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Jung, engagiert, ehrgeizig: Schafft dieser Fricktaler den Sprung in den Grossen Rat?

«Ich bin ein geselliger Mensch»: Rolf Schmid im Wohnzimmer seiner Wohngemeinschaft mit Flüchtlingen.

«Ich bin ein geselliger Mensch»: Rolf Schmid im Wohnzimmer seiner Wohngemeinschaft mit Flüchtlingen.

Rolf Schmid ist ein Polittalent, das in kein 08/15-Gestell passt. Er überrascht. Etwa damit, dass er eine WG mit Flüchtlingen initiiert hat.

Seine jüngste Aktion zeigt einiges über Rolf Schmid, 27. Nach einem Leserbrief von alt Na­tio­nalrat Maximilian Reimann, in dem dieser einen SRF-Beitrag zur inzwischen geschlossenen kantonalen Asylunterkunft in Frick als verzerrt bemängelt und dabei fragend vieles festhält, etwa, dass die Asylsuchenden zu jeder Tageszeit im Shoppingcenter herumgelungert seien, greift Schmid ebenfalls zur Feder und repliziert. Pointiert und mit einem gehörigen Schuss Polemik.

Man spürt aus den Zeilen seine Betroffenheit. Weil er sich selber an vorderster Front in der Kontaktgruppe Asyl Frick für die Asylsuchenden engagiert hatte. Weil er eines partout nicht leiden kann: Dinge, die der SP-Politiker aus seiner Warte als unfair und ungerecht empfindet.

Schmid lacht. «Ich bin impulsiv», räumt er ein. Reflektiert impulsiv, wenn man so will, denn bevor er etwas unternimmt, lässt er die Situation jeweils setzen. Der erste Entwurf seiner Replik an Reimann war denn auch noch deutlich schärfer.

Die Gerechtigkeit – oder vielleicht besser: Seine Vorstellung von Gerechtigkeit ist der Kompass, den Schmid auf seinem Weg benutzt. Dieser führt ihn zuweilen in ungewöhnliche (Lebens-)Situationen. Als er zu Hause auszog, wollte er in eine Wohngemeinschaft. «Weil ich ein geselliger Mensch bin.» Im Freundeskreis fand er niemanden, und da entschloss er sich, mit drei Flüchtlingen, die eine Lehre absolvieren, in Frick zusammenzuziehen. «Ich will ihr Engagement honorieren», sagt er.

Das gemeinsame Wohn- und Esszimmer ist eher kärglich ­eingerichtet. Bilder hängen an der Wand keine, in einem ­Gestell finden sich, nach Themen sortiert, Bücher, darunter viel Reiseliteratur. Und «Harry Potter». Wieder lacht Schmid. «Es gab eine Zeit, da verschlang ich die ‹Harry Potter›-Bücher.» Schmid, der vielseitig Interessierte.

Das Zusammenleben erlebt er als spannend, zum Teil auch intensiv, da die Flüchtlinge, alle Status F, also vorläufig aufgenommen, viel wissen wollen.

Jede neue Steuererklärung ist eine neue Geschichte

Sein Engagement im Asylbereich ist Ausdruck seiner Geisteshaltung. «Wir Schweizer haben viele Privilegien, haben das Glück, hier leben zu können», sagt Schmid. Er wolle etwas zurückgeben, etwas aktiv bewirken und nicht einfach nur spenden. So engagierte er sich auch als Freiwilliger für Pro Senectute und half als Steuerfachmann den Senioren, ihre Steuererklärung auszufüllen. Dabei blieb es natürlich nicht. Hier einen Drucker anschliessen, da eine kleine Erledigung. Schmid half gerne.

Dass viele Leute zum Steueramt ein, sagen wir es vorsichtig, eher gespaltenes Verhältnis haben, kann Schmid nachvollziehen. Ihn begeistert am Job auf einem Aargauer Steueramt die Vielfältigkeit. «Wenn ich eine neue Steuererklärung aufmache, finde ich eine neue Situation vor und tauche in eine neue Geschichte ein», so Schmid. Die Arbeit sei spannend, aber nicht immer einfach, und letztlich gehe es auch hier darum, gerechte Lösungen zu finden.

Die Arbeit auf der Gemeinde hat ihn mitpolitisiert, ebenso das Elternhaus im Mettauertal. Vor dem «Türmli», wie er das Kernkraftwerk Leibstadt nennt, habe er als Kind Angst gehabt, erzählt er. Als ihm dann seine Mutter einmal sagte, im Notfall müsse man in einen düsteren Keller, «hatte ich auch vor dem Keller Angst».

Wer mit Menschen spricht, die Schmid kennen, bekommt neben vielen Einzelheiten immer auch vier Stichworte zu hören: extrovertiert, debattierfreudig, analytisch stark, ein Schnelldenker. «Ich kann Situationen gut antizipieren», sagt Schmid von sich selber. Das helfe gerade in Diskussionen sehr.

Schmid ist ehrgeizig, aber realistisch

Eine fünfte Eigenschaft von Schmid ist sein Ehrgeiz. Daraus macht er keinen Hehl, auch dar­aus nicht, dass er gerne alle drei Staatsebenen erleben würde. Welche Ebene zuerst, lässt er offen, derzeit reizt ihn ein Amt auf kantonaler oder nationaler Ebene mehr als auf kommunaler.

Das Talent dazu hat er, unbestritten, den Willen und das Durchsetzungsvermögen auch. Ob es ihm allerdings schon bei den diesjährigen Grossratswahlen, bei denen er zum dritten Mal auf der SP-Liste figuriert, reicht, ist eher fraglich. Denn zum einen treten die beiden Bisherigen, Elisabeth Burgener und Colette Basler, wieder an. Zum anderen muss die SP um den zweiten Sitz, den sie vor vier Jahren recht unerwartet geholt hat, zittern.

Was wenn doch? «Das wäre eine schwierige Situation», sagt Schmid, der seit 2016 zugleich Bezirksparteipräsident ist. Wenn das Verdikt knapp zu seinen Gunsten ausfiele, würde er über einen Verzicht nachdenken. Bei einem klaren Ergebnis «wäre ein Verzicht demokratiepolitisch schwierig».

Dass er in diese Zwickmühle kommt, glaubt er nicht. Seine Chancen schätzt er als «recht bescheiden» ein. Er sei zwar ehrgeizig, nimmt er den Faden nochmals auf, habe aber auch einen gesunden Sinn dafür, zu erfassen, wie die Chancen sind. Und eben: «Diesmal sind sie nicht hoch.»

Diesmal. Doch Schmid ist jung. Und seine Zeit wird kommen. Wenn er will.

Autor

Thomas Wehrli

Thomas Wehrli

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