Kaiseraugst

Leben jenseits der Wohnwagenromantik und nur auf Zeit - die Roma dürfen im Winter wohl nicht bleiben

Auf dem Durchgangsplatz in Kaiseraugst, zwischen Gleis und Landstrasse, leben derzeit rund 50 Fahrende

Auf dem Durchgangsplatz in Kaiseraugst, zwischen Gleis und Landstrasse, leben derzeit rund 50 Fahrende

Die Roma auf dem Durchgangsplatz in Kaiseraugst wollen dort überwintern. Doch die Gemeinde wiegelt ab und verweist auf das Reglement.

Zwischen Landstrasse und Gleisen, umgeben von grünen Hecken, liegt verbogen am Augster Stich in Kaiseraugst der Durchgangsplatz für Fahrende. Der Platz ist voll belegt, rund 20 Wohnwagen und -mobile stehen dort. Es ist das Zuhause von rund 50 Roma. Kurz vor Mittag tollen Kinder herum, Frauen hängen Wäsche auf oder lassen ihre Eintöpfe vor sich hin köcheln. Als der Journalist über den Kiesplatz läuft, zieht er die Blicke der Roma auf sich.

Auch jene eines Mannes, weisses Haar, schwarzer Anzug und Sonnenbrille. «Das grösste Problem ist, dass wir hier nur einen Monat bleiben dürfen», sagt er. Auf die Frage, wohin sie als Nächstes fahren, zuckt er mit den Schultern. «Es gibt zu wenige Plätze für uns. Wir wollen deshalb über den Winter hierbleiben. Hier fühlen wir uns sicher.»

Ein hupender Zug und zwei neue Toilettenhäuschen

Männer sieht man diesen Vormittag kaum. «Sie sind arbeiten», sagt der Mann und zündet sich eine Zigarette an. Was sie arbeiten, will er nicht sagen, aus Angst davor, die Kundschaft zu verlieren. Deshalb: auch keine Namen; Fotos schon gar nicht, denn: Wer sich als Roma outet, hat es nicht leicht. «Viele Leute sind rassistisch», sagt er und pustet den Rauch in die Luft.

Ein Verwandter stösst zum Gespräch hinzu. «Morgens zwischen vier und fünf Uhr hupt der Zug, wenn er am Platz vorbeifährt», erzählt er. «Dann werden die Kinder wach.» Ansonsten hätten sie keine Probleme auf dem Platz. Anders als im letzten Jahr, als Unbekannte Steine über die Hecke warfen. «Das waren aber bestimmt nur Jugendliche», vermutet der Mann mit der Zigarette im Mund. Mit der Gemeinde hätten sie keine Probleme. Er zeigt auf zwei neue Toilettenhäuschen, welche die Gemeinde den Fahrenden zur Verfügung gestellt hat. Dies, «um den Anwesenden eine zusätzliche Möglichkeit zur Einhaltung der Di­s­tanzregeln zur Verfügung zu stellen», sagt Daniel Sonderegger, Leiter der Einwohnerdienste.

Der einzige Platz für ausländische Fahrende

Nur, dass sie eben auch über den Winter bleiben dürfen, wünscht sich der Mann. Simon Röthlisberger, Geschäftsführer Stiftung Zukunft für Schweizer Fahrende, bestätigt, dass es in der Schweiz zu wenige Plätze für die fahrende Lebensweise gibt. Etwa 15 Standplätze, die für den stationären Aufenthalt über den Winter genutzt werden können, gibt es hierzulande. Über 40 bräuchte es. «Fahrende, die keinen festen Winterplatz haben, sind auf einen längeren Verbleib auf einem Durchgangsplatz angewiesen», sagt Röthlisberger. Dies gerade während der aktuellen Notsituation. «Die Überschreitung der in den Platz-­Reglementen maximalen Aufenthaltsdauer soll deshalb während der Pandemie zugelassen werden», fordert er.

Ob dies in Kaiseraugst passiert, ist noch unklar. Daniel Sonderegger wiegelt ab und verweist auf Anfrage der AZ auf das Reglement. «Im Winterhalbjahr von November bis April kann durch den Gemeinderat Kaiseraugst maximal fünf Wohnwagen eine Aufenthaltsdauer bis zu fünf Monaten bewilligt werden», heisst es in diesem. Der übrige Platz müsse anderen Fahrenden für die temporäre Nutzung offenstehen. Denn es sei für ausländische Fahrende der einzige Platz im Kanton, so Sonderegger.

Seit längerem keine Beschwerden aus der Bevölkerung

Die Roma haben Schwierigkeiten, das Reglement nachzuvollziehen. «Wir bezahlen ja auch und machen keine Probleme.» Zwölf Franken kostet der Stellplatz pro Tag und Wohneinheit. Angesichts des derzeitigen Infektionsgeschehens, das bei vielen Fahrenden zu Erwerbsausfällen führt, sei allerdings eine Reduktion der Platzgebühren angezeigt, so Röthlisberger. Die Gemeinde Kaiseraugst hatte zunächst die Preise reduziert, wegen eines Schreibens des Kantons in Bezug auf Lockerungen jedoch wieder auf den normalen Tarif angehoben. Immerhin: Dass seit längerem keine Beschwerden aus der Bevölkerung bei der Gemeinde eingingen, bestätigt Sonderegger.

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Autor

Dennis Kalt

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