Rheinfelden
Ein verwaistes Städtchen und ein Kioskinhaber mit Bollerwagen – und Bezahlen ist «Vertrauenssache»

In der Rheinfelder Marktgasse ist das öffentliche Leben zum Erliegen gekommen – Dritan Jusufi beliefert Senioren mit Lebensmitteln.

Dennis Kalt
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Zeigt sich solidarisch: Städtli-Kiosk-Betreiber Dritan Jusufi. Um kurz nach 13 Uhr war die Marktgasse beinahe menschenleer.

Zeigt sich solidarisch: Städtli-Kiosk-Betreiber Dritan Jusufi. Um kurz nach 13 Uhr war die Marktgasse beinahe menschenleer.

Bilder: dka

Eine gespenstische Ruhe liegt an diesem Mittag über dem Rheinfelder Altstädtchen. Das herzliche «Ciao, come va?» beim Vorbeischlendern am Feinkostladen von Raffaele ­Marino ertönt dieses Mal nicht. Eigentlich würde der gebürtige Italiener zu dieser Zeit hinter seinem Gelati-Stand draussen vor dem Laden stehen und bei frühlingshaften Temperaturen mehrere Kilogramm der süssen Köstlichkeit absetzen. Stattdessen putzt Marino die Schaufenster seines Feinkost­ladens, in den er derzeit aus Platzgründen maximal eine Person hereinlässt. «Irgendwie muss ich ja die Zeit nutzen», sagt er während er den Lumpen schnell über die Scheibe wischt und darauf hofft, dass «das alles wieder schnell vorbeigeht».

An diesem Dienstag, einen Tag nachdem der Bundesrat als Reaktion auf die Corona-Krise den Lockdown beschlossen hat, ist das wirtschaftliche und gesellschaftliche Leben im Altstädtchen grossenteils zum Erliegen gekommen. Die unbedarften Schwätzchen, die in der Marktgasse für gewöhnlich zu vernehmen sind, bleiben aus. Die Stühle vor den Cafés und Restaurants sind aufeinandergestapelt. «Da wäre jetzt eigentlich gestossen voll und ich würde meinen Kaffee da schlürfen», sagt ein Mann, der seinen Hund an der Leine führt und auf das Eiscafé Mona Lisa zeigt. An vielen der Läden haben die Betreiber Notizen hinterlassen: «Der Verkaufsladen bleibt vorerst ­geschlossen. Es darf sich nur ein Kunde im Werktstattbereich aufhalten», heisst es etwa an der Eingangstüre beim Bike-Store.

Zu wenig los für das ­Take-away-Geschäft

Geschlossen ist auch das Restaurant Pizzeria Post. «Ich habe mir überlegt, Pizza-Take-away über den Mittag anzubieten», sagt Geschäftsführer Cetinkaya Beiro, während er vor seinem Laden steht und an einer Zigarette zieht. «Aber ich lass es wohl. Es ist einfach zu wenig los, als das es sich rentieren würde», schiebt er nach und bläst den Rauch in die Luft.

Einer der wenigen Läden, der an diesem Tag offen hat, ist der Städtli-Kiosk von Dritan ­Jusufi. «Ich habe mir einen kleinen Bollerwagen zugelegt und transportiere die Waren für meine älteren Stammkunden nach Hause», sagt er. «Die älteren Personen sollen sich nicht der Gefahr aussetzten, sich anzustecken», sagt Jusufi. Erst am Montag sei bei ihm im Kiosk eine ältere Dame, die unlängst zuvor an der Hüfte operiert wurde, mit einer Gehilfe aufgetaucht. «Da habe ich nur mit dem Kopf schütteln können», sagt Jusufi.

In der Regel sind es Waren des täglichen Bedarfs, die Jusufi ausliefert – Eier, Milch, Wurst, Butter, Teigwaren, aber auch Zigaretten. Die Kunden rufen an und ich stelle die gewünschten Waren in den Hausgang, so der gebürtige Albaner. Bezahlen müssen seine Kunden vorerst nicht. «Ich schreibe mir alles auf. Wenn sich die Lage wieder entschärft hat, kommen die älteren Kunden vorbei und bezahlen», sagt er. «Das ist Vertrauens­sache.»

Jusufi verhehlt nicht, dass er seit dem Ausrufen der ausserordentlichen Lage durch den Bundesrat einen Umsatzrückgang von rund 50 Prozent zu verzeichnen hat. Auch die dichte Grenze mache ihm zu schaffen. Zwischen 20 und 30 Prozent seines Umsatzes macht er mit Kunden aus Deutschland.

Dass die Grenzen dicht sind, wird an der alten Rheinbrücke augenscheinlich. So muss der grenzüberschreitende Stadtbus beim Passieren der Rheinbrücke nach Deutschland am dortigen Kontrollposten halt machen. Der Bundespolizist winkte den Chauffeur nach einem kurzen Augenschein – der Bus war leer – weiter. Auf der Schweizer Seite positionierten sich zwei Grenzwächter, welche die Ausweise der Passanten und Velofahrer, die in die Schweiz einreisen wollten, kontrollierten. Viel zu tun gab es an diesem Mittag jedoch nicht.