Mittwochmorgen, kurz nach acht Uhr in der Asylunterkunft in Frick: Omar, 25, Asylsuchender aus Eritrea, ist bereits wach. Viele der Bewohner schlafen noch in den Betten der Containerboxen.

Für gewöhnlich steht Omar später auf. Manchmal, so sagt er, wenn ihn die Sorgen lange wach halten, schläft er nicht vor zwei Uhr ein: «Ich schaue mir dann deutschsprachige Videos auf meinem Handy an, um die Sprache schneller zu lernen», erzählt er mit schlaftrunkenen Augen.

Dass er bereits wach ist, hat einen Grund: Um 9.30 Uhr findet im «SoKuGarten» ein Informationsanlass mit einem eritreischen Übersetzer statt. Omar ist im Garten, in dem die Migranten Gemüse anpflanzen, Deutsch lernen und sich mit der Schweizer Kultur vertraut machen, schon mehrere Monate dabei.

Auf dem langgezogenen Flur zwischen den Containerboxen fragt Omar viele seiner Landsleute auf Tigrinya, ob sie mit ihm mitkommen. Der Erste schüttelt den Kopf, ein Zweiter will keine Zeit haben und ein Dritter streckt seine Arme in die Luft und gähnt. «Er ist heute Nacht erst spät wieder von einem Ausflug nach Luzern zurückgekommen und geht noch mal schlafen», erklärt mir Omar.

9.45 Uhr: Omar und vier seiner Landsleute kommen im «SoKuGarten» an der Industriestrasse an. Dort begrüsst ihn Su Freytag, die das Garten-Projekt lanciert hat, mit einer Umarmung. Omar kontrolliert das Gemüse, läuft zum Beet mit den blühenden Sonnenblumen, riecht an einer Blüte und fängt an zu lachen: «Ich bin gerne hier im Garten. Das Gemüse, das wir hier anbauen, dürfen wir mit nach Hause nehmen. Das spart Geld», sagt er.

11 Uhr: Omar und seine vier Landsleute sitzen an einem Tisch im Schatten eines Baumes und beantworten auf einem Blatt Fragen zu den Lebenshaltungskosten in der Schweiz. Eine Frage lautet: «Wie hoch ist die Wohnungsmiete für eine Person?» – «A: 200 Franken, B: 600 Franken, C: 1400 Franken.» Als Antwort C als Lösung aufgedeckt wird, schauen Omar und seine Kollegen etwas ungläubig. Dann grinst Omar und sagt: «Dafür muss man in meiner Heimat einige Monate arbeiten.»

12.30 Uhr: In den zwei Küchen der Asylunterkunft liegt der süssliche Geruch von Zwiebeln in der Luft. Freunde von Omar bereiten Rührei mit Tomaten und Zwiebeln zu. Dazu gibt es Injera, ein gesäuertes flaches Brot. Die grosse Pfanne mit Rührei, Tomaten und Zwiebeln wird in die Mitte des Tisches gestellt. Sechs Personen sitzen halbkreisförmig um die Pfanne herum, brechen das Brot und tunken es in das Rührei.

Messer und Gabel werden nicht benötigt. «In Eritrea wird meistens mit der Hand gegessen. Das Brot ist unser Besteck», erklärt Omar.

Während dem Essen haben es Omar und seine Freunde lustig. Sie reden viel und lachen laut. Omar tippt mir auf den Kopf und fragt: «Willst Du deine Haare schneiden lassen?» Er zeigt auf seinen Freund Amanuel, der neben ihm sitzt, und sagt: «Das ist mein Coiffeur.» Weil für die Asylsuchenden ein Besuch beim Coiffeur zu teuer ist, haben sich einige der Bewohner auf das Haareschneiden spezialisiert.

13.45 Uhr: Vor dem Büro der Asylunterkunft, einem grossen Container, hat sich eine Schlange gebildet. Immer am Mittwoch ab 14 Uhr erhalten die Bewohner 70 Franken für Essen, Hygiene-Artikel und für ihre Freizeit. Die Frage, ob Omar mit seinem Budget von 70 Franken pro Woche klarkommt und ob er gerne mehr bekommen würde, bringt ihn in Verlegenheit. Er runzelt die Stirn und schüttelt ein paar Mal mit dem Kopf: Er sagt bloss: «Ich bin dankbar für alles.»

14.30 Uhr: Mittlerweile hat es 34 Grad Celsius. Eigentlich wollte Omar mit dem Bus nach Aarau fahren um Fleisch, das halal ist – nach islamischem Glauben zulässig –, zu kaufen. Doch dafür ist es selbst für ihn zu heiss. Er wischt sich von der Stirn und muss lachen: «In Eritrea haben mir viele Leute erzählt, dass es in Europa sehr kalt sein soll.»

Anstatt nach Aarau geht Omar mit zwei Freunden ins Fricker Freibad. Als Gegenleistung für ihre Mithilfe im «SoKuGarten» sind sie von Su Freytag eingeladenen worden.

Ein Privileg, weil sich die Asylsuchenden bei einem Tagesbudget von zehn Franken den sechs Franken teuren Badi-Eintritt kaum leisten können. Ein weiteres Privileg von Omar ist sein Velo, mit dem er bereits den einen oder anderen Franken sparen konnte. «Eine Frau aus Gipf-Oberfrick hat es mir geschenkt, weil ich immer von der Asylunterkunft zum Deutschunterricht nach Gipf-Oberfrick zu Fuss gegangen bin», erzählt er, bevor er zum Schwimmbad losfährt.

19 Uhr: Die Hitze des Tages klingt langsam ab. Im Aussenbereich der Asylunterkunft herrscht reges Treiben. Einige messen ihr Können am Töggeli-Kasten und der Tischtennisplatte. Andere rauchen eine Zigarette und schreiben über ihre Handys Nachrichten. Die getrocknete Wäsche wird abgenommen, Zwei junge Männer reparieren ihre Velos. Omar sitzt in seinem Zimmer.

Dort stehen vier Betten, vier Schränke und zwei Stühle auf einer Fläche von 24 Quadratmetern. «Der Platz reicht mir aus. Zudem ist es wesentlich angenehmer als in Baden, wo ich unter der Erde gelebt habe. Das war schlimm», erzählt er.

Omar zeigt mir auf dem Handy Bilder von seiner Heimatstadt Senafe und erzählt, dass er knapp 6000 Franken für seine Flucht an einen Schleuser gezahlt hat. Während der Fahrt auf einem kleinen Transporter durch die Sahara in Richtung libyscher Küste seien viele Menschen vor seinen Augen gestorben.

«Daran will ich nicht mehr denken», sagt Omar.
Woran er jedoch täglich denkt, ist an seine Frau und seinen dreijährigen Sohn, die er auf seiner Flucht zurücklassen musste. Ich habe einen Traum, sagt Omar: «Eine Arbeit und eine eigene Wohnung, in der ich mit meiner Frau und meinem Sohn zusammenleben kann. Das ist alles, was ich will.»