Laufenburg

«Freiwilligenarbeit muss gesellschaftlich besser anerkannt werden»

Hans-Ulrich Glarner, Eva Roth-Kleiner, Alex Hürzeler, Günther Schmidt und Peter Bircher betonten die Wichtigkeit von Freiwilligenarbeit in Kultur, Sport und im sozialen Bereich.

Hans-Ulrich Glarner, Eva Roth-Kleiner, Alex Hürzeler, Günther Schmidt und Peter Bircher betonten die Wichtigkeit von Freiwilligenarbeit in Kultur, Sport und im sozialen Bereich.

Die Podiumsdiskussion zur Freiwilligenarbeit, die vom Departement für Bildung, Kultur und Sport organisiert wurde, zeigte zweierlei: Die Wichtigkeit der Freiwilligenarbeit, aber auch deren Grenzen und Probleme

Die Zahlen, die Moderator Peter Bircher und Landammann Alex Hürzeler einleitend präsentierten, waren eindrücklich: Rund drei Millionen Einwohner in der Schweiz leisten Freiwilligenarbeit. Für das Jahr 2010 wurden 640 Millionen Arbeitsstunden ermittelt, eine Zahl, die laut Bircher wohl eher unter dem tatsächlichen Ist-Zustand anzusiedeln ist. «Ohne die Freiwilligenarbeit stünden wir vor dem Bankrott», zeigte sich Peter Bircher überzeugt.

Gewachsenes Wertesystem

«In der Schweiz haben wir ein historisch gewachsenes Wertesystem, Freiwilligenarbeit gehört bei uns – nicht zuletzt aus Tradition – dazu», erklärte Alex Hürzeler die grosse Zahl der geleisteten Einsätze und betonte: «Freiwilligenarbeit wird in vielen verschiedenen Bereichen geleistet, in der Kultur ebenso wie im Sport oder im sozial-karitativen Bereich.» Gerade die traditionelle Vereinsarbeit gerate jedoch zunehmend unter Druck, schränkte der Landammann ein. «Wer ehrenamtlich Arbeit leisten möchte, hat heute höhere Ansprüche und Erwartungen.» Auch von der öffentlichen Hand werde mehr und mehr erwartet, dass sie Freiwilligenarbeit organisiere oder koordiniere.

Ihre Erfahrungen in diesem Gebiet schilderte Eva Roth-Kleiner, Leiterin der Freiwilligenarbeit von Museum Aargau positiv. «Unsere rund 80 Freiwilligen werden ausschliesslich so eingesetzt, dass sie die bezahlte Arbeit nicht konkurrenzieren», betonte sie.

Einzeleinsätze und Projekte

An der Diskussion beteiligten sich zahlreiche der rund 50 Anwesenden. Es stellte sich dabei heraus, dass es schwieriger geworden ist, Freiwillige für längerfristige Engagements zu gewinnen. Dies zeige sich nicht zuletzt bei den Gesangsvereinen, wo Projektchöre Konjunktur hätten, während die traditionellen Chöre mit Mitgliederschwund zu kämpfen haben.

Auch Günther Schmidt von der Freiwilligenagentur in badisch Rheinfelden bestätigte diese Tendenz. «Einsätze im sozialen Bereich sind gefragter als Einsätze im Sportbereich», so Schmidt. Im Sport müsse man sich zumeist für ein ganzes Jahr verpflichten, wies er auf einen Punkt hin, der heutzutage viele Menschen abschrecke.

Mit der Bemerkung, im Sport seien oftmals auch Trainerdiplome gefordert, eröffnete Schmidt sodann ein neues Diskussionsfeld. Votanten aus dem Publikum prangerten die Gesetzesflut an, die es erschwere, Aktivitäten mit Kindern und Jugendlichen zu organisieren. «Wenn alles vorgeschrieben wird, kann man bald nichts mehr machen», so ein Diskussionsteilnehmer. Doch auch die «soziale Vereinsamung» der Menschen durch die virtuelle Welt wurde kritisiert. Um dieser «Zeiterscheinung» beizukommen, empfahl Eva Roth-Kleiner, sinnliche Erlebnisse und unvermittelte Zugänge zu schaffen. Hans Ulrich Glarner hoffte gar auf eine «Gegenbewegung, die feststellt, dass die digitale Welt nicht alles ist.

Lehrer, Eltern oder Vorreiter?

Ein Diskussionsteilnehmer forderte den Bildungsdirektor auf, den Hebel bei den Lehrpersonen anzusetzen. «Früher übernahmen die Lehrer Freiwilligenarbeit und leiteten die Schüler an, heute fehlen diese Vorbilder», so die Kritik. Doch auch die Eltern, die teilweise eine «fast hysterische Angst» hätten sowie der volle Zeitplan der Kinder wurden als Bremsklötze identifiziert.

Es fehle nicht grundsätzlich an den Freiwilligen in der Schweiz, zeigte sich ein Votant gegen Ende der Diskussion überzeugt: «Freiwillige, die mitziehen findet man, was fehlt, sind diejenigen, die vorangehen.» Um dem entgegenzuwirken, hatten die Podiumsteilnehmer verschiedene Rezepte parat. Günther Schmidt, betonte, es sei wichtig, Freiwilligenarbeit im Gespräch zu halten und Hans Ulrich Glarner forderte: «Freiwilligenarbeit muss gesellschaftlich und auf dem Arbeitsmarkt besser anerkannt werden.» Denn ohne Freiwilligenarbeit, in diesem Punkt waren sich alle einig, sei die Zukunft nicht vorstellbar –  im Gegenteil, es brauche künftig eher mehr als weniger ehrenamtliche Arbeit.

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