Sisseln

Kritik am Wechsel auf Euro-Löhne: Grenzgänger würden diskriminiert

Etwa 70 Angestellte werden am Aenova-Standort in Sisseln ab August in Euro bezahlt. Dies ergibt beim aktuellen Wechselkurs eine Lohneinbusse von über 10 Prozent.Alex Spichale

Etwa 70 Angestellte werden am Aenova-Standort in Sisseln ab August in Euro bezahlt. Dies ergibt beim aktuellen Wechselkurs eine Lohneinbusse von über 10 Prozent.Alex Spichale

Die Lohnpolitik der Firma Swissco wird kritisiert— im Aargau wie in Deutschland. Das Freizügigkeitsabkommen verbiete eine solche Ungleichbehandlung, so der Grenzgänger-Verein.

Löhne in Euro statt in Franken: Der Systemwechsel, den das Pharmaunternehmen Swissco Services AG aus Sisseln vollzieht, bedeutet für die rund 70 Grenzgänger eine Lohneinbusse von über 10 Prozent. Denn der Euro-Lohn, den diese neu erhalten, wurde mit einem Wechselkurs von Fr. 1.17 berechnet, obwohl ein Euro aktuell nur Fr. 1.04 Franken wert ist. 

SwissCo Services zahlt Grenzgänger-Lohn in Euro aus

SwissCo Services zahlt Grenzgänger-Lohn in Euro aus

Rolf Eichin, Vorstandsmitglied des Vereins Grenzgänger-Info e.V. Lörrach, ist vom Vorgehen der Firma überrascht. Dies sei «ganz klar eine Diskriminierung der Grenzgänger», sagt er auf Anfrage. «Eigentlich sollten die Arbeitgeber wissen, dass das Freizügigkeitsabkommen eine solche Ungleichbehandlung verbietet.»

Klar: Dass die Grenzgänger dank der Frankenaufwertung vom Januar faktisch eine Lohnerhöhung von 15 Prozent erhalten hätten, sei nicht wegzudiskutieren. Aber: «Etwa 30 Prozent davon gehen direkt weiter an den deutschen Fiskus», so Eichin. «Und als ein Euro noch Fr. 1.60 Franken kostete, hat den Grenzgängern ja auch niemand eine Lohnerhöhung offeriert.»

Ortsabhängige Löhne für alle?

Sowieso wird es für eine Firma schnell kompliziert, wenn sie ihre Mitarbeiter nach dem Bedürfnisprinzip statt nach dem Leistungsprinzip entlöhnt. Denn auch innerhalb der Schweiz sind die Lebenshaltungskosten unterschiedlich hoch. Um die Ausländer-Diskriminierung zu eliminieren wäre ein solches Vorgehen – also vom Wohnort abhängige Löhne für alle Mitarbeiter – aber ein gangbarer Weg, sagt Thomas Geiser, Arbeitsrechtsexperte an der Universität St. Gallen.

Ebenfalls nicht diskriminierend sind natürlich Lohnsenkungen für die gesamte Belegschaft. Die Frage, ob diese Massnahme einseitigen Lohneinschnitten bei Grenzgängern vorzuziehen sei, ist für die Gewerkschafterin Viviane Hösli jedoch falsch gestellt. Grundsätzlich sei entscheidend, dass die Sozialpartner in kritischen Situationen gemeinsam Lösungen fänden, so die SP-Grossrätin. «Bedingung dafür ist aber, dass die Firma ihre Bücher offenlegt.»

Im Fall Swissco können die Gewerkschaften ohne die Direktbetroffenen nicht viel unternehmen. «Den juristischen Weg müssen sie selber einschlagen wollen», so Hösli. «Sie bekommen in diesem Fall als Mitglieder aber sicher Unterstützung von uns.» Die Politikerin hat jedoch auch Verständnis, «wenn jemand diesen Schritt aus Angst um seinen Arbeitsplatz nicht macht».

Um zu verhindern, dass Grenzgänger in der Schweiz für zu tiefe Löhne arbeiten und dadurch Inländer aus dem Arbeitsmarkt drängen, fordert sie deshalb vor allem verstärkte Kontrollen der flankierenden Massnahmen durch die Tripartite Kommission. Eine Aufstockung der Personalressourcen hat die Kantonsregierung in ihrer Antwort auf einen SP-Vorstoss jedoch kürzlich abgelehnt. Unter der Berücksichtigung der Finanzlage des Kantons sei dies «weder möglich noch angezeigt».

Auch FDP-Grossrat Herbert H. Scholl hält eine Aufstockung der Personalressourcen für unnötig. In einem ist sich der Freisinnige mit der Sozialdemokratin Hösli aber einig: Einseitige Lohnsenkungen für Grenzgänger seien «eine sehr umstrittene Massnahme».

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