Im Schulheim Effingen, in dem aktuell fast alle Plätze besetzt sind, weht ein frischer Wind. Das zeigt sich an diesem Sommernachmittag nicht nur am laufenden Ventilator im Büro von Gesamtleiter Roger Willen. Der Raum im ersten Stock des Empfangsgebäudes hat sich seit Willens Stellenantritt im vergangenen September stark verändert, wirkt heller und offener. Zur Zeit seines Vorgängers Hans Röthlisberger, der die soziale Institution für bis zu 44 Buben in herausfordernden Situationen während 27 Jahren leitete, stellte ein grosses Regal in der Raummitte eine Barriere zum Pult dar. Nun ist diese Schranke weg.

Auch der lange Tisch beim eher düsteren Büroeingang ist einem quadratischen Tisch gewichen. «Mir ist es wichtig, dass sich alle am Tisch in die Augen sehen und gut miteinander diskutieren können», sagt Roger Willen.

Die Ernennung des Chefs der Berufsfeuerwehr Basel-Stadt zum neuen Heimleiter in Effingen im Frühling 2018 war für den Stiftungsrat ein Lichtblick. Denn Heimleiter Hans Röthlisberger und seine Frau Brigitte wollten den Aargau ursprünglich im Sommer 2017 verlassen. Der vorgesehene Nachfolger und damalige Leiter des Schulheims Kasteln verunfallte allerdings kurz vor dem Schuljahresbeginn schwer mit dem Velo.

Daraufhin hielten Röthlisbergers dem Schulheim Effingen bis Ende Juli 2018 die Treue. In der Übergangsphase führte dann der Stiftungsrat das Schulheim Effingen, doch ohne die Unterstützung sowie das Wissen und Können der Mitarbeitenden wäre der Stiftungsrat aufgelaufen, schreibt Stiftungsratspräsident Ernst Kistler im Jahresbericht 2018/19.

In der Heimleiterwohnung leben nun Jugendliche

Inzwischen hat sich Roger Willen in Effingen eingelebt. Neu ist, dass der Heimleiter mit seiner Familie nicht mehr auf dem Schulheimareal wohnt. «Am Anfang habe ich ein- bis zweimal pro Woche hier übernachtet. Das Pendeln in den Raum Basel macht mir aber nichts aus. Im Auto höre ich oft Hörbücher und kann so abschalten», sagt der Vater eines 10-jährigen Buben und einer 18-jährigen Tochter. Mit dem Umbau der früheren Heimleiterwohnung in ein Gruppenhaus für fünf Jugendliche hat Willen seine «Notschlafstelle» in Effingen verloren. Vorübergehend jedenfalls. «Das Ziel ist, hier wieder einen Rückzugsort zu haben. Wir haben noch eine Personalwohnung im Dorf und sind daran, eine Lösung zu finden», sagt der 50-Jährige.

Roger Willen hat bei seinem Stellenantritt nicht alles auf den Kopf gestellt. Es gehört aber zu seinen Hauptaufgaben, das Schulheim Effingen dem Zeitgeist entsprechend erfolgreich weiterzuentwickeln: «Die Institution ist ein fragiles System und es braucht Zeit, einander kennenzulernen und gegenseitiges Vertrauen aufzubauen.» Mit jedem Mitarbeiter führte Willen ein persönliches Gespräch. So wollte er wissen, was die Angestellten beschäftigt und wie die Abläufe im Alltag sind. Er habe sich erlaubt, von Anfang an kritische Fragen zu stellen, aber nichts überstürzt zu ändern, bevor er es nicht zuerst mindestens einmal miterlebt hat, erzählt Roger Willen am quadratischen Tisch. Als Erstes hat der Gesamtleiter die Struktur der wöchentlichen Koordinationssitzung geändert, indem er die Beteiligung reduzierte und eine andere Gesprächskultur – Diskussion anstatt reiner Information – einführte. Überhaupt will Roger Willen die Fachpersonen ermächtigen, ihr Wissen einzubringen, vermehrt Verantwortung zu übernehmen und sich auch kritisch zu äussern.

Dorfbevölkerung darf nicht mehr ins Schwimmbad

Die Bevölkerung von Effingen durfte diesen Sommer das Schwimmbad auf dem Heimareal nicht mehr benutzen. Die Gemeinde hätte nicht nur die Badeaufsicht organisieren, sondern sich neu auch finanziell am Betrieb beteiligen müssen, was vom Gemeinderat abgelehnt wurde. Dazu kommt, dass immer mehr Buben die Schulferien im Heim verbringen müssen und nicht ins Wasser durften, wenn Leute aus dem Dorf am Schwimmen waren. Auf dem Kunstrasen hingegen dürfen die Kinder und Jugendlichen vom Schulheim Effingen und aus dem Dorf nach wie vor gemeinsam Fussball spielen. Ausserdem sind alle Besucher eingeladen, wie bis anhin bei den Tieren vorbeizuschauen und den Spielplatz zu nutzen.

Im Jahresbericht erwähnt der Stiftungsrat die sich ständig ändernden Umstände wie anspruchsvollere Personalrekrutierung aufgrund des eklatanten Lohngefälles zwischen Zürich und Aargau, grössere Zurückhaltung beim Einweisen von Buben (Grundsatz «ambulant vor stationär») und dem gegenüber früher höheren Eintrittsalter der Buben. Der Gesamtleiter räumt ein, dass es im vergangenen Schuljahr zu einigen Personalwechseln gekommen ist, sowohl bei den Lehrpersonen wie in der Sozialpädagogik. Aktuell sind zwei Stellen ausgeschrieben: eine neu geschaffene Stelle als Leiter Pädagogik und eine in Sozialpädagogik. Die geografische Lage von Effingen und die Schichtarbeit erfordern, dass die Angestellten mit dem Auto zur Arbeit kommen. «Ausgebildete Sozialpädagogen erhalten in Zürich oder Basel einen um 15 bis 20 Prozent höheren Lohn als im Aargau», erklärt Roger Willen. Im Schulheim Effingen arbeiten rund 70 Personen. Etwa die Hälfte davon sind Sozialpädagogen, je ein Viertel ist tätig als Lehrpersonen respektive im Bereich Betrieb und Verwaltung. Aktuell sind etwa 14 Prozent der Mitarbeiter Grenzgänger aus Deutschland. Tendenz abnehmend.

Im neuen Job kann er seine Kompetenzen kombinieren

Für Roger Willen ist das Schulheim Effingen ein kleines Dorf, wo er seine Erfahrungen und Kompetenzen von früheren Tätigkeitsfeldern perfekt miteinander verknüpfen kann. Er hat eine Ausbildung als Sozialpädagoge HF und sich zum Sozialarbeiter weitergebildet. Zudem baute er die Schulsozialarbeit in mehreren Fricktaler Gemeinden auf, ist mit Krisenintervention vertraut und hat Führungserfahrung. Was hat ihn motiviert, seinen Arbeitsplatz von Basel nach Effingen zu verlegen? «Ich wollte zurück in die Sozialpädagogik», sagt Willen. Die Kombination von Wohngruppen, eigener Schule auf dem Gelände, Natur und Tieren sowie die anspruchsvolle Führungsaufgabe haben den neuen Gesamtleiter gereizt.

Willen blickt zuversichtlich in die Zukunft. Er habe tolle Mitarbeiter und einen wohlwollenden Stiftungsrat, der ihm Mut mache. «Ich freue mich auf den gemeinsamen Weg in den kommenden Jahren», sagt er beim Verlassen des grosszügigen Büros.