jährig. Seither ist viel Wasser den Rhein, pardon: die Kehle hinuntergeronnen. Die einst prächtig schwarzen, braunen und blonden Haare haben sich dem Herbst des Lebens angepasst. Brillen sitzen auf den Nasenkuppen und, ja, beim einen oder anderen ist das eine oder andere Kilogrämmchen dazugekommen. Doch eines ist geblieben: Das Jass-Fieber.

Anton Mösch schiebt. «Egge», sagt Wittlin. Stirnrunzeln bei Mösch. Er spielt aus.

«Früher trafen wir uns noch öfter», sagt Ruedi Schmid. Auch länger. «Wir gingen nie vor 24 Uhr aus dem ‹Adler›», so Peter Walde. Heute ist um 23 Uhr Schluss. «Alte Herren müssen eben früher ins Bett», scherzt Anton Mösch. Und sie müssen, so scheint es, gesünder leben: Vor allen steht ein Glas Mineralwasser. Das sei nicht nur so, um ein gutes Bild in der Zeitung abzugeben, versichern die Herren unisono.

Stirnrunzeln. Beim Journalisten. «Früher war es natürlich meist ein Bier», räumt Peter Walde ein. Und am Schluss genehmigt man sich auch heute noch eine «richtige» Runde. Die zahlt der, der verliert.

«Hei, ei, ei», entfährt es Peter Walde. Auch Ruedi Schmid schaut besorgt drein. Machen die anderen den Match? Letzter Stich. Er geht an – Schmid. Glück gehabt.

Vorstellungsrunde. Die fünf Herren mit einem Altersdurchschnitt von etwas mehr als 68 Jahren, wie sie für den AZ-Journalisten ausgerechnet haben, sind: Anton Mösch, 68, Alt-Gemeindeammann und derzeit «Event-Manager» im Club. Hansjörg Schraner, 67, Coiffeur im TeilzeitRuhestand und Clubpräsident. Ruedi Schmid, 68, Schreiner und lange Zeit Hauswart der Schulanlage. Heinz Wittlin, mit 66 das Küken in der Runde, Chemikant und Kassier im Club. Peter Walde, der Senior, 73, Geschäftsinhaber. Damit die Last der Ämter nicht zu schwer laste, werde der Gesamtvorstand jedes Jahr neu gewählt, sagt Anton Mösch. Alle lachen.

«Obe abe, en Drüer.» Die Ansage von Ruedi Schmid überrascht nun seinen Jasspartner Peter Walde doch etwas. Der Blick, den er gegen oben wirft, heisst so etwa: Himmel, hilf!

Der Himmel hilft selten. Aber ein gutes Blatt. Mit dem man gewinnen kann. «Jeder will natürlich gewinnen», sagt Heinz Wittlin. Wer am weitesten davon entfernt ist, also Fünfter wird, zahlt 15 Franken in die Kasse. Der Vierte 14, der Dritte 13, der Zweite 12, der Erste elf. Man zahlt gerne. Es ist ja für einen guten Zweck – die jährliche Jassclub-Reise. Letztes Mal ging es an den Murtensee. Oder besser: rund herum. «Mit dem Töffli», sagt Anton Mösch – und alle strahlen. Wie jung gebliebene Töfflibuben.

Einmal waren sie in Paris, einmal in Evian. Im Casino. Jeder bekam 150 Franken aus der Kasse zum Spielen. Fünf der damals noch sieben Club-Mitglieder sassen «saumässig schnell» schon an der Bar. Der Einsatz war verspielt. Wieder lachen alle.

Auf den Reisen ist alles erlaubt – nur eines nicht: Jassen. «Wir haben uns ein Reise-Jassverbot auferlegt», sagt Anton Mösch, schmunzelt. Das sei sinnvoll, denn schliesslich jasse man ja sonst immer.

«Guet, Ruedi, guet!» Wittlin ist mit seinem Partner hörbar zufrieden. Schraner mit sich – oder vielmehr dem Blatt in der Hand – aktuell nicht so ganz. «Das isch eifach nüt, nüt, nüt!»

Das «Nüt» ergibt am Schluss doch noch zwei Stiche. Match abgewehrt. Mischen. «Die Karten sind etwas speckig», findet Ruedi Schmid. «Neue in der zweiten Runde?», fragt Peter Walde, der beim ersten Durchgang den Zuschauer mimt. Er greift in der zweiten Runde ins Geschehen ein. Dann wird Anton Mösch pausieren.

Schieber. Zu fünft. «Das geht problemlos», sagt Schraner. Nur beim ersten Mal, vor Jahren, ging es am Schluss nicht auf. Die Herren, ganz findig, streckten die Köpfe zusammen, tüftelten und entwickelten ein System, bei dem alle am Schluss gleich oft am Zug waren. «Wie es funktioniert?», wiederholt Mösch die Frage, schmunzelt, spitzbübisch. «Das bleibt unser Geheimnis», sagt er dann. «Sonst klaut uns noch einer unser System.»

«Gopferdelli!», entfährt es Hansjörg Schraner. Die Gegner spielen auf den Match. Stilstudie. Anton Mösch greift eine Karte, steckt sie zurück, greift eine andere, spielt sie. Die Augen von Heinz Wittlin blitzen auf. Es muss die richtige Wahl gewesen sein. Hansjörg Schraner hingegen zupft wieder an seinem Schnauz, die Mundwinkel etwas nach unten gezogen, Ruedi Schmid schüttelt den Kopf. Ist es der Match? Nein, der Versuch scheitert.

Emotionen sind im Spiel. Das gehört zum Jassen. «Natürlich regt man sich manchmal auf», räumt Peter Walde ein. Und, ja, ab und an kommt es auch vor, dass die Karten durch die Luft fliegen. «Aber am Schluss gehen wir immer wieder friedlich miteinander nach Hause», sagt Mösch. Schraner wirft Mösch einen kurzen Blick zu, lacht. «Da hat Toni absolut recht. Wir sind nicht nachtragend; nach zwei bis drei Jahren sind Vorfälle jeweils schon wieder vergessen.»

«Schuufle, i mach selber», sagt Schmid und macht Stich um Stich. «De hät jo Trümpf zum Versaue», ärgert sich Wittlin.

Ablenkungsmanöver. Man spricht über dieses und jenes, der Blick bleibt dabei an die Karten geheftet. Ja keinen Fehler machen. Ja keinen Unterzug verpassen. Über was spricht man am Jasstisch? «Gott und die Welt», sagt Mösch. Und natürlich über Frick und die Fricker. Er lacht. «Als ich noch Gemeindeammann war, versuchten mich die Kollegen immer auszufragen und mir die Würmer aus der Nase zu ziehen.» Gelungen ist es nicht. Dafür war Mösch zu sehr Profi. 28 Jahre sass er im Gemeinderat, 24 davon stand er Frick als Ammann vor.

Die erste Jassrunde kommt in die heisse Phase. Die Sprüche werden seltener. Pokerface-Time. Und Geräusche-Zeit: «Rhmmm», raunt der eine, «Mmmpf» tönt es von der anderen Seite. Langer Blick in die Karten. Dialog-Fetzen. «Besch du dra?» – «Nei.» – «Doch!» – «Denn schieb i.» – «Muess das jetzt sie?» – «Jo, ghörsch es jo.» – «I dem Fall, unde ufe.» – «Au nei!»

Sein musste an diesem Abend der einheitliche Look. Alle fünf laufen im «Dam-Blutt»-T-Shirt ein. «Das ziehen wir nur bei besonderen Anlässen an», sagt Anton Mösch. Alle nicken, der Journalist dankt. Dann also auch am 28. April, einem Samstag, dem Vereinsgeburtstag. «Wir veranstalten zu unserem 45. Geburtstag für die Fricker Vereine ein Jassturnier», sagt Peter Walde. Das werde «ein Super-Jass-Tag.»

Noch zwei Karten hat jeder in der Hand. Jetzt gilt es ernst. Alles oder nichts. Hansjörg Schraner spielt aus. «Hmmm», macht Jasspartner Ruedi Schmid. Es ist ein Blöd-gelaufen-«hmmm». Er hat den «Bock» nicht. Die letzte Karte ist gespielt.

14 – 14 – 14 – 25 – 28 – 30. Das war es auch schon. «Trotzdem es betzli wenig, ned?», sagt Anton Mösch. Die Frage, die keine ist, bleibt unbeantwortet. Zumindest verbal: Der Blick sagt alles. Nämlich: Das war nichts.

Manchmal kann es auch laut werden, am Jasstisch, im «Adler». «Das gehört dazu», sagt Hansjörg Schraner, der derzeit einen leicht angespannten Eindruck – man kann auch sagen: einen vorexplosiven – hinterlässt. «Es verliert schliesslich niemand gerne.» Früher, zu Berufszeiten, habe man auch ab und an den Ärger aus dem Geschäft mitgebracht, räumt Mösch ein. «Wir sind auch nur Menschen.» Alle lachen. Der Ärger sei aber jeweils schnell verflogen. «Wenn nicht, wenn wir nicht ein Super-Team wären, hätte es nie und nimmer 45 Jahre gehalten.»

Die Nachbetrachtung kommt nach jeder Runde. Die fünf häufigsten Feststellungen. Erstens: «Das isch jo rund gloffe.» Zweitens: «Das isch gar ned gloffe.» Drittens: «Domit han in ned grechnet.» Viertens: «Hätti nomal zieh sölle?» Fünftens: «Mit dem Blatt han i selber mache müesse. Eifach es Traumblatt.»

Die Uhr tickt. Mehrere Runden mit mehreren Siegern sind gespielt. Man neckt sich, klopft Sprüche. «No en Rundi», ruft Anton Mösch – «Mineral.»

Ruedi Schmid nimmt die Brille vom Gesicht, beäugt sie kritisch. «Läck», sagt er. «Do gseht me jo gar nüd meh.» Er blickt in die Runde, schmunzelt. «Das i d Böck no gseh ha, isch es Wunder.» Ein Wunder ganz anderer Art will derweil Hansjörg Schraner vollbringen. Er schreibt die letzte Runde. Doppelt. «He», rufen die Gegner. «De isch im Fall eifach gsi.» – «Eifach?» – «Eifach!» – «Jo, denn halt.»

Alle lachen. Wie so oft an diesem Abend. Bis um 23 Uhr. Dann ist Schluss. Für heute. Denn, wie sagte Anton Mösch? «Alte Herren müssen eben früher ins Bett.»