Stein

Juxanrufe aus der Kabine waren einmal: Öffentliche Telefonzellen werden abgerissen

Bis im März 2018 wird die Telefonkabine bei der Post in Stein zurückgebaut.

Bis im März 2018 wird die Telefonkabine bei der Post in Stein zurückgebaut.

In Stein verschwinden die beiden öffentlichen Telefonkabinen. Weitere werden folgen. Eine Hommage.

Es ist nur eine kleine Notiz, nichts Weltbewegendes. «Die Swisscom AG, Olten, teilt mit, dass die öffentlichen Telefonkabinen bei der Poststelle und am Bahnhof in Stein bis März 2018 ausser Betrieb genommen werden», schreibt der Gemeinderat im amtlichen Bulletin.

Und doch bewegt die Notiz. Nun gut, keine realen Welten, aber doch die Erinnerungswelt. Wie war das noch, damals, als ich als Dreikäsehoch der Mutter 20 Rappen, vielleicht waren es auch 40, wer weiss das noch – als ich ihr etwas Münz aus dem Portemonnaie stibitzte und zusammen mit meinem besten Freund zur nächsten Telefonkabine sprintete, kichernd in der Vorfreude auf das, was kommen wird. Wir wählten eine Nummer, die wir nicht kannten, warteten, bis es am anderen Ende der Leitung klickte, jemand «Müller» ins Telefon pustete – der Stimme nach eine Dame mittleren Alters, «leicht» genervt – und wir wieder aufhängten. Kicher – und, 35 Jahre später: Entschuldigung, Frau Müller!

Erinnerungen werden auch an all die Male wach, wo man dringend eine Telefonkabine gebraucht hätte – und man just dann keine fand, obwohl man doch sonst alle paar Meter über eines dieser ollen Häuschen stolperte. Oder man suchte eine Nummer im Telefonbuch, das sich zudem formidabel als «Ich bin so etwas von wütend»-Geschoss eignete, und just die gesuchte Seite war herausgerissen. Oder das Telefonkabel war gekappt.

Oder man hatte kein Münz im Sack und kam sich dämlich vor, wenn man einen Passanten fragte: «Hesch mer en Stutz fürs Telefon?» Oder, das war der absolute Telefon-Worstcase: Ein Liebespaar sülzte – stundenlang! – via öffentliches Telefon. «Gopf», war man dann versucht hineinzurufen, «ich muss auch mal!»

Tempi passati. Die Telefonkabine ist tot. Es lebe das Handy. «Publifone werden heute kaum mehr genutzt, da fast alle ein Handy besitzen», sagt Swisscom-Mediensprecherin Sabrina Hubacher. Von 2004 bis 2016 sei die Anzahl Gespräche um 95 Prozent zurückgegangen. «Es gibt mehr als 1000 Kabinen, die über Tage hinweg unbenutzt bleiben.»

Das Publifon in Frick ist gefragt

Heute gibt es schweizweit noch 3100 öffentliche Telefonkabinen; 2800 davon betreibt die Swisscom im Rahmen der Grundversorgung. Noch, muss man sagen, denn ab 2018 ist das Betreiben von Publifonen kein Bestandteil der Grundversorgung mehr. Das hat der Bundesrat so entschieden.

Damit ist aber auch klar: Die Zahl der Telefonkabinen wird weiter schrumpfen – und zwar schnell. Denn: «Der weitaus grösste Teil der noch betriebenen Geräte arbeitet nicht kostendeckend», sagt Sabrina Hubacher. Dies dürfte auch für die Telefone im Fricktal gelten.

Angaben zu Nutzung und Rentabilität einzelner Standorte macht die Swisscom nicht, sagt Hubacher, schiebt dann aber nach: «Gerne haben wir für Sie das meist- und das am wenigsten genutzte Publifon in Ihrem Gebiet eruiert.» Den goldenen Hörer erhält im oberen Fricktal die Telefonkabine bei der Post in Frick, in der Warteschlaufe dagegen findet sich der Apparat bei der Post in Mettau wieder. Im unteren Fricktal wird der Höhrer am häufigsten in der Kabine am Bahnhof in Rheinfelden abgehoben; wohl ab und an von Spinnweben befreit werden muss dagegen jener in Obermumpf.

Aktuell gibt es im Fricktal noch 21 Publifone in 12 Gemeinden. Vor zwei Jahren waren es noch 31 in 19 Gemeinden. Nur gerade ein Telefon – jenes an der Burgmattstrasse in Laufenburg – ist nicht Teil der Grundversorgung. Das heisst: Die Swisscom betreibt es freiwillig. Es muss demnach rentieren und wird sich wohl, wie andere gut frequentierte, noch eine Zeit lang dem Bann des Abgerissen-Werdens widersetzen können.

Wann für die anderen das letzte Telefongespräch eingeläutet wird, ist laut Sabrina Hubacher noch nicht klar und hänge von verschiedenen Aspekten wie der Nutzung oder dem «Grad von Vandalismus» ab. «Die Detailplanung für den Rückbau für nächstes Jahr ist noch am Entstehen, die einzelnen Gemeinden werden jeweils vorab individuell informiert.» Bis Ende Jahr, so Hubacher, sei in den Fricktaler Gemeinden «keine Schliessung von Publifonen vorgesehen».

Die Wärmespender

Das beruhigt, denn jetzt steht ja die kalte Jahreszeit vor der Tür. Und damit dürften die Telefonkabinen ihr temporäres Revival erleben. Zugegeben, die Swisscom hat wenig davon, denn die Zellen dienen dann primär als wärmespendende Warteräume. Telefoniert wird mit dem Handy – in der Kabine.

Bleibt eine Frage: Welche Nummern werden heute am meisten gewählt? Die Swisscom hüllt sich in Schweigen, verrät nur: Der Umsatz der am meisten genutzten Kabine wird generiert durch – «Erwachsenenunterhaltung».

Ohalätz. Stoppen kann das den «Niedergang einer Ikone» (Swisscom), deren Geschichte 1881 begann, nicht. Schon bald wird es auch hier heissen: kein Anschluss unter dieser Nummer.

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