Er kann es nicht lassen. Nach knapp zwei Stunden Gespräch über ihn und sein Leben, über Arbeit und Familie, über soziale Ungerechtigkeit und privilegiertes Professoren-Dasein, über linke Positionen und, ja, auch etwas über «Das Kapital» von Karl Marx, das er zweimal gelesen hat – nach knapp zwei Stunden des Befragt-Werdens kehrt Ueli Mäder den Spiess um: «Nun möchte ich aber auch etwas über Sie erfahren.»

Das Ergründen des Gegenübers, das Verstehen, wie es denkt, wie es handelt – und vor allem: Warum es so handelt, wie es handelt, ist sein Ding. Er will das Individuum erforschen, will verstehen, weshalb die eine soziale Konstellation zum Absturz führt, die andere nicht.

An dem kleinen Tisch in seinem schmalen, etwas muffigen, mit Büchern vollgestopften Büro sassen in den 13 Jahren, in denen Mäder, 64, nun Soziologieprofessor an der Uni Basel ist, Hunderte von Gesprächspartnern. Alkis, Randständige, Studenten, Professorenkollegen. Oft für ein langes, intensives Gespräch, manchmal auch nur auf eine Zigarettenlänge. Mäder, der Disziplinierte, den man unter der Woche regelmässig von 6 bis 22 Uhr an der Uni antrifft, gönnt sich pro Tag genau eine Zigarette. In letzter Zeit blieb auch diese oft in der Packung stecken, «weil die Lust, zu rauchen, fehlte».

Es klingelt an der Institutstüre

Am Abend, wenn Mäder an seinem Computer sitzt, die über 100 Mails, die ihn täglich erreichen, abarbeitet («ich reagiere auf fast jede Mail noch am gleichen Tag»), am Abend, wenn an der Uni nur noch aus seinem Büro am Petersgraben Licht auf die Strasse fällt, läutet es regelmässig an der Institutstüre. Vor der Türe steht dann oft eines seiner ehemaligen Forschungsobjekte – ein Jugendlicher, der sich in der Gesellschaft nicht zurechtfindet, ein Alkoholiker, der jemanden zum Reden braucht.

Für die Gesellschaft sind es gescheiterte Existenzen; für Mäder Menschen, die einen schweren Rucksack zu tragen haben. Sie vertrauen ihm. Sie kommen, weil sie wissen: Der Ueli hört uns zu. Das Zuhören-Können, das Verstehen-Wollen sind zwei Momente, die Mäder auszeichnen. Das Sich-schlecht-Abgrenzen-Können, das Unvermögen, auch einmal Nein zu sagen, ein drittes.

Ein Viertes zeigt sich an seiner Bürowahl. Zu Beginn der Basler Zeit hatte er ein grosses, geräumiges Büro. Er tauschte es gerne gegen das Kleine nebenan ein. Bescheidenheit, oder vielmehr: Einfachheit ist sein Wesen. Sie rührt daher, dass er jeden Tag sieht: Ich stehe auf der Sonnenseite des Lebens. Für dieses Privileg ist er dankbar, gibt davon, so gut er kann, etwas zurück: Er unterstützt die Randständigen – mit Worten und Franken.

Das Einfach-Sein, das sich auch in der Kleidung niederschlägt – dunkle Jeans, blaues Hemd, leicht zerknitterter Kittel –, hat noch einen zweiten Grund: seine Herkunft. Mäder, das Jüngste von sechs Kindern, wuchs in bescheidenen Verhältnissen auf, «einer Aussenseiterfamilie», wie er sagt. Selbstvertrauen holte er sich im Sport; da war er wer, da war er dabei. Mäder spielt Handball – viele Jahre lang in der Nationalliga. Bis heute hat Sport einen zentralen Platz in seinem Leben.

Prügel in der Schule

Mäder erlebte früh, was (soziale) Ungerechtigkeit ist. Dann etwa, wenn die Eltern einen Randständigen wie den Mann, den alle Dorftrottel schimpften, zum Essen einluden. Dann etwa, wenn er im Kindergarten und in der Schule aus nichtigem Anlass Prügel erhielt.
Die Schulzeit hasst Mäder bis heute. Zwei Lehrer müssten ihm nie über den Weg laufen, sagt er. Dafür ist ihm, im Kindergarten, Esther Schwald über den Weg gelaufen. Neun Jahre später, mit 16, wurde sie seine erste Freundin.

Die Beziehung hielt: Die beiden heirateten, haben drei inzwischen erwachsene Kinder. Die Erziehungsarbeit teilten sie sich; Mäder arbeitete bis 2001 50 bis 60 Prozent. Am Morgen der Job, am Nachmittag die Kinder. «Eine tolle Zeit», sagt er. Allerdings erntete er von einzelnen Arbeitskollegen bisweilen ein mitleidiges Lächeln, wenn er sagte: Er könne nicht an einer Sitzung teilnehmen, er müsse die Kinder hüten.

Das soziale Moment, das Mäder in seinem Elternhaus erlebt hat, das Prinzip der offenen Haustüre lebte er mit seiner Familie 24 Jahre lang ganz konsequent. Zusammen mit drei Familien wohnten die Mäders in einem ehemaligen Altersheim, bildeten eine grosse Wohngemeinschaft, eine Art Kommunalka.

Seit drei Jahren in Rheinfelden

Jahre später, auf der Suche nach einem Raum für die Atempraxis seiner Frau, entdeckte die Tochter vor gut drei Jahren das ehemalige Tabakhüsli in der Tempelgasse in Rheinfelden. Der Fall war für Esther Schwald sofort klar: Das ist es. Im selben Haus war eine Zwei-Zimmer-Wohnung frei; das Paar mietet sie und zügelt nach Rheinfelden. «Ich hatte etwas Mühe, aus Basel wegzuziehen», gesteht Mäder.

Klopfzeichen am Abend

Oft klopft er heute am Abend, wenn er nach 22.30 Uhr nach Hause kommt, an das Fenster der Praxis und man redet unter dem Fenster. «Ein schönes Ritual», findet Mäder. Dass die zwei Zimmer nicht zu eng werden, liegt auch daran, dass sich die beiden unter der Woche berufsbedingt wenig sehen. «Dafür ist die gemeinsame Zeit am Wochenende umso intensiver.»

Seit einigen Jahren verbringen sie diese oft in einem 100-Seelen-Kaff im Jura. Hier ist das Paar ganz auf sich zurückgeworfen, denn Internet gibt es hier nicht – und ein Handy besitzt Ueli Mäder gar nicht erst. In Ocourt haben sie eine alte Mühle gekauft und umgebaut. «Ich musste über meinen Schatten springen», sagt Mäder, «denn ich sagte immer: Eigentum ist Diebstahl.»

Nieder mit dem Kapitalismus. Mäder ist eine linke Saftwurzel durch und durch, bezeichnet sich selber als Sozialist, der mit Verve gegen soziale Ungerechtigkeit in der Welt ankämpft und -schreibt. In der Schule gab er eine anarchistische Zeitung heraus; als Dienstverweigerer sass er fünf Monate im Gefängnis; mit einem Kollegen kletterte er auf das Basler Münster und entrollte 1975 ein Transparent: «Vietnam befreit!»; er war bei der Gründung der Progressiven Organisationen der Schweiz (Poch) dabei und stand auch dann noch auf dem Deck, als das Poch-Schiff unterging; er war zehn Jahre lang Grossrat in Basel – zuerst für die Poch, dann für «BastA!».

Seit Mäder an der Uni lehrt, genauer: Seit 2001, als er seinen ersten Lehrstuhl an der Uni Fribourg bekam, zog er sich aus der aktiven Politik zurück. Er mache auch an der Uni Politik, werfen ihm seine Gegner vor, indem er die Forschungsfragen nach seiner Gesinnung auswähle. Er missbrauche öffentliche Gelder für seine Ideologien. Mäder sieht darin kein Problem, «solange man versucht, eine kritische Distanz auf alle Seiten zu wahren und man die Ergebnisse ungefiltert publiziert, also auch dann, wenn sie den eigenen Überzeugungen widersprechen».

Ende Juli endet die Unizeit

Viele Bürgerliche sehen das anders. Für sie ist Mäder ein rotes Tuch. Besonders scharf wird er von der «Weltwoche» attackiert. Kritik störe ihn nicht, sagt Mäder, er liebe den Disput mit Andersdenkenden. «Das macht das Leben spannend. Widerspruch dynamisiert.» Sein Ziel ist es, aus jeder Begegnung etwas zu lernen. Das gilt auch für Begegnungen mit Andersdenkenden. Just diese Gelassenheit ist es, die seine Gegner erst recht zur Weissglut treibt. Zu diesem Ruhig-Bleiben muss er sich nicht zwingen; er ruht in sich.

Ein Heiliger ist Mäder nicht; er hat durchaus narzisstische Züge. Er liebt den Auftritt, er liebt die Provokation. Und das ganz gerne vor grossem Publikum: In seine Vorlesungen quetschen sich bis zu 500 Studenten. Von ihnen wird er sich am 18. Mai in einer letzten Vorlesung verabschieden. Mäder geht in Pension, er emeritiert Ende Juli.

Er freue sich auf die Zeit danach, sagt er. Er habe den Job mit Leib und Seele gemacht und werde dies bis zum letzten Tag tun. «Doch der Zeitpunkt, zu gehen, ist richtig.» Was danach kommt, lässt er offen; seine Agenda ist bis Ende Jahr blank. An Angeboten mangelt es nicht – er könnte sich mit Präsidien zudecken. Doch das will er nicht. «Ich habe stets viel gearbeitet, sagt er. «Jetzt will ich herausfinden, wie es ohne ist.» Er nehme sich bewusst Zeit, herauszufinden, was er künftig machen wolle.

Ueli Mäder wird zum eigenen Sozialexperiment. Zwei Ergebnisse kann man vorwegnehmen: Er wird sich, erstens, weiterhin für Benachteiligte einsetzen. Zweitens wird er das, was er tut, mit ebenso viel Leidenschaft wie Hartnäckigkeit tun. Mäder bleibt Mäder. Basta.