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Jeder zweite Grenzgänger im Aargau arbeitet im Fricktal – und es könnten bald noch mehr werden

Staus an Feierabend in Richtung Deutschland sind im Fricktal ein gewohntes Bild (hier in Stein).

Staus an Feierabend in Richtung Deutschland sind im Fricktal ein gewohntes Bild (hier in Stein).

13'700 Deutsche und Franzosen arbeiten im Aargau – die Hälfte davon in der Region. Tendenz stark steigend.

Die Zahl der Grenzgänger, die im Fricktal arbeiten, hat in den letzten 20 Jahren stark zugenommen. Dies zeigt eine Auswertung der AZ zur Grenzgängerstatistik des Bundes. Danach pendelten 1996 4304 Grenzgänger täglich über den Rhein ins Fricktal zur Arbeit, im ersten Quartal 2018 waren es 6890 Personen.

Das entspricht einer Zunahme um gut 60 Prozent. Mit Abstand die meisten Grenzgänger, die im Aargau arbeiten, stammen aus Deutschland. Die nördlichen Nachbarn machen 84 Prozent der Grenzgänger aus, die Franzosen als zweitstärkste Grenzgängernation 14 Prozent.

Die Zunahme hat verschiedene Ursachen. Eine ist die Grenznähe, was Stellen im Fricktal für Grenzgänger besonders attraktiv macht. Eine zweite ist die generell hohe (Lohn-)Attraktivität, die Jobs in der Schweiz für ausländische Arbeitnehmer haben. Eine dritte ist die Dynamik des Wirtschaftsstandortes Fricktal; insbesondere die Pharmaindustrie boomt und hat in den letzten Jahren mehrere hundert Arbeitsplätze geschaffen. Eine vierte sind Rekrutierungsprobleme in einigen Branchen. So fehlen im Gesundheitswesen inländische Fachkräfte. Die Unternehmen greifen deshalb auf Arbeitskräfte aus dem Ausland zurück – gerne auf Arbeitnehmer aus Deutschland, weil hier keine Sprachbarriere besteht.

Kaiseraugst führt Liste an

Dass diese Faktoren in einer Grenzregion wie dem Fricktal besonders spielen, zeigt sich auch am Gesamttotal: Im ersten Quartal 2018 arbeiteten knapp 14'000 Grenzgänger im Aargau. Fast jeder Zweite von ihnen arbeitete somit im Fricktal. Da verwundert es wenig, dass gleich sechs Fricktaler Gemeinden in den Top 10 der Gemeinden mit den meisten Grenzgängern figurieren.

Angeführt wird die Liste von Kaiseraugst, wo 1528 Grenzgänger arbeiten – so viele wie in keiner anderen Aargauer Gemeinde. In Kaiseraugst ist Roche die Grenzgänger-treibende Kraft. Auf Platz 2 folgt Baden – vor allem wegen der ABB – mit 1161 Grenzgängern. Rang 3 geht an Rheinfelden (1154). Es folgen Stein (921), Laufenburg (802), Möhlin (684), Bad Zurzach (550), Aarau (548), Sisseln (521) und Brugg (315).

Die Top 10 lassen es schon erahnen: Der Bezirk Rheinfelden hat in Sachen Grenzgänger deutlicher stärker zugelegt als der Bezirk Laufenburg. Die Zahl der Grenzgänger stieg im unteren Fricktal seit 1996 um 76 Prozent, im oberen dagegen nur um 35 Prozent. Die Pendler-Zunahme lag damit im Bezirk Laufenburg sogar noch deutlich unter dem kantonalen Schnitt; kantonsweit stieg die Zahl der Grenzgänger von 8737 im Jahr 1996 auf 13 997 im ersten Quartal 2018, was eine Zunahme um 60 Prozent bedeutet.

Auffallend ist beim Blick auf die Statistik zweierlei: erstens eine gewisse Eigendynamik im unteren Fricktal. Denn während im Bezirk Rheinfelden die Zahl der Grenzgänger im letzten Jahr weiter stieg, ging sie im Bezirk Laufenburg – wie auch kantonsweit – innert Jahresfrist leicht zurück. Zweitens eine akzentuierte Entwicklung in den letzten sieben Jahren. Zwischen 1996 und 2009 schwankte die Zahl der Grenzgänger im unteren Fricktal stets zwischen 2200 und 2700 Personen. Seither nahm sie Jahr für Jahr um bis zu 400 Personen zu.

Das mit grossem Abstand stärkste Grenzgängerwachstum verzeichneten die beiden Pharmahochburgen Kaiseraugst und Stein. Am Roche-Standort stieg die Zahl der Grenzgänger seit 1996 von 643 auf 1528. Das entspricht einer Zunahme um 137 Prozent. Am Novartis-Standort arbeiteten 1996 300 Grenzgänger. In diesem Jahr sind es 921. Dies entspricht einer Verdreifachung. Prozentual am stärksten zugelegt hat – Hornussen. Hier stieg die Zahl der Grenzgänger in den letzten 22 Jahren um satte 1300 Prozent. Zugegeben, das ist bei einer Startgrösse «1» auch schnell möglich. Heute arbeiten in Hornussen 13 Grenzgänger.

Jeder sechste Grenzgänger arbeitet – man ahnt es – in der chemischen und pharmazeutischen Branche. Gefragt sind Grenzgänger daneben besonders im Gesundheits- und Sozialwesen (1466), im Autohandel (1445) und auf dem Bau (1076). Altersmässig sind alle Altersstufen in etwa gleich gut vertreten.

Grenzgänger bringen Verkehr

Die Schattenseite des Grenz-Pendelns sind lange Staus an den Grenzübergängen und verstopfte Strassen. Im Fricktal besonders, da auch viele Grenzgänger, die in anderen Kantonsteilen arbeiten, auf ihrem Arbeitsweg durch das Fricktal fahren (oder sich stauen) – und dies in der Regel im Auto tun. Von den 12'000 Grenzgängern aus Deutschland benutzen 77 Prozent das Auto – und dies alleine. Dies zeigt eine Untersuchung, die Radio SRF in dieser Woche publik gemacht hat.

Anders formuliert: Die Grenzgänger sorgen pro Tag für einen Mehrverkehr auf Aargauer Strassen von 9240 Fahrzeugen. Sie legen dabei im Durchschnitt 72 Kilometer zur Arbeit zurück. 20 Prozent nehmen den öffentlichen Verkehr, je gut ein Prozent radelt zur Arbeit oder bildet eine Fahrgemeinschaft. Letzteres versuchen die Firmen selber zu stärken – etwa mit kostenlosen Parkplätzen für jene, die eine Fahrgemeinschaft bilden.

In Stein möchte man möglichst viele Grenzgänger dazu bewegen, mit dem Zug bis Bad Säckingen zu reisen und danach – zu Fuss oder mit dem Bike – über die Holzbrücke an ihren Arbeitsplatz zu gelangen. Angedacht war auch schon ein «Stadtbus». Dieser Plan wurde aber beerdigt, weil der Bus nicht über die alte Holzbrücke fahren kann und über die neue Rheinbrücke zu viel Zeit braucht – wegen der Staus.

Dass nicht mehr Grenzgänger mit dem öffentlichen Verkehr zur Arbeit kommen, liegt auch daran, dass die Angebote dafür nicht optimal sind. Zum einen in Deutschland selber, wo viele auf dem Land wohnen und viel Zeit investieren müssten, um schon nur bis zur Grenze zu gelangen. Zum anderen gibt es kaum grenzübeschreitende Lösungen und auch im Fricktal ist das öV-Angebot der Grenze entlang nicht optimal.

In Laufenburg etwa fährt nur jede Stunde eine S-Bahn Richtung Stein, Kaiseraugst und Basel, wo viele Grenzgänger arbeiten. Das will GLP-Grossrat Roland Agustoni zwar ändern; er hat einen Vorstoss eingereicht, der verlangt, dass die S1 zwischen Stein und Laufenburg im Halbstundentakt fährt. Die Ammänner sämtlicher Fricktaler Gemeinden stellten sich hinter die Motion – und der Grosse Rat hat sie, gegen den Willen der Regierung, im Mai überwiesen. Der Regierungsrat muss nun also handeln und den Halbstundentakt einführen.

Ob das zusätzliche Angebot allerdings viele Grenzgänger zum Umsteigen bewegen wird, ist fraglich. Mehr Hoffnung setzen Verbände, Organisationen und Projekte wie «Klimafreundlich Pendeln am Hochrhein» auf Fahrgemeinschaften. Das Beispiel ABB in Baden zeigt, dass es funktionieren kann. Mitarbeiter, die Fahrgemeinschaften bilden, bekommen kostenlose und reservierte Parkplätze. Ein Viertel der Angestellten, so berichtete Radio SRF, teilt sich heute ein Auto.

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