Frick/Mumpf/Rheinfelden

Heilpädagogische Schule: Eltern wehren sich gegen den neuen Standort

Eltern möchten, dass die Heilpädagogische Schule in Frick bleibt.

Die Stiftung MBF will die heilpädagogische Schule im ehemaligen Oberstufenschulhaus in Mumpf unterbringen. Das passt nicht allen.

Die Stiftung MBF übernimmt im Sommer 2020 die Trägerschaft der beiden Heilpädagogischen Schulen (HPS) in Frick und Rheinfelden und will die beiden Standorte ein Jahr später zusammenlegen.

Dazu übernimmt die Stiftung per 1. Mai 2021 das seit letztem Sommer leerstehende Oberstufenschulhaus in Mumpf. Der Kaufpreis liegt mit 9,3 Millionen Franken rund 600 000 Franken unter dem Buchwert (die AZ berichtete).

An einer Medienorientierung sprachen die Beteiligten – die Stiftung MBF, der Schulverband Fischingertal und die Gemeinde Mumpf – von einer für alle Seiten gute Lösung.
Für alle? «Nicht für die Kinder», sind mehrere Eltern von Schülern der HPS Frick überzeugt.

Die AZ traf vier Mütter zum Gespräch. Von zwei weiteren Eltern liegen schriftliche Erklärungen vor. Alle sind sich einig: «Mumpf ist der falsche Standort.»

Die Eltern haben sich deshalb zu einer Gruppe zusammengeschlossen, um sich gegen den Umzug zu wehren. Nach eigenen Angaben gehören der Gruppe bereits 15 Eltern von Schülern der HPS Frick an. Das ist ein Drittel der Eltern.

Sie hätten nichts dagegen, dass die Stiftung MBF die Trägerschaft von den beiden Gemeinden übernehme, betonen die Eltern im Gespräch. Es gehe ihnen lediglich um den Standort. Und das Vorgehen.

Noch letztes Jahr schrieben die beiden Gemeinden in ihren Botschaften an die Stimmberechtigten, dass sich für die Schüler mit der neuen Trägerschaft kaum etwas ändern wird – und vor allem: dass die beiden Standorte beibehalten werden. Nur ein Jahr später ist alles anders. «Das ist schlechter Stil», finden sie.

Für schlechten Stil halten sie auch die Informationspolitik. Man habe erst spät vom geplanten Standortwechsel erfahren, sagen sie, habe in den Medien gelesen, dass Mumpf zur Diskussion stehe. In einem Brief haben mehrere Eltern dem Stiftungsrat Anfang August mitgeteilt, dass sie mit dem Standortentscheid nicht einverstanden sind.

Erst nach diesem Brief habe es überhaupt eine Face-to-Face-Information gegeben. Jean-Paul Schnegg, Geschäftsleiter der Stiftung MBF, bestätigt zwar, dass die mündliche Elterinformation nach dem Eintreffen des ersten Elternbriefes stattgefunden habe, sie sei aber schon lange vorher geplant gewesen.

Eltern fühlen sich übergangen

Kein Trost für die Eltern. Sie fühlen sich abgewimmelt, übergangen, allein gelassen. Esmiralda Korac, eine der Mütter, bringt auf den Punkt, was alle vier denken: «Nur weil in Mumpf gerade ein Schulhaus leer steht, sollen unsere Kinder nun an den Rand der Zivilisation verpflanzt werden.» Sie hätten nun für die Fehlplanung zu büssen.

Sabrina Müller pflichtet ihr bei, erzählt, wie gut die Kinder in Frick integriert wären, erzählt vom Austausch mit Primar- und Oberstufe, von der Vorbildfunktion der Schüler aus den Regelklassen, vom Stand am Weihnachtsmarkt, vom Räbeliechtliumzug durch das Dorf, vom Schwimmunterricht.

All das, so befürchtet sie, gehe verloren, wenn die Kinder «separiert werden», wie sie es ausdrückt. «Ein Rückfall um 50 Jahre», findet sie, schüttelt den Kopf. Da spreche man dauernd von Inklusion – «und dann so etwas».

Mit dem Standortwechsel reisse man die Schüler der HPS aus der Mitte der Gesellschaft und «isoliert sie in einem kleinen Dorf», findet auch Familie Würsten. Ein solcher Einschnitt sei gerade für Kinder im Autismus-Spektrum schlimm

Diese seien besonders auf feste Strukturen, intensive Betreuung und kleine Klassen angewiesen. Im jetzigen Schulgebäude in Frick könnten sie sich frei bewegen, würden jeden Winkel kennen und hätten so die Möglichkeit, sich in einem geschützten Rahmen selbstständig zu bewegen.

«Bis diese Menschen in dieser Selbstständigkeit sind, braucht es einen sehr langen, intensiven, therapeutischen Weg», hält Familie Würsten in ihrem zweiseitigen Brief an die AZ fest. Mit dem Standortwechsel nach Mumpf müssten die Schüler wieder bei null anfangen.

«Man macht uns ein schlechtes Gewissen»

Zumal: «Bei über 100 Schülern wird auch die fachgerechte Betreuung, welche Kinder mit einer Beeinträchtigung brauchen, nicht gewährleistet», ist Familie Würsten überzeugt. Dies sieht auch Sonja Pürzel so: «Mit 100 Schülern ist die Schule zu gross.»

Als eine Begründung für den Kauf des Schulhauses führte die Stiftung MBF an der Medienkonferenz letzte Woche ins Feld, dass niemand verstehen würde, wenn man einen Neubau für 22 Millionen Franken erstellt, wenn zeitgleich ein mit Steuergeldern gebautes Schulhaus leer steht.

«Man macht uns jetzt ein schlechtes Gewissen wegen der Kosten, die auf die Steuerzahler zukämen», ärgert sich Esmiralda Korac. Sie ist überzeugt: «Wir geben Steuergelder für Blöderes aus, als für Kinder, um sie in der Gesellschaft integriert zu lassen.»

Die Verantwortlichen stellten den wirtschaftlichen Profit in den Vordergrund, ist auch Familie Würsten überzeugt. «Leider auf Kosten von Kindern oder Menschen, welche eh schon einen schweren Stand in der Gesellschaft haben.»

Im Gespräch monieren die Eltern noch viele Defizite, die sie am Standort Mumpf sehen. Den Schulweg etwa, der schlecht ausgeleuchtet und abschüssig sei. Oder die schlechtere Anbindung an den öffentlichen Verkehr, die unterschiedlichen Schulstrukturen in Frick und Rheinfelden oder den Wegfall des gemeinsamen Lebensmitteleinkaufs.

«In Frick gehen die Kinder ins Dorf, um für den Kochunterricht einzukaufen», erzählt Sonja Pürzel. Dies sei ein wichtiger Lernprozess, sei Teil der Integration – und in Mumpf nicht mehr möglich.

Von der Zusicherung der Stiftung, man werde Wege finden, das Einkaufen oder den Schwimmunterricht weiter anbieten zu können, halten die Mütter nichts.

Es sei sowohl ökologisch als auch zeitlich ein Unding, die Kinder mit dem Bus durch die Gegend zu karren. «Die Zeit, die man für das Herumchauffieren braucht, fällt beim Unterricht weg.»

Eltern schicken ihre Kinder nicht nach Mumpf

Auch vom Argument, die Qualität des Unterrichts könne mit einem Standort verbessert werden, ja, ein Schulstandort erlaube erst eine gemeinsame Schulkultur, halten die Mütter wenig. «Wir sind mit der Qualität und der Schulkultur heute sehr zufrieden.»

Für die Eltern, mit denen die AZ gesprochen hat, ist klar: Nach Mumpf schicken sie ihre Kinder nicht. Sie haben an die Stiftung MBF und den Kanton zwei Erwartungen: Erstens, dass die Verantwortlichen auf ihren Entscheid zurückkommen und den Standort Frick erhalten.

Falls es beim Standort Mumpf bleibt, erwarten sie, zweitens, dass man sie nicht abwimmelt, sondern ihnen Alternativen zu Mumpf aufzeigt. «Wir möchten, dass unser Kind in einem ähnlichen Rahmen wie heute unterrichtet wird», sagt Esmiralda Korac.

Am liebsten in Frick, «denn viele Eltern sind extra nach Frick gezogen, weil es hier eine HPS hat», weiss Müller. «Reicht es nicht, dass Eltern von Kindern mit Beeinträchtigungen schon ständig so einen ermüdenden Kampf mit der IV-Stelle führen müssen, damit ihre Kinder zu ihrem Recht kommen», fragt Familie Würsten in ihrem Schreiben rhetorisch.

«Betroffene Eltern haben die Energie nicht, auch noch einen Kampf zu führen, damit ihre Kinder zu ihrem Wohl und auf ihre Bedürfnisse abgestimmt unterrichtet werden.»

Autor

Thomas Wehrli

Thomas Wehrli

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