Köbi Brem war für einen kurzen Moment abgelenkt, passte für einen Bruchteil einer Sekunde nicht auf – und bekam das schmerzhaft zu spüren. Mitten im Niemandsland. Oder besser: auf See.

Rückblick. Köbi Brem, 59, langjähriger Gemeindeammann von Wölflinswil, und Pia Koch, 62, liessen sich vor gut einem Jahr frühzeitig pensionieren und setzten Ende Mai 2018 ihren grossen Lebenstraum in die Tat um: Die Welt umsegeln, nur sie beide, ihre Jacht «Lupina» und das offene Meer (die AZ berichtete).

Kein Müssen mehr, nur noch ein Dürfen; keine Pflichttermine mehr, nur noch Kür. Ihre Wohnung, ihr Zuhause wurde die «Lupina». 13,57 Meter lang, 4,06 Meter breit, 1,98 Meter Tiefgang – was für viele beengend tönt, ist für Brem und Koch befreiend. Ist Freiheit pur.

Jachthäfen sind selten in der Karibik, für einmal darf die «Lupina» in einem ausruhen.

Jachthäfen sind selten in der Karibik, für einmal darf die «Lupina» in einem ausruhen.

Diese Freiheit genossen sie am Ostersonntag vor einer unbewohnten Insel. Da Ankern hier zum Schutz der Korallen verboten ist, versuchten sie, die «Lupina» an einer Boje festzumachen. «Starker Wind und Wellen liessen uns mehrmals scheitern, weil das Schiff immer wieder abgetrieben wurde», erzählt Brem. Als das Schiff dann wieder direkt neben der Boje lag, sprang er ins Wasser und zog die Festmacherleine durch die Stahlöse der Boje.

Da passierte es. Durch einen Seilkontakt mit dem Bein war Brem kurzzeitig abgelenkt, eine grosse Welle und ein an der Reling verklemmtes Seil taten das ihre – und die linke Hand war eingeklemmt. «Die Fingerkuppe des linken Mittelfingers wurde vom Seil abgeklemmt», blickt Brem zurück.

Der kleine Finger war ausgerenkt, Daumen und Zeigefinger gequetscht. Der Ringfinger war gebrochen, was Brem aber erst im Juni erfuhr, als die beiden auf Heimaturlaub waren.«Im ersten Moment war der Schmerz nicht so gross», erzählt Brem. Er versuchte, die Finger wieder zu richten, und hielt instinktiv die Hand in die Höhe, um die starke Blutung einzudämmen. «Dann galt nur eines: möglichst rasch zurück aufs Schiff.» Die Erstversorgung haben die beiden selber an Bord gemacht, Material war genügend vorhanden. «Erst nachher begannen sich die Schmerzen bemerkbar zu machen», so Brem.

Lange zwei Stunden

Zwei Stunden dauerte die Fahrt bis zur nächsten bewohnten Insel. Sie warfen Anker und winkten einen Fischer herbei, der die beiden ans Land brachte. «Weil es Ostersonntag war, fuhren keine Taxis oder Busse», erzählt Brem. Ein Hafenmitarbeiter brachte sie schliesslich mit seinem Auto ins Spital auf der Insel. Rund fünf Stunden nach dem Unfall war Brem dann in ärztlicher Behandlung.

Beim Unfall hat sich Köbi Brem an Ostern die Finger an der linken Hand verletzt. Noch immer muss die Hand versorgt werden.

Beim Unfall hat sich Köbi Brem an Ostern die Finger an der linken Hand verletzt. Noch immer muss die Hand versorgt werden.

Die Ärzte leisteten mit den einfachen Mitteln, die ihnen zur Verfügung standen, «eine gute Arbeit» und sie haben «die verletzte Fingerkuppe so gut, wie es halt ging, zusammengeflickt». In der ersten Woche musste der Verband täglich gewechselt werden, was Brem in einer medizinischen Versorgungsstation im Hafen machen konnte; das Verbandsmaterial musste er allerdings jeweils selber mitbringen.

«Zum Glück hatten wir unsere Bordapotheke», so Brem. Diese haben sie nach dem Unfall weiter optimiert. Ab der zweiten Woche «hat Krankenschwester Pia die Verbände gewechselt und Patient Köbi immer rechtzeitig gejammert, bevor es richtig schmerzhaft wurde», sagt Brem, der den Humor nicht verloren hat.

Eine Lehre aus dem Unfall war, die Bordapotheke zu vergrössern. Eine zweite: «Die beste Vorsorge ist das Vermeiden von Unfällen durch noch mehr Vorsicht», sagt Brem. Diesem Punkt, nicht einfach etwas schnell, schnell zu machen, sondern zuerst nachzudenken, was passieren könnte, wollen sie künftig noch mehr Beachtung schenken.

Köbi Brem trotz seiner Verletzung im Wasser - aber nicht ohne die Wunde zu schützen.

Köbi Brem trotz seiner Verletzung im Wasser - aber nicht ohne die Wunde zu schützen.

«So ein Unfall zeigt einem wieder die Grenzen auf», so Brem. Sie seien sich der Gefahren, die ein Segeltörn mit sich bringen kann, durchaus bewusst – auch deshalb war ihnen von Anfang an wichtig, dass die Bordapotheke breit gefächert ist. Ein kluger Entscheid, wie sich beim Finger-Vorfall zeigte.

Inzwischen ist die Wunde komplett vernarbt. Ein Röntgen im Juni in der Schweiz zeigte jedoch, dass der Knochen an der Spitze nicht mehr genügend geschützt ist und vermutlich noch etwas verkürzt werden muss, wenn die Wunde vollständig abgeheilt ist. Zwar regenerieren sich Fingerkuppen recht gut. «Eine Verkürzung am Mittelfinger wird aber zurückbleiben», so Brem.

Lernen, Hand zu benutzen

Derzeit muss Brem lernen, die linke Hand wieder mehr zu belasten. «Noch sind die meisten Finger in ihrer Beweglichkeit eingeschränkt, aber es gibt täglich Fortschritte», so Brem. Feinarbeiten und Heben von schweren Lasten funktionieren allerdings noch nicht.

Die Reise in die Schweiz war ohnehin geplant – als Ferien von den Ferien, wenn man so will. «Es war für uns wunderbar, wieder einmal unsere Familien und Freunde zu sehen», sagen beide. Die vier Wochen waren mit allerlei Aktivitäten gefüllt, liessen aber auch Raum für spontane Besuche.

Anlässe zum Feiern gab es gleich mehrere; einer davon war die Taufe des zweiten Grosskindes. Aber auch einen traurigen Moment gab es: Der Vater von Pia Koch musste zu Grabe getragen werden.Einen besonderen Anruf bekam Brem zudem vom Männerturnverein Wölflinswil. Brem, noch immer aktives Mitglied mit viel Turnerfahrung, wurde vom Verein angefragt, ob er am Eidgenössischen Turnfest mitmacht. Er musste es sich nicht lange überlegen, besuchte in der kurzen verbleibenden Zeit alle Trainings – und erturnte sich zusammen mit seinen Turnkameraden den 4. Rang.

Die Antwort auf die Frage, was sie auf hoher See von der Heimat hauptsächlich vermissen würden, müssen sich die beiden nicht lange überlegen: Den persönlichen Kontakt mit den Menschen, die ihnen wichtig sind. Auf diesen Kontakt «freuten wir uns am meisten».

Gefreut haben sie sich aber auch auf «so einfache Dinge wie Kirschenessen vom Baum oder herzhaftes Grillieren.»Der Abschied fiel ihnen trotzdem nicht allzu schwer. Denn zum einen freuten sie sich nach vier Wochen auf ihre «Lupina», zum anderen half das Wissen, dass man sich im Januar 2020 bereits wieder sieht. «Glücklicherweise gelingt es uns immer, uns daran zu freuen, was wir haben, und nicht dem nachzutrauern, was wir nicht haben.»

Diese Einstellung prägt die beiden auch sonst. «Wir leben im Heute und Jetzt», sagt Brem. «Deshalb vermissen wir nicht, was wir gestern hatten.» Loslassen sei zwar nicht einfach, «aber uns ist es recht gut gelungen».

Seit Anfang Woche sind sie nun zurück auf der «Lupina». Aktuell liegt die Jacht in Bonaire. «Während der Hurrikan-Zeit, die bis in den November dauert, bleiben wir in der Gegend der ABC-Inseln», sagt Brem. Diese Inseln liegen südlich der Hurrikan-Zone und sind, je nach Fahrtrichtung, ein bis drei Tage voneinander entfernt.

«Da sie von Europa leicht erreichbar sind, erwarten wir in den nächsten vier Monaten auch diverse Besucher aus der Schweiz», freuen sich die beiden.Verleidet ist Koch und Brem das Segeln, das Leben auf See «noch nie». Den Reiz macht für die beiden «das Neue, das Unbekannte» aus, das habe sie schon immer fasziniert. «Das Meer ist bei weitem nicht so dicht befahren wie die Strassen und das Fortbewegen mit dem Segelschiff bedeutet Freiheit pur.» Das Leben auf See sei «noch viel schöner, als wir uns das erträumt hatten». Einer der schönsten Momente sei jeweils, «wenn wir mit gefüllten Segeln zu einer neuen Insel aufbrechen und die letzte Insel am Horizont langsam verschwinden sehen», umschreibt Brem die Faszination des Moments.

Leben auf Jacht ist nie zu eng

Das Leben auf der Jacht ist aber auch eng – manchmal zu eng? Nein, sagen beide. «Natürlich ist es eng auf dem Schiff», so Brem. «Aber es ist wunderbar, jeden Tag zu spüren, dass wir beide uns innig lieben, glücklich sind und die grosse Freiheit erleben dürfen.»

Dass man sich auf See schwer aus dem Weg gehen kann, «ist vielleicht auch gerade der Grund, warum wir es heute viel schöner haben miteinander als vorher, als wir beide in der Arbeitswelt gestanden sind», sagt Brem. Da seien viele Probleme verschwiegen worden oder gar nie zur Aussprache gekommen. «Wir reden heute viel mehr miteinander und spüren uns entsprechend auch viel besser.»

 Nach Highlights aus den letzten zwölf Monaten gefragt, kommen die beiden ins Schwärmen, erzählen von der englischen Südküste, von den Kapverdischen Inseln, von den Karibik-Inseln, von der «einfach fast jede schön war». Deshalb umgekehrt gefragt: Gab es auch Orte, die den beiden nicht gefallen haben? Eigentlich nicht, sagen sie, fügen dann an: «Die einzige Insel, wo wir nachher gesagt haben: ‹Gut, dass wir da waren, aber noch einmal müssen wir da nicht wieder hin›, war Barbados.»

Wiedersehen nach eineinhalb Jahren mit der Tochter von Pia Koch (Mitte) auf Bonaire.

Wiedersehen nach eineinhalb Jahren mit der Tochter von Pia Koch (Mitte) auf Bonaire.

Einen ganz besonderen Moment erlebten die beiden bei ihrer Ankunft auf Bonaire, wo die Jacht noch immer vor Anker liegt. Die Tochter von Pia Koch lebt hier. Gesehen hatten sie sich zuletzt vor eineinhalb Jahren. «Sie hat unsere Anfahrt auf dem Radar von ihrem Arbeitsort aus verfolgt und ist uns vor dem Büro der Einklarierungsbehörde in die Arme gefallen.»