Gipf-Oberfrick

Klage eingereicht: Süsser die Glocken nie schweigen

Nancy Holten hat ihre Klage gegen des 6-Uhr-Läuten eingereicht. Auf eine Unterschriftensammlung hat sie hingegen (vorerst) verzichtet.

Nancy Holten hat ihre Klage gegen des 6-Uhr-Läuten eingereicht. Auf eine Unterschriftensammlung hat sie hingegen (vorerst) verzichtet.

Nancy Holten hat ihre Lärmklage gegen das 6-Uhr-Morgenläuten der katholischen Kirche am Dienstag auf der Gemeindekanzlei eingereicht. Sie selber bekam in den letzten Tagen neben Aufmunterungsmails auch Drohbriefe.

Der Glockenstreit in Gipf-Oberfrick ist definitiv lanciert: Gestern Dienstag hat Nancy Holten die angekündigte Immissionsklage gegen das 6-Uhr-Morgenläuten eingereicht. Sie fordert die Gemeinde auf, dafür zu sorgen, dass das fünfminütige Läuten «baldmöglichst eingestellt» wird.

Ihre Klage begründet die Mutter von drei Kindern, die seit 6 Jahren in Gipf-Oberfrick lebt, zum einen mit den Ruhezeiten, welche die Kirche nicht einhält. Die Polizeiverordnung, die auch für die Kirche gelte, verlange, dass zwischen 22 und 7 Uhr keinerlei Lärm gemacht werden dürfe. «Dies ist mit dem Läuten um 6 Uhr in der Früh aber der Fall.»

Zweitens sieht sich die 40-Jährige in ihrer Religionsfreiheit tangiert. «Religionsfreiheit bedeutet auch, dass sich ein Glaubenssystem anderen nicht aufdrängt», ist Holten überzeugt. Drittens seien die gesundheitlichen Konsequenzen durch das frühzeitige Aufwecken der Glocken nicht absehbar. «Ich müsste erst um 7 Uhr aufstehen, werde aber allmorgendlich um 6 Uhr geweckt.»

Warnbriefe bekommen

Dass sie mit ihrer Klage in ein Wespennest gestochen hat, ist sich Holten bewusst. Sie bekam in den letzten Tagen auch einiges zu hören. Ein mit «Der Glöckner» unterzeichneter Brief warnt sie: «Greif nicht leicht in ein Wespennest; doch wenn du greifst, dann stehe fest». Er fordert Holten unverblümt auf, dorthin zu gehen, woher sie gekommen ist; zurück nach Holland also.

Auch in der Familie gab es neben Zustimmung kritische Stimmen. «Die einen fanden meine Reaktion übertrieben»; andere machen sich wegen der verbalen Attacken per Post und im Netz Sorgen um sie.

«Ich habe aber auch sehr viele positive Reaktionen erhalten», erzählt Holten. Sie wurde zu ihrem Mut beglückwünscht und aufgefordert, durchzuhalten. In einem Brief, den die az einsehen konnte, schrieb eine Frau, dass sie mehrmals versucht habe, mit der Kirchgemeinde Gipf-Oberfrick über das Morgenläuten zu reden. Vergebens – und deshalb zog sie weg.

Traditionen ändern sich

Das Argument, dass das Morgenläuten eine lange Tradition ist, lässt Holten nicht gelten. «Traditionen ändern sich. Auch das Verbrennen von Hexen war einmal Tradition.» Zudem sei der Betruf schlicht nicht mehr zeitgemäss, «da kaum noch einer morgens um 6 Uhr aufsteht und betet». Als «Kriegserklärung» mag Holten ihre Klage aber nicht sehen. «Ich will die Menschen vielmehr wachrütteln und animieren, Bestehendes zu hinterfragen», erklärt sie.

Deshalb würde sie die Klage – auch mit dem heutigen Wissen um die Reaktionen – nochmals lancieren. «Natürlich hatte ich in den letzten Tagen auch Zweifel, ob ich die Klage wirklich einreichen soll», gesteht sie. «Ich spürte aber viel Rückhalt und ziehe es deshalb durch.»

Ihre Klage reichte sie, anders als ursprünglich geplant, nicht mit weiteren Unterschriften versehen ein. «Ich will andere da nicht mithineinreissen», begründet sie den Strategiewechsel. Sie habe rund ein Dutzend Unterschriften gesammelt, «ohne gross aktiv zu werden». Die gesammelten Unterschriften könne sie bei Bedarf immer noch nachreichen.

Ob Holten mit ihrer Klage durchkommt, ist ungewiss. «Das ist für mich auch nicht das Zentrale. Wichtig ist, dass man für das, was man will, einsteht.» Sie lasse das Thema nun los. «Es kommt, wie es kommen muss.» Falls es beim Morgenläuten bleibt, «muss und werde ich das akzeptieren». Traurig, nein, das wäre sie nicht. «Dafür ist das Leben zu schön.» Und dafür hat Holten noch zu viele Projekte.

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