Möhlin

Der Spirituelle: Fritz-René Müller, emeritierter Bischof der christkatholischen Kirche, wird 80

Erreicht hat Fritz-René Müller in seinem Leben viel. Er war Pfarrer, Lehrer, Bischof. Von 2002 bis 2009 leitete er zusammen mit den kirchlichen Behörden die christkatholische Kirche der Schweiz. Am kommenden Montag feiert Müller seinen 80. Geburtstag. Eine Annäherung

Es ist eine Heimkehr der besonderen Art: Fritz-René Müller parkiert seinen Audi am Ende der Kraftwerkstrasse, steigt aus, knöpft den Mantel zu, schaut die Strasse hoch. «Viel hat sich hier nicht verändert», sagt er dann mit Blick auf die fünf Wohnhäuser, «die Kraftwerkskolonie», wie er sie im Gespräch nennt. Hier, doch recht weit ab vom Dorf Möhlin, auf Rheinfelder Boden und doch auf Möhlin ausgerichtet, ist er aufgewachsen, damals, vor bald 80 Jahren.

Müller schmunzelt, wie er sich in seiner alten Heimat umschaut, zeigt auf das Haus, das am nächsten beim Waldrand liegt, zeigt auf ein Fenster im oberen Stock mit geschlossenen, roten Holzläden. «Da war das Geburtszimmer.»

1 Der Einzelgänger.

«Die Umgebung hat mich geprägt», sagt Fritz-René Müller. Die Umgebung, das sind fünf Häuser, neun Familien – und viel, viel Natur: die Kraftwerkskolonie auf Rheinfelder Boden. Die Eltern konnten hier wohnen, weil der Vater im Kraftwerk arbeitete. Eine idyllische Gegend, eine einsame aber auch. «Mein Bruder war sieben Jahre älter als ich, und auch die anderen Kinder im Quartier waren deutlich älter», erinnert er sich. «Darum musste ich mich mit mir selber beschäftigen.»

Müller legte sich als Kind ein Gärtchen an, fuhr mit dem Trottinett die Strasse rauf und runter, sang dabei auch schon mal einer anderen Mutter ein Ständchen. Er spielte alleine im Wald, was man heute wohl nicht mehr erlauben würde, half beim Kochen. Das Alleine-Aufwachsen habe ihn starkgemacht, sagt Müller. Er habe früh gelernt, auf eigenen Beinen zu stehen.

Dieses Eins-Sein mit sich selber, dieses Einzelgänger-Sein zieht sich wie ein roter Faden durch seine Jugend. Müller selber nennt es für die damalige Zeit ein «Grenzgänger-Sein».

Er schmunzelt, wenn er an die Schulzeit denkt. An den gut drei Kilometer langen Schulweg ins «Fuchsi», den er mit dem Velo zurücklegte. Oder wenn er an den Start in seine Gymnasiumszeit in Basel denkt. Die anderen Schüler, viele aus dem Basler Daig, fragten den Fricktaler höhnisch: Gibt es in Möhlin überhaupt eine Schule?

2 Lehrer oder Pfarrer?

Eigentlich wollte Fritz-René Müller Lehrer werden, wie sein Onkel. Doch da war Hans Frei, der Stadtpfarrer von Rheinfelden. Als dieser 1954 den Hirtenbrief des damaligen Bischofs der Christkatholiken, Urs Küry, las, dachte er sofort an Fritz-René. Die Ernte sei gross, schrieb Küry, doch die Zahl der Knechte klein – was nichts anders war, als ein in eine Metapher gekleideter Hilferuf: Wir brauchen dringend Theologiestudenten! Frei las den Hirtenbrief, eilte zu den Müllers, sprach mit den Eltern und versuchte Fritz-René, damals 15, oder dessen Eltern von einem Theologiestudium zu überzeugen.

Die Berufung sprang über – und 1959 begann Müller, jetzt 20, in Bern mit dem Theologiestudium. «Wir waren sechs Studenten», erinnert sich Müller, das sei für die christkatholische Kirche «eine stolze Anzahl». Die kleinste der drei Landeskirchen hat in der Schweiz gerade einmal 15 000 Mitglieder.

3 Der farbenfrohe Student.

Müller trat der Studentenverbindung Catholica Bernensis bei, «grün-weiss-blau», schrieb die Protokolle der Diskussionsabende. «In Hexametern», so Müller, einem klassischen Versmass. «Die Studentenverbindung war mir wichtig. Ich habe da nachgeholt, was ich in der Kindheit nicht hatte: die Verbundenheit mit Gleichaltrigen.»

4 Wo die Uhren ticken.

Nach dem Studienabschluss ging alles rasch – Müller durchlief die Weihestufen zum Priester in kürzester Zeit, «denn es fehlten Pfarrer». Er kam nach Grenchen, in die Uhrenstadt, wo wohlhabende Familien wie Vogt und Schild ebenso zu seinen Gemeindemitgliedern zählten wie viele Uhrenarbeiter. Es sei eine spannende Zeit gewesen, sagt Müller, eine lehrreiche auch.

Mit 30 kam eine Zeit der Neuorientierung. Diese erfuhr er als Quereinsteiger im Lehrerberuf zuerst in Münchenstein BL. Zwei Jahre später, Müller hatte inzwischen in Möhlin gebaut, entdeckte er ein Inserat für eine Lehrerstelle in Frenkendorf. Das liegt ebenfalls im Baselbiet, aber einiges näher an Möhlin.

5 Die Lehrer-Pfarrer-Kombo.

Die Stelle in Frenkendorf, wo er Sprachen und Geschichte unterrichtete, passte ihm. «Ich fühlte mich wohl» – auch nach 15 Jahren noch. Damals, 1986 war es, kam die Kirchenleitung auf ihn zu und fragte ihn, ob er nicht wieder als Pfarrer tätig sein wolle. Denn Hans Gerny, der Pfarrer der Predigerkirche Basel, war zum Bischof gewählt worden. Müller überlegte es sich, sagte zu – unter der Bedingung, dass er ein Teilzeitpensum als Lehrer behalten könnte. So blieb er bis 1999 lehrender Pfarrer oder, je nach Perspektive, seelsorgerischer Lehrer. «Die Zeit hatte sich geändert und jetzt gab es zu viele Lehrer», erzählt Müller. Deshalb habe man ihm und anderen offeriert, mit 60 Jahren in Pension zu gehen. Müller nutzte das Angebot und konzentrierte sich fortan auf sein kirchliches Amt.

6 Der spirituelle Bischof.

Eher überraschend trat Hans Gerny 2001 als Bischof zurück und schnell fiel ein Name: Müller. «Ich wurde ein zweites Mal zum Nachfolger von Gerny», sagt Müller. 2002 wurde er zum Bischof geweiht.

Das Amt sei Würde und Bürde zugleich gewesen, so Müller. «Mir war es wichtig, die Spiritualität stark ins Kirche-Sein einzubringen.» Er war gerne Bischof, war gerne unter Menschen, war nahe an den Gläubigen. Das zeigte sich sehr speziell bei den jährlichen, beliebten Herdenwanderungen. 2005 initiierte er eine Pastoralsynode, an der jeder Gläubige, nicht nur die Synodalen teilnehmen konnten. «Das Echo war positiv», blickt er zurück. «Alles in allem war es eine gute Zeit», bilanziert er.

Das Aufhören fiel ihm trotzdem nicht schwer. «Ich konnte das Bischofsamt loslassen», sagt er. Er habe die Zeit seither mit anderem gefüllt.

7 Das Älterwerden.

Jedes Lebensalter hat für Müller seinen Reiz. Er überlegt kurz, zitiert dann auswendig aus Psalm 90. «Unser Leben währt siebzig Jahre, wenn es hochkommt, achtzig. Das Beste daran ist nur Mühsal und Beschwer, schnell geht es vorbei, wir fliegen dahin.» Dieses Bibelwort könne er nicht teilen. «Ich empfinde es als Geschenk, 80 zu werden. Ich finde es schön, leben zu können.» Er gehe heute anders in den Tag hinein, denke anders über das Leben nach als vor 10 oder 20 Jahren. Gedanken wie «Wie lange noch?» oder «Wie endet alles?» gehören dazu, Gedanken, auf die es keine Antwort gibt – oder besser: wo die Antwort im Glauben liegt.

8 Der letzte Weg.

Angst vor dem Tod hat Müller nicht. Respekt hat er aber vor dem Sterben, diesem Schritt, von dem niemand weiss, wie er sich anfühlt. Müller blickt zum Gesprächspartner. «Wissen Sie», sagt er dann, «wenn ich heute eine schlimme Diagnose bekäme, würde ich mir eine Therapie gut überlegen.» Er könne damit umgehen, dass das Leben irgendeinmal am Ende sei, sagt er.

Aber natürlich hoffe er, dass dies nicht der Fall sei. Denn, wie sagte er eben: «Ich lebe gerne.» Er möchte noch lange im Haus bleiben, fügt er noch an, in Möhlin, seiner Heimat. Hier habe er sich stets wohlgefühlt, sagt er, meint damit das Haus und das Dorf. Wobei, das verhehlt er nicht, für manch einen im Dorf ist er bis heute nicht der Fritz-René, sondern der Herr Bischof. «Noch heute sagen einige, ich sei ‹der Bischof des Fricktals›.»

Vielleicht sei sein Dialekt schuld, dass er bisweilen nicht als Einheimischer gesehen werde, mutmasst Müller. Fürwahr, Mehlemer reden definitiv anders. Sein Dialekt erinnert vielmehr an ein Pot-au-feu verschiedener Dialekte, wobei sich zu den Basler und Fricktaler Ingredienzen auch ein Solothurner Gewürz gemischt hat. «Meine Frau ist Solothurnerin», sagt Müller.

9 Die Kirche lebt. Es lebe die Kirche.

Angst um die christkatholische Kirche in der Schweiz hat Müller nicht. «Anders als bei den grossen beiden Kirchen laufen uns die Mitglieder nicht davon», sagt er. Städtische Kirchgemeinden wie Zürich, Basel oder Bern «wachsen sogar». Von einem Aderlass «kann nicht die Rede sein». Gut, auch bei den Christkatholiken in der Schweiz wird die Schar der Schäfchen Jahr für Jahr etwas kleiner, «aber nicht, weil die Mitglieder austreten, sondern weil mehr sterben als geboren werden». Die Überalterung eben, meint er, bemerkt den Bezug zum Selbst. Beide, Interviewter wie Interviewer (ein Ich, das auch nicht mehr zu den Jüngsten zählt), müssen lachen.

Ein Grund, weshalb das «Ich bin dann mal weg»-Problem die Christkatholiken weniger erfasst als die anderen Konfessionen, ist sicher ihre Kleinheit. Ein zweiter ist, daraus abgeleitet, ihr Selbstverständnis: «Wir fühlen uns als Familie. Und die Familie verlässt man nicht einfach.» Zwar gebe es auch bei den Christkatholiken wie den anderen Konfessionen Kirchenferne, «aber man bleibt dabei».

Müller ist selbstbewusst – und genau dies wünscht er sich für seine Kirche noch vermehrt. «Wir dürfen noch selbstbewusster auftreten», findet er. Er wird es vormachen. Am Sonntag. Um 10 Uhr. In der «Stadtkirche zu St. Martin, Rheinfelden». Hier feiert Fritz-René Müller zusammen mit den Gläubigen des Fricktals seinen 80. Geburtstag.

Sich einfach nur feiern zu lassen, ist nicht sein Ding. Müller wird die Predigt halten. Thema: «Lebensfeier für Jung und Alt.» 

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Autor

Thomas Wehrli

Thomas Wehrli

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