Eines lässt sich Gertrud Häseli nicht nehmen: ihre Unabhängigkeit. «Ich bin niemandem verpflichtet und will niemandem verpflichtet sein», sagt die 56-jährige Grünen-Grossrätin. Als Bäuerin verzichtet sie lieber einmal auf eine Zahlung, als dadurch eine Verpflichtung einzugehen. «Ich trete nur für die Sache ein.»

Häseli sei gradlinig und gleichzeitig eine Querdenkerin, sagen Leute, die sie kennen. Häseli schmunzelt bei dieser Beschreibung. «Für mich ist es normal, quer zu denken», sagt sie am Küchentisch ihres Bauernhauses. Sie ist gerade vom Chriesigünne zurückgekommen. Die Ernte sei ganz gut, erzählt sie gut gelaunt. Eine ihrer Töchter – Häseli hat fünf Kinder – holt Becken aus der Küche, um die schwarzen Früchte zu sortieren.

Geerntet, wenn man so will, hätten ihre Fricktaler Grossratskollegen bisweilen gerne eine komplette Einstimmigkeit, wenn sie einen Vorstoss einreichen. Doch Häseli spielt nur dann mit, wenn sie vom Anliegen voll und ganz überzeugt ist. Das ist nicht immer der Fall, und so heisst es bisweilen: 16 von 17 Grossräten aus dem Fricktal haben einen Vorstoss eingereicht.

Das war beispielsweise beim Berufsbildungszentrum Fricktal im letzten November der Fall. Die Fricktaler Grossräte forderten aus Angst um die Berufsschule in Rheinfelden in einem Postulat den Regierungsrat auf, bei der geplanten Reform «den regionalen Gegebenheiten Rechnung zu tragen». Häseli unterschrieb nicht. Auch bei einem Vorstoss zum Gesundheitszentrum Fricktal passte sie.

«Als kantonale Parlamentarierin sehe ich es als meine Aufgabe, für das Ganze, für den Kanton zu denken und nicht primär für meine Region», sagt sie. Ihr geht es darum, Kooperationen zu fördern. «Alles, was Abgrenzung ist, funktioniert nicht.» Für Häseli müssten die Berufsbildung und das Gymnasium sogar überkantonal gelöst werden. «Wir müssen uns vom kleinstrukturierten Denken verabschieden.»

Die Zukunft hat für Häseli mehr Gerechtigkeit

Das sehen andere Fricktaler Grossräte anders, sie wünschten sich die einheitliche Stimme. «Man kann den Bogen auch überspannen», sagt Häseli dazu. Das Fricktal habe eine starke Stimme. Vielleicht, so mutmasst sie, seien einige Kollegen auch etwas neidisch auf ihre Unabhängigkeit. «Viele sind aufgrund ihrer Einbindungen in Partei und Interessensgemeinschaften nicht so frei, wie sie sein möchten», ist Häseli überzeugt.

Das Querdenken ist für sie ein In-die-Zukunft-Denken. «Ich will sehen, wohin wir uns entwickeln.» Die Zukunft, wie sie sie sich vorstellt, ist eine mit mehr Gerechtigkeit. «Es ist eine urstaatliche Aufgabe, die Schwachen zu schützen.» Diese Aufgabe erfülle der Staat heute nicht genügend. Im Gegenteil: «Wir sind daran, die Hilfe herunterzufahren.» Die Devise, wenn jeder sich selber helfe, sei allen geholfen, «funktioniert nicht». Der Staat müsse Rahmenbedingungen schaffen, damit Menschen sich und anderen helfen können.

Häseli beunruhigt es, dass die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter aufgeht. «Es braucht dringend weniger Macht und Geld im System, dafür mehr Solidarität», mahnt sie. Sonst gerate das System ausser Kontrolle.

Auch das System «Lebensraum» droht für sie ausser Kontrolle zu geraten. Viele Probleme seien hausgemacht, so Häseli. Sie kann denn auch nicht verstehen, weshalb man beste Böden unablässig dem wirtschaftlichen Wachstum opfert. Als Beispiel nennt sie das Sisslerfeld, die wichtigste unüberbaute Industriefläche des Kantons, die derzeit landwirtschaftlich genutzt wird. «Wir sind hier auf dem falschen Dampfer. Wir opfern hier beste Ackerböden für etwas, das es eventuell gar nicht braucht.» Häseli bezweifelt, dass die Wirtschaft nur dann funktioniert, wenn sie wächst. Ihr Ansatz: «Wir müssen eine Kreislauf-Wirtschaft schaffen.»

Bei den Umweltthemen tritt ihre grüne Ader hervor, ihre bäuerliche ebenso. War für sie immer klar, zu den Grünen zu gehen? Häseli lacht. «Nein, es war eher Zufall, dass ich bei den Grünen gelandet bin», erzählt sie. Eigentlich wäre sie vor elf Jahren fast für die CVP als Grossratskandidatin angetreten. Das kam so: Alice Liechti, damals Bezirksparteipräsidentin der CVP, fragte Häseli an, ob sie nicht auf die Liste wolle. Sie wollte, doch die CVP Wittnau hatte Bedenken. Zu links sei sie, zu grün auch. Nach der Absage erzählte Häseli einer Kollegin im Postauto nach Aarau die Geschichte – zwei Tage später hatte sie eine Anfrage der Grünen im Briefkasten. Häseli wurde auf Anhieb gewählt. Sie sitzt zudem seit 1999 im Gemeinderat.

Dreieinhalb Jahre als Co-Präsidentin der Grünen

Bereut hat sie den Schritt zu den Grünen nie. «Manchmal wissen Aussenstehende besser, was zu einem passt», sagt sie. Bei den Grünen übernahm sie dann für gut drei Jahre auch das Präsidium, zusammen mit Andreas Thommen. Das sei eine wertvolle Erfahrung gewesen. Wieder lacht sie. Bei den Grünen seien die Strukturen eben viel flacher als anderswo, deutlich basisdemokratischer. Dies mache die Sache nicht immer einfacher, aber dafür breiter abgestützt. «Wer Zeit und Lust hat, trägt bei uns die Verantwortung mit.»

Mehr Verantwortung müssen für Häseli auch die Frauen übernehmen – oder besser: mehr Verantwortung muss man ihnen geben. Sie war an vorderster Front beim Frauenstreik im Juni mit dabei, kämpft für mehr Lohngleichheit, für mehr Frauen in den Chefetagen. «Die Frauen müssen das Heft selber in die Hand nehmen», ist sie überzeugt, mahnt aber: «Wer Macht übernimmt, trägt auch Verantwortung.» Und davor, so hat sie festgestellt, haben viele Frauen Respekt, denn: «Verantwortung zu übernehmen, ist eine harte Nuss. Man kann dann nämlich niemanden vorschieben.»

Für Häseli ist aber klar: «Es braucht Frauen in den Teams und in Leitungsfunktionen. «Als Frauen finden wir Lösungen auf andere Weise als Männer und die Kombination aus beiden Ansätzen bringt ein Team weiter.»

Eine bessere Stellung für die Frauen ist denn auch ein Thema, für das sich Häseli als Nationalrätin engagieren würde. Sie reizt an der nationalen Politik vor allem auch, dass hier die Zukunftsthemen geprägt werden. «Unser politisches System braucht Mitdenkerinnen», ist sie überzeugt. Und es brauche Menschen, die weniger Partei- und dafür mehr Sachpolitik betreiben. «Es gibt in der Politik viele Gräben. Ich möchte mithelfen, diese zuzuschütten.» Dazu müsse man vielleicht auch etwas querdenken, meint sie, «und alles nicht ganz so ernst nehmen und so verbissen angehen».

Wobei: Biss hat Häseli durchaus. Wenn ihr ein Thema wichtig ist, wenn sie etwas ungerecht findet, dann kämpft sie so lange dafür, bis es anders ist. «Manchmal gelingt dies auch nicht», räumt sie ein. «Aber das gehört zum politischen Spiel.»

Häseli ist auch im Leben engagiert unterwegs. Sie sitzt im Vorstand von mehreren Vereinen und Genossenschaften, die meisten haben eine soziale oder landwirtschaftliche Zielsetzung.

Das Engagiert-Sein ist Häseli wichtig. «Ich habe mit meiner persönlichen Situation die Möglichkeit dazu. Es ist für mich deshalb selbstverständlich, dass ich mich für die Gesellschaft starkmache. Sie schmunzelt. Zudem seien das Engagement und die Politik eine gute Abwechslung zum Bauernhof.

Häseli, die zusammen mit ihrem Mann einen 20 Hektar grossen Biobetrieb mit zehn Mutterkühen betreibt, will einen bodenständigen Wahlkampf führen. Wobei: Das Wort Wahlkampf passt ihr gar nicht, das suggeriere, dass am Schluss ein Verlierer – vielleicht auch: ein Verletzter zurückbleibe. «Ich spreche lieber von einem Wahltheater», sagt sie. Jeder spiele in diesem Theater seine Rolle «und am Schluss haben wir das fertige Stück».

Bewusster Verzicht auf Einsatz von sozialen Medien

Ihr Wahltheater wird sie mit «minimalen Mitteln» inszenieren. Hier ein Plakat an einem Kandelaber, dort ein Auftritt. «Ich bin keine Missionarin, die sagt: ‹Ich bin die Beste, wählt mich›.» Auf den Einsatz der sozialen Medien verzichtet Häseli ganz. «Ich begegne den Menschen lieber Auge in Auge.»

Dass der Verzicht auf Flyeraktionen und Facebook-Posts ein Nachteil ist, glaubt sie nicht. «Mein Lebensraum ist der reale Alltag und nicht die virtuelle Welt.» Sie wolle mit ihrem Alltagsengagement überzeugen, nicht mit aufpolierten Werbesprüchen.

An ihre Wahlchancen glaubt sie trotzdem – insbesondere dann, wenn die Grünen einen zweiten Sitz machen. «Die Chancen dazu stehen gut», ist Häseli überzeugt. Denn die Grünen «haben die Themen, die jetzt aktuell sind».

Sie selber steht auf der Nationalratsliste der Grünen auf Platz sieben. Die Grünen haben ihre Liste nach dem «Bergziegen-Modell», wie es Häseli nennt, aufgestellt: Zuerst acht Frauen, dann acht Männer. Natürlich sei es nicht ganz einfach, von Platz sieben nach vorne zu kommen, räumt auch Häseli ein. «Aber unmöglich ist es nicht.»

Das, so scheint es, ist auch ihr Lebensmotto. Alles ist möglich, alles lässt sich ändern – wenn man nur will.