Robert Oellinger

Dieser Aargauer Chirurg gibt in Tansania Menschen buchstäblich ihr Gesicht zurück

Ein- bis zweimal pro Jahr reist der plastische Chirurg Robert Oellinger mit einem Team nach Tosamaganga und operiert Menschen, deren Körper entstellt sind. zvg

Ein- bis zweimal pro Jahr reist der plastische Chirurg Robert Oellinger mit einem Team nach Tosamaganga und operiert Menschen, deren Körper entstellt sind. zvg

Professor Robert Oellinger hat als Chirurg schon viel gesehen. In Tansania ist er jedoch «jedes Mal aufs Neue schockiert.»

Es sind Welten.

In Rheinfelden verhilft Professor Robert Oellinger, 59, leitender Arzt an der Klinik Alta Aesthetica, gut situierten Patienten, vorab Frauen zwischen 18 und 80, zu strafferen Busen und faltenfreien Gesichtern. Die Patienten sind happy.

In Tosamaganga, Tansania, verhilft Oellinger Menschen, die nichts haben ausser Schmerzen, deren Haut bis zu 50 Prozent verbrannt ist, deren Gesichter bis zur Unkenntlichkeit entstellt sind, zu Hoffnung, zu neuer Würde, zu neuem Leben. Die Patienten sind dankbar.

Es sind Welten und Oellinger pendelt zwischen ihnen. Ein- bis zweimal pro Jahr reist er mit einer achtköpfigen Crew – vier Chirurgen, zwei Narkoseärzte, zwei Krankenschwestern – für gut zwei Wochen ins Dorf nahe Iringa, einer Stadt mit 150 000 Einwohnern, steht von morgens bis abends im Operationssaal und versucht, möglichst vielen Menschen ihr Leiden zu nehmen. Rund 130 Operationen führt die Crew in den zwei Wochen durch, zehn bis zwölf pro Tag, «je nach Schwere». «Das geht an die Substanz», sagt Oellinger.

Operiert wird parallel an zwei Tischen. Der Operationssaal ist, im Vergleich zu den Schweizer OPs, winzig und spartanisch eingerichtet. «Die hygienischen Bedingungen sind deutlich schlechter», sagt Oellinger. «Dennoch haben wir kaum höhere Infektionsraten.» Das Team, das schon Jahre zusammenarbeitet, weiss sich zu helfen.

Kochen müssen die Angehörigen

Es sind Welten. In der Klinik Alta Aesthetica hat jeder Patient ein eigenes Zimmer. In Tosamaganga liegen bis zu 25 Personen in einem Raum, auf einfachen Pritschen, viele auch auf Matratzen am Boden. Angehörige begleiten die Entstellten, sorgen für sie, kochen für sie. «Zu essen gibt es in den Spitälern nichts. Dafür müssen die Angehörigen sorgen.»

Robert Oellinger hat in seiner langen Laufbahn als plastischer Chirurg schon viel gesehen. «Dennoch bin ich jedes Mal aufs Neue schockiert.» Es kommen Menschen in die Klinik, die kein Gesicht mehr haben, deren Körper eine einzige Brandwunde ist. «Das Problem ist, dass den Verunfallten niemand helfen kann, dass sie einfach liegen gelassen werden.» Wochenlang. In ihrem Elend. Mit höllischen Schmerzen. «Sie sind oft von oben bis unten infiziert.»

Wer zu schwach ist, stirbt. Wer Glück hat und stark genug ist, überlebt, wobei das mit dem Glück eher zweifelhaft ist, denn oft ist es ein Leben ohne Lebensqualität. «Der Mensch hält viel aus.»

Man könnte nun meinen, dass man sich in Tansania freut, dass ein Ärzteteam kommt und hilft, dass man den Helfern den roten Teppich ausbreitet. Mitnichten. «Wir müssen pro Teammitglied 300 Dollar zahlen, dass wir in Tansania überhaupt arbeiten dürfen.» In anderen Ländern, in Indien beispielsweise, wo Oellinger auch schon zehnmal im Einsatz war, ist es noch krasser. «Hier sind 200 Dollar pro Patient fällig, damit wir ihn überhaupt operieren dürfen.»

Einsatz kostet rund 25 000 Franken

Ein Einsatz in Tosamaganga kostet zwischen 20 000 und 25 000 Franken. Das Geld wird komplett über Spenden finanziert. Hinter den Einsätzen stehen «Interplast Switzerland/Germany», ein gemeinnütziger Verein für plastische Chirurgie in Entwicklungsländern, und die «Freunde von Tosamaganga», in deren Stiftungsrat Oellinger sitzt. «Wir arbeiten alle umsonst», sagt Oellinger, der für die Einsätze jeweils Ferien nimmt.

Die Frage, weshalb er es macht, weshalb er Jahr für Jahr in diese andere, in diese düstere Welt eintaucht, bekommt Oellinger oft zu hören. Der 59-Jährige schaut auf, blickt kurz durch das Fenster seines schmucken, mit edlen Möbeln ausgestatteten Büros hinaus, auf den Rhein. «Aus Dankbarkeit», sagt er dann. «Ich hatte das Glück, in ein Land geboren zu werden, wo man alles hat. Ich möchte etwas zurückgeben.» Er sei in der christlichen Tradition gross geworden und dazu gehöre, implizit, die Nächstenliebe. Und, ja, die Einsätze gäben ihm selber den Blick für die Wirklichkeit zurück, würden ihn erden, einmitten oder, wie es der Norddeutsche sagt, «einnorden». Das sei für ihn wichtig, gerade auch, «weil ich in einem Segment arbeite, das Luxusmedizin macht».

Die zwei Wochen in Tosamaganga sind hart und bringen das Team jeweils physisch und psychisch an seine Grenzen. Das Gefühl aber, helfen zu können, die blitzenden Augen zu sehen, wenn die Patienten erstmals in den Spiegel blicken, sich sehen und keine Fratze mehr, «das ist unbezahlbar».

Die Dankbarkeit der Patienten ist stets riesig. «Die Einsätze sind keine Einbahnstrasse», sagt Oellinger. «Wir geben viel und bekommen ebenso viel zurück.» Er nehme von jedem Einsatz ein Gefühl der tiefen Zufriedenheit mit, das Wissen, geholfen zu haben. «Das gibt Kraft.»

Die Hilfe ist ein Tropfen auf den heissen Stein, das weiss Oellinger. In der Zeit, in der er und sein Team vor Ort sind, sterben im Land Tausende Menschen, weil sie keine medizinische Versorgung erhalten. «Ist dies ein Grund, nicht zu helfen?», fragt er rhetorisch, blickt über den Rand seiner Brille. Seine blauen Augen funkeln. «Nein, denn für die Leute, denen wir helfen, ist es eine Hilfe, die sie sonst nicht bekommen.»

Ärzte und Schwestern ausbilden

Zudem versucht das Team, wenn es vor Ort ist, nachhaltig zu arbeiten, die einheimischen Ärzte und Krankenschwestern «anzulernen», wie es Oellinger formuliert. Das sei zentral, denn: «Es braucht eine gute Nachversorgung, wenn wir wieder weg sind. Sonst verpufft unser Einsatz.»

16-mal war Robert Oellinger schon im Hilfseinsatz. Die Ankunft des Teams wird jeweils mit Plakaten, Flyern und Radiospots angekündigt. Wenn das Team dann eintrifft, kommen jedes Mal zwischen 200 und 300 Menschen ins Spital. Jeder ein Schicksal für sich. Rund 130 kann das Team in den zwei Wochen, in denen es vor Ort ist, helfen.

Es ist ein Tropfen auf den heissen Stein. Aber einer, der zischt vor Freude.

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