Wer durch das Fricktal fährt, begegnet diesen metallenen Gesellen praktisch in jedem Dorf: den Baukränen. Denn das Fricktal ist auf Wachstum eingestellt; es wird gebaut, was das Zeug hält. Und dies nun schon seit Jahren.

Der Wohnungsbau-Boom hat vorab zwei Gründe: Erstens entwickelt sich die Wirtschaft im Fricktal dynamisch; laut der NAB-Regionalstudie 2016 liegen die beiden Bezirke auf Platz drei aller 110 Schweizer Wirtschaftsregionen. Möglich macht es die Pharmaindustrie. Zweitens zieht es viele Basler ins Fricktal. Die einen, weil sie in oder um Basel nichts Passendes oder Finanzierbares finden. Andere, weil sie im Grünen wohnen wollen. Dritte, weil sie den Traum vom Eigenheim verwirklichen wollen – und dies in der Region Basel nur schwer möglich ist.

Das Wachstum gefällt längst nicht allen. Immer wieder äussern Fricktaler in Leserbriefen Angst davor, dass die Region zu schnell wächst und dass sie dieses Wachstum nicht verkraften kann. Einer der Kritiker ist Confiseur Markus Kunz aus Frick. Er spricht von einem «unglaublich schnellen, nicht nachhaltigen» Wachstum. Insbesondere bezweifelt er, dass die (Verkehrs-)Infrastruktur das Wachstum schlucken kann.

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Grafik: Elia Diehl/Dominic KobeltFullscreen-Modus

Doch wie stark war dieses Wachstum in den letzten Jahren überhaupt? Und: Braucht der Markt so viele Wohnungen? Zehn Behauptungen im Faktencheck.

1. Die Bevölkerung im Fricktal wächst viel stärker als in anderen Regionen.

Falsch. Zwischen 2005 und 2016 stieg die Zahl der Einwohner im Aargau um 15 Prozent an. Auf denselben Wert kommt der Bezirk Laufenburg: Das obere Fricktal legte von 27'469 auf 31'601 Einwohner zu. Im unteren Fricktal betrug das Bevölkerungswachstum 17 Prozent. Wohnten Ende 2005 40 434 Personen im Bezirk Rheinfelden, waren es Ende 2016 47'478. Mit 24 Prozent am stärksten wuchs der Bezirk Lenzburg, das kleinste Wachstum hatte der Bezirk Zurzach mit 108 Prozent.

2. Das untere Fricktal profitiert von den Zuzügen aus Basel.

Richtig. Allerdings beschränkt sich das «Basler Phänomen» heute nicht mehr auf das untere Fricktal. Insbesondere Frick und Gipf-Oberfrick sind bei Zuzügern aus dem Raum Basel beliebt, da Frick gut an den öffentlichen Verkehr angeschlossen ist. In Basel ist man in knapp 30 Minuten, und dies dank dem Tarifverbund Nordwestschweiz erst noch preiswert: Das Jahresabo kostet 800 Franken, das spezielle Job-Ticket sogar nur 530 Franken pro Jahr.

3. Das Fricktal wächst in seinen Zentren.

Das ist richtig – in absoluten Zahlen. Das grösste Bevölkerungswachstum seit 2010 verzeichnet Rheinfelden mit einem Plus von 1368 Personen. Dahinter folgen Möhlin (+904) und Frick (+475). Prozentual allerdings kommt eine kleine Kommune ganz gross heraus: Münchwilen legte dank einer grösseren Überbauung um satte 24,1 Prozent zu.

4. Das obere Fricktal mit seinen 18 Gemeinden hat mehr Wohngebäude als der Bezirk Rheinfelden.

Falsch. Zwar hat das untere Fricktal vier Gemeinden weniger. Dennoch liegt die Zahl der Gebäude, die zumindest teilweise für Wohnungen genutzt werden, um gut 1500 höher. Insgesamt boten 2015 18'747 Gebäude den Fricktalern ein Dach über dem Kopf. Am meisten reine Wohngebäude – also Ein- und Mehrfamilienhäuser – stehen nicht etwa in Rheinfelden, sondern in Möhlin. Und die Differenz ist markant: Möhlin kommt auf 2199 reine Wohngebäude, Rheinfelden auf 1574. Auf Platz drei folgt, auch das überrascht etwas, Magden mit 1109 Wohngebäuden. Frick kommt auf gut 900 Wohngebäude.

5. Im Fricktal fliesst überproportional viel Geld in den Wohnungsbau.

Falsch. Im Bezirk Rheinfelden investierten Private 2015 insgesamt 163,6 Millionen Franken in den Wohnungsbau, im oberen Fricktal wurden 131,1 Millionen Franken verbaut. Damit lag der Bezirk Laufenburg an zweitletzter Stelle: Nur im Bezirk Zurzach floss weniger Geld – 114,3 Millionen – in den Wohnungsbau. Diese Zahlen sind aber mit Vorsicht zu geniessen, denn es handelt sich um Momentaufnahmen. Bereits im Jahr darauf können sich, je nach Projektlage, die Investitionen in den Wohnungsbau massiv verändern. Am meisten gebaut wurde 2015 übrigens in Rheinfelden: Gut 80 Millionen Franken – also mehr als ein Viertel aller Investitionen – generierte das Zähringerstädtchen. Investitionstreiber war damals der Salmenpark.

6. Im Fricktal gibt es heute einen Drittel mehr Wohnungen als vor 10 Jahren.

Nicht ganz – aber nahe daran. Die Zahl der Wohnungen stieg zwischen 2005 und 2016 um satte 25 Prozent. Das sind drei Prozent mehr als im Kantonsschnitt. Dabei legte vor allem der Bezirk Laufenburg prozentual stark zu: Im oberen Fricktal nahm die Zahl der Wohnungen um 29 Prozent auf 14'535 zu. Das sind 3276 Wohneinheiten mehr als 2005. Im unteren Fricktal stieg die Zahl der Wohnungen um 22 Prozent auf 22'317. Das sind 4080 mehr als 2005.

7. In Rheinfelden stieg die Zahl der Wohnungen am stärksten.

Falsch – zumindest, wenn man die prozentuale Veränderung betrachtet. In dieser Perspektive nahm, nach These 3 wenig verwunderlich, die Zahl der Wohnungen zwischen 2005 und 2016 in Münchwilen am stärksten zu – nämlich um 58 Prozent auf 429 Wohneinheiten. Auf den Plätzen folgen Wölflinswil (+48 Prozent), Zeihen (+47), Herznach (+38) und Eiken (+33). Erst auf Rang 6 folgen die ersten Gemeinden aus dem unteren Fricktal: Stein und Wallbach mit einer Zunahme von je 32 Prozent.

In absoluten Zahlen hingegen liegt Rheinfelden klar an der Spitze: Im Zähringerstädtchen gab es 2016 6787 Wohnungen – das sind 1126 mehr als 2005. Dicht auf den Fersen ist Möhlin mit einem Plus von 1027 Wohnungen. Das Dorf kommt auf 4921 Wohnungen. Mit grossem Abstand folgt auf Rang 3 Frick, wo zwischen 2005 und 2016 456 neue Wohnungen entstanden. In Frick stieg die Zahl der Wohnungen damit von 1884 auf 2340.

8. Im Fricktal wurde zu viel gebaut – viele Wohnungen stehen leer.

Das trifft nicht zu – oder nicht stärker als in anderen Regionen. Die Leerwohnungsziffer lag im letzten Jahr im oberen Fricktal bei 2,24 und im unteren bei 2,0. Damit lagen beide Bezirke unter dem kantonalen Schnitt von 2,34. Die höchste Leerwohnungsziffer wies dabei nicht etwa eine Zentrumsgemeinde auf, sondern das kleine Wittnau mit einer Leerwohnungsziffer von 7,65. Ebenfalls hoch war sie in Ueken (7,11), Gansingen (4,90) und Herznach (4,41). Allerdings braucht es in kleinen Gemeinden mit wenigen Wohneinheiten auch nicht viele leerstehende Wohnungen, um die Quote nach oben zu drücken.

Dass der Markt nicht überhitzt war, zeigt ein Blick auf Gemeinden mit einem starken Wohnungswachstum: In Rheinfelden lag die Leerwohnungsziffer bei 2,73, in Möhlin bei 1,50 und in Frick bei 0,90.

9. Die Zahl der leeren Wohnungen ist in den letzten 10 Jahren gestiegen.

Jein. Im Bezirk Laufenburg standen im letzten Sommer 79 Wohnungen mehr leer als 2010 – und dies bei einer beachtlichen Wohnungszunahme. Im Bezirk Rheinfelden stimmt die Aussage dagegen nicht: Hier standen im letzten Jahr 446 Wohnungen leer – das sind 57 weniger als 2010. Den grössten Rückgang der Leerwohnungen verzeichnet dabei jene Gemeinde mit der grössten Zunahme an Wohnungen: Rheinfelden. Hier gab es im letzten Jahr 187 weniger leere Wohnungen als 2010.

10. Vor allem neue Wohnungen stehen lange leer.

Im Gegenteil, sie gehen – zumindest in den Zentrumsgemeinden – weg wie warme Semmeln. Trotz starkem und anhaltendem Bauboom standen im letzten Jahr nur gerade 97 Neubauwohnungen leer. Beobachten kann man hier zwei Phänomene: Erstens sind die neuen Wohnungen bei älteren Hausbesitzern beliebt, denen das eigene Haus zu viel wird. Es kommt zu einem Generationenwechsel. Zweitens ziehen Mieter aus älteren Wohnsiedlungen in die neu gebauten Wohnungen. In die Altbauten kommen dann oft Nachmieter mit einem kleineren Steuersubstrat. Die Gemeinden beobachten diese Entwicklung genau, denn sie kann – in extremis – zu einem Anstieg der Sozialhilfekosten führen.