Kaiseraugst

«Heute bin ich pilzsüchtig» – was ihm der Wald an Nahrung schenkt

Jens Haverbeck aus Kaiseraugst fühlt sich im Wald zu Hause.

Jens Haverbeck aus Kaiseraugst fühlt sich im Wald zu Hause.

Pilzsammler Jens Haverbeck aus Kaiseraugst mag den Flockenstieligen Hexenröhrling lieber als den Steinpilz. Der 51-Jährige ist jeden Tag im Wald.

Es war, als hätte ihn die Natur eigens eingeladen, alles für ihn inszeniert. «Ich weiss noch, wie er plötzlich vor mir auftauchte, eine imposante Schönheit, wie eine Statue auf der Empore», erinnert sich Jens Haverbeck. Es war ein Riesenschirmling. Und was für einer. «Der hatte sicher einen 30-Zentimeter-Schirm, ehrlich, kein Pilzlerlatein.»

Der 51-Jährige aus Kaiseraugst schildert sein Schlüsselerlebnis, das ihn zum Pilzsammler hat werden lassen, als ob es gestern gewesen wäre. Es liegt aber acht Jahre zurück. Davor waren ihm Pilze keinen Pfifferling wert. «Heute bin ich pilzsüchtig», gesteht er. Im Wald ist er jeden Tag, sogar in der Mittagspause bei der Arbeit. «Ich geniesse die Einsamkeit, die Ruhe. Ich kann runterfahren, eins werden mit der Natur, auftanken», erzählt er.

Die Pilze ziehen ihn in ihren Bann

Aber wenn immer er etwas im Unterholz entdeckt, stocken seine Erzählungen. Dann sind die Entdeckungen eines violetten Schleierlings, eines Flaschen­stäublings oder eines Goldröhrlings wichtiger. Augenblicklich ist er in seinem Element. Ziehen ihn Formen, Farben und Aromen der Pilze in ihren Bann. «Nur um mein Körbchen zu füllen, komme ich nicht hierher», sagt er.

Um Speisepilze allein geht es ihm nicht, aber: «Es ist jeden Tag eine neue Offenbarung, was mir der Wald an Nahrung schenkt», schwärmt er. Sammler eines Lebensmittels zu sein, das wild wächst, nicht industriell herstellbar ist und in keinem Supermarkt zu kaufen ist, das fasziniert ihn. Gut – Pfifferlinge und Steinpilze liegen beim Grossverteiler im Sortiment. Aber Haverbeck plädiert ohnehin dafür, von den allseits bekannten Arten wegzukommen. Klar sei der Steinpilz lecker. Aber für ihn ist der Flockenstielige Hexenröhrling noch wohlschmeckender. Der sieht nicht unbedingt lecker aus, nachdem ihn Haverbeck aufgeschnitten hat und sich das Innere blau verfärbt. Doch der aus Berlin stammende Kaiseraugster glaubt sowieso: «Was der Mensch unschön findet, muss noch lange nicht ungeniessbar sein.» Für ihn liegt ein grosses kulinarisches Potenzial im Forst.

Pilzsammeln mit ­«gesundem­ R­espekt»

Er rät jedem, «in die Pilze zu gehen» – weder völlig unbekümmert, noch übervorsichtig, einfach mit «gesundem Respekt». Natürlich sei das Pilzsammeln nicht ohne Risiko, aber: «Man muss schon sehr viel falsch machen, um nach dem Konsum von Wildpilzen auf der Intensivstation zu landen», sagt er. Die wirklich lebensgefährlich giftigen Pilze seien je nach Gebiet «an ein bis zwei Händen abzählbar».

Anfängern rät er, um auf Nummer sicher zu gehen und giftige Doppelgänger zu vermeiden, unbedingt die amtlichen Pilzkontrolleure einen Blick auf das Gesammelte werfen zu lassen. Oder bei den wöchentlichen Bestimmungsabenden des Vereins für Pilzkunde Fricktal vorbeizugehen. Hat er am Anfang auch so gemacht. Heute, auch nach absolvierter Ausbildung zum Pilzkontrolleur, kann er von sich behaupten.:«Ich hatte mal einen Bänderriss beim Pilzsammeln, aber noch nie eine Pilzvergiftung.» Der Familie zuhause muss er den amtlichen Ausweis auch nicht mehr vorzeigen. Die vertraut ihm blind. Sohn Carl (21) zaubert aus dem, was der Vater ins Körbchen legt, leckere Gerichte.

Mit 180-Grad-Blick ­versehen

Nach zwei Stunden Rundgang querfeldein durch den Wald südlich von Rheinfelden, immer auf der Suche nach den Pilz-Hotspots, ist Haverbecks Weidenkörbchen doch recht voll geworden. «Ich finde in meinem Revier eigentlich immer was, auch in einem schlechten Pilzjahr wie 2020», sagt er. Vermutlich hängt das auch damit zusammen, dass Jens Haverbeck über eine Gabe verfügt, die einem Pilzler sehr zugutekommt: «Ich habe früher einmal Basketball gespielt. Seitdem verfüge ich über einen 180-Grad-Blick.»

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