Seit gut einem Jahr führt die Gemeinde Kaiseraugst einen Kampf gegen die Krähen in der Siedlung Liebrüti. Auch die Liegenschaftsverwalterin Varioserv will die lärmigen Vögel loswerden oder zumindest dezimieren. Umgesetzt wurden in den vergangenen Monaten von Gemeinde und Verwalterin verschiedene Massnahmen – jetzt aber wurde wohl eine Grenze überschritten. Das zumindest lassen Recherchen der AZ vermuten.

Im Internet kursiert ein Foto. Darauf zu sehen ist ein Mann auf einem roten Kran, im Hintergrund Hochhäuser der Liebrüti. Der Mann holt mit einer langen Stange ein Nest aus einer Baumkrone. Wann das Foto genau aufgenommen wurde, bleibt unklar. Hochgeladen wurde die Datei Anfang März, der Kommentar dazu: «Die Liebrüti ist bereits wieder dran am Vogelnesterzerstören.» Die Urheberin war für die AZ nicht erreichbar.

Schonfrist ab dem 16. Februar

Aber: Mehrere Anwohner – sie möchten lieber anonym bleiben – geben an, eine Nestentfernungsaktion beobachtet zu haben. Und zwar Anfang vergangener Woche. Das wäre demnach um den 11. März herum gewesen – und somit in der Schonfrist für Saatkrähen. Diese gilt laut einem Merkblatt der Schweizer Vogelwarte zwischen dem 16. Februar und dem 31. Juli. «Dieser Schutz umfasst neben den Altvögeln auch Nester und Jungvögel», heisst es im Merkblatt unter anderem.

Bei der Kaiseraugster Gemeindeverwaltung streitet man ab, mit der Aktion etwas zu tun zu haben. «Durch die Gemeinde wurden keine Massnahmen umgesetzt. Es ist Schonzeit für Saatkrähen», sagt Gemeindeschreiber Roger Rehmann, fügt aber an: «Möglicherweise hat die Verwaltung der Liebrüti Nester entfernt.»

«Einzelne Nester entfernt»

Bei der Varioserv AG ist zunächst nicht viel zu erfahren. «Wir haben mehrere – auch unkonventionelle – Massnahmen ergriffen, die Krähen zu vertreiben. Ihnen alle Details dazu zu erklären, würde zu weit führen», schreibt Geschäftsführerin Astrid Styger in einer ersten Stellungnahme.

Ziel der Massnahmen sei es, die Krähen aus den Bäumen in der Nähe der Schlafzimmerfenster fernzuhalten, «da sich mehrere Mieter über den Lärm beklagt haben», so Styger. «Es wurden im Rahmen von Baumpflegeaktionen auch einzelne Nester entfernt.» Wann genau die Aktion durchgeführt wurde, lässt sie allerdings offen.

Eine weitere Auskunft ist bei der Varioserv AG auch auf mehrmaliges Nachfragen hin nicht zu erhalten. So bleiben die Fragen unbeantwortet, wann die die Bäume zurückgeschnitten und die Nester entfernt wurden. Und auch, ob sich die Verwalterin bewusst war, dass sie damit allenfalls die Schonfrist der Krähen verletzt hat.

Es droht eine Anzeige

Klar ist: Hat die Varioserv die Bäume tatsächlich in der vergangenen Woche zurückschneiden und im Zuge dessen auch Nester entfernen lassen, drohen ihr Konsequenzen. Werden während der Schonfrist Bäume zurückgeschnitten und Nester zerstört, ist dies strafbar. «Es handelt sich um einen Gesetzesverstoss. Konkret gegen das Jagdgesetz sowie die Verordnung über den Natur- und Heimatschutz», sagt Erwin Osterwalder, Fachbereichsleiter bei der zuständigen Abteilung Jagd beim Kanton.

«Die Brutzeit der Krähen beginnt Anfang März, daher wurde die Schonzeit so festgesetzt», erklärt Osterwalder. Ausnahmebewilligungen für das Entfernen von Nestern gibt es nur in Einzelfällen. Osterwalder kann sich an eine einzige Ausnahmebewilligung erinnern: Sie wurde vergangenes Jahr dem Kantonsspital Aarau erteilt. «In Kaiseraugst gab es keine Ausnahmebewilligung», sagt Osterwalder. Die Varioserv müsste bei einem Verstoss mit einer Anzeige rechnen. Gemäss Informationen der AZ ein durchaus realistisches Szenario.