Kolumne

Die zum Super-GAU aufgeblähte Masseneinwanderung

Migranten am italienischen Grenzort Como. (Archiv)

Migranten am italienischen Grenzort Como. (Archiv)

Philosophin Annemarie Pieper über Sozialutopien und Super-GAUs.

Das Wort «Masse» deutet auf etwas Überwältigendes, Erdrückendes, Erstickendes hin. Geröll- und Schneemassen reissen alles, was in ihrem Weg liegt, gewaltsam mit sich und zermalmen es. Menschenmassen in Stadien und bei Protestveranstaltungen erzeugen Platzangst, denn wenn die Masse in eine unkontrollierbare Bewegung gerät, die nicht mehr zu stoppen ist, besteht Lebensgefahr.

Solche beklemmenden Vorstellungen ruft die Fantasie auch mit dem Wort «Masseneinwanderung» hervor. Man denkt an Ströme von Migranten, die die Schweiz überrollen und alles hierzulande als wertvoll Erachtete auslöschen: die helvetische Tradition und Kultur, das soziale Gefüge und den Wohlstand.

Zwar ist der Anstieg des ausländischen Bevölkerungswachstums insgesamt moderat und keineswegs beängstigend, auch wenn die Unterbringung, Versorgung und Integration von Flüchtlingen langfristig grosse Anstrengungen nötig macht. Aber in vorauseilender Sorge – angefeuert durch demagogische und populistische Rhetorik – werden utopische Szenarien einer überfremdeten schweizerischen Bevölkerung ausgemalt, die in der Mehrheit aus burkatragenden Frauen und patriarchal orientierten, dem Gesetz der Scharia verpflichteten Männern besteht.

Utopien sind durchaus ein nützliches Instrument zur Planung der Zukunft. Um bedrohliche Zustände zu vermeiden, bedient man sich zum Beispiel in den Technikwissenschaften der Vorstellung eines schlimmstmöglichen Ereignisses in Gestalt eines Super-GAUs als Vorlage für Massnahmen, die das Eintreten eines solchen Ereignisses zuverlässig verhindern. Auch demokratische Sozialutopien verfolgen das Ziel, mit ethisch zulässigen Mitteln die individuellen Freiheitsrechte und die kollektiven Wertüberzeugungen vor Willkür und jedweder Art von Diktatur zu schützen.

Entscheidend ist für solche Überlegungen, dass dabei nicht mehr die Fantasie, sondern der Verstand, die gesunde Menschenvernunft die Zukunftsplanung und deren Umsetzung übernimmt. Sie prüft die Wahrscheinlichkeit eines Super-GAUs und trifft, gestützt auf Augenmass und sachgerechte Informationen, unter Zurückweisung von Vorurteilen und Machtinteressen, Vorkehrungen zu dessen Abwehr. Demokratie setzt mündige Bürgerinnen und Bürger voraus, die willens und fähig sind, sich ein eigenes, fundiertes Urteil zu bilden. Die zum Super-GAU aufgeblähte Masseneinwanderung verliert, auf ein realistisches Fundament gestellt, ihre angsteinflössende Suggestivkraft, wodurch die Abwehrmechanismen auf ein vernünftiges Mass reduziert werden.

*Annemarie Pieper war von 1981 bis 2001 Professorin für Philosophie an der Universität Basel. Sie lebt seit 1988 in Rheinfelden. Ihr letztes Buch: «Nachgedacht. Philosophische Streifzüge durch unseren Alltag» (Basel 2014). Sie lebt in Rheinfelden. 

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