Frick
Lockdown Tag 1: Ein Besuch in der Bäckerei Kunz in Frick

Seit Dienstag sind die meisten Läden im Fricktal zu. Ausser Lebensmittelläden. Besuch am Tag nach dem Lockdown in der Bäckerei Kunz.

Thomas Wehrli
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«Ich bin froh, dass ich mich auf ein starkes Team verlassen kann»: Michael Bracher im «Kunz».

«Ich bin froh, dass ich mich auf ein starkes Team verlassen kann»: Michael Bracher im «Kunz».

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So hatte sich Michael Bracher seinen Einstand nicht vorgestellt. Anfang Jahr hat der 37-Jährige die Traditionsbäckerei Kunz in Frick samt ihren 75 Mitarbeitenden und den vier ­Filialen übernommen.

Nur wenige Wochen später legt das Corona-Virus das Land nahezu lahm und sorgt bei allen Unternehmen für einen Ausnahmezustand – auch denen, die nicht oder nur teilweise schliessen müssen. Die Bäckerei Kunz gehört zu Letzteren. Sie darf die Bäckereien offen lassen, muss aber die Cafés seit gestern Dienstag geschlossen lassen.

Es sind hektische Stunden für Bracher und seine Mitarbeitenden. Persönlich gehe es ihm gut, sagt er am Tag nach dem Lockdown-Beschluss des Bundesrates. «Ich bin froh, dass ich mich auf ein starkes Team verlassen kann, das mir den nötigen Freiraum gibt, um die Lage zu verfolgen und für das Unternehmen die richtigen Massnahmen einzuleiten», sagt er. Ihm ist es dabei wichtig, die Mitarbeiter auf dem Laufenden zu halten, um so die Unsicherheit entschärfen zu können. «Ich denke, das ist bisher ziemlich gut gelungen.»

Am letzten Freitag, dem Tag, als der Bundesrat die erste Tranche der einschneidenden Massnahmen verkündet hat, hat Bracher einen internen Krisen­stab gebildet. Das Vorgehen hat sich bewährt, der Krisenstab hilft, die nötigen Schritte zur richtigen Zeit zu tun.

Dienstagmorgen, 11 Uhr. Augenschein in Frick, dem Hauptsitz der Kunz AG. Ein langer Tisch verstellt den Zugang zum Café. Die Kunden im Laden halten mehr Abstand als früher, einige warten sogar draussen, bis wieder jemand hinauskommt. Erst dann gehen sie hinein.

Das Café ist geschlossen, 28 Mitarbeitende in Kurzarbeit

Ernst sei es, sagt eine ältere Kundin zur Verkäuferin, schüttelt den Kopf, zahlt, packt ihr Ruchbrot ein und zieht von dannen. Bezahlt wird von den meisten mit Karte. Diese Zahlungsart bevorzuge man, sagt Bracher. Aus Schutzgründen. «Es ist aber natürlich auch weiterhin nicht untersagt, mit Bargeld zu zahlen», fügt Bracher an.

Von den 75 Mitarbeitenden arbeiten 28 im Café-Bereich. Sie mussten gestern nicht zur Arbeit erscheinen, denn zu servieren gab es nichts. «Für diese Mitarbeitenden haben wir Kurzarbeit angemeldet», sagt Bracher. Er ist überzeugt, dass der Antrag bewilligt wird, «da es für uns als KMU immens wichtig ist, entsprechende Unterstützung vom Bund zu erhalten».

Dennoch: Alles abfedern kann der Bund trotz der gesprochenen Soforthilfe von zehn Milliarden Franken nicht. Bei weitem nicht. Wer sein Geschäft (teil)geschlossen halten muss, erzielt keinen Umsatz. Die Zwangspause wird bei manchen kleineren und mittleren Unternehmen an die Substanz gehen.

Bracher rechnet mit Umsatzeinbussen von 30 bis 40 Prozent in der Zeit, in der die Sanktionen gelten. «Wie sich unser Geschäftsfeld infolge der massiven Einschränkungen mittelfristig verändern wird, ist schwierig abzuschätzen», sagt Bracher. Fakt sei aber, dass die fehlenden Einnahmen nach der Aufhebung der Sanktionen nicht kompensiert werden könnten. «Weiter ist auch entscheidend, wie gut sich unsere Lieferkunden nach der Corona-Krise wieder erholen», sagt Bracher.

In Gefahr sieht er sein Unternehmen aber nicht. «Die Kunz AG ist ein gesunder Betrieb. Wir haben funktionierende Prozesse und eine sehr gute Mitarbeiterstruktur», sagt er. Deshalb glaube er fest daran, «dass wir – das Team der Kunz AG – diese Krise überstehen werden».

Keine Hamsterkäufe, aber rege Nachfrage

Eine jüngere Kundin überlegt hin und her, welches Stück Patisserie sie nehmen soll, entscheidet sich schliesslich für ein Tortenstück. Ein älterer Mann mit Mundschutz ist da zielstrebiger. Auch er zahlt mit Karte. Ein Pärchen mittleren Alters betritt den Laden. Sie zu ihm: «Siehst Du, auch Cafés müssen geschlossen bleiben.» Er, leicht murrend: «Ja, ja, du hast recht gehabt.»

Hamsterkäufe, wie sie in den letzten Tagen auch im Fricktal zu beobachten waren, hat Bracher in seinen Bäckereien nicht erlebt. Allerdings hat auch er beobachtet, dass einige Kunden etwas mehr als üblich eingekauft haben. «In den letzten Tagen konnten wir eine Zunahme beim Verkauf von Broten feststellen und auch die Genussartikel wie Patisserie wurden überaus stark abverkauft», sagt er.

Seit gestern Dienstag, seit also klar ist, was in der Schweiz bis auf weiteres Sache ist, relativiert sich das Bild. «Wir stellen fest, dass es mit dem Beschluss von gestern allgemein ruhiger läuft.» Er wird die Situation von Tag zu Tag genau beobachten. «Wir werden uns auf alle Fälle bereithalten, um auch kurzfristig reagieren zu können, damit stets alle Kunden bedient werden können.» Die Versorgungssicherheit sei gewährleistet, betont Bracher.

Die Gespräche am Verkaufstresen fallen kürzer aus als sonst. Thema ist fast immer das Corona-Virus. Es sei eine verrückte Zeit, findet eine Kundin.

«Das Thema ist omnipräsent», sagt Bracher. Viele Kunden erkundigen sich nach den Massnahmen, welche die Kunz AG getroffen hat, und sie wollen wissen, ob die Geschäfte trotz Corona-Virus weiterhin geöffnet haben. Bracher bestätigt aber auch den Eindruck: «Die Gespräche an der Ladentheke haben deutlich abgenommen, weil die Kunden lieber wieder nach Hause gehen.»

Am Angebot wird Bracher aktuell nichts ändern. Produkte des täglichen Bedarfs wie Milch oder Butter hat Kunz seit längerem im Sortiment. Angeboten wird in Frick zusätzlich ein Mittagsmenü «to go».

Auch ein Lieferdienst, wie es andere Bäckereien und Lebensmittelgeschäfte Corona-bedingt anbieten, ist derzeit noch nicht geplant. «Wir haben aber seit Freitag auf der Website ein Bestellformular aufgeschaltet, damit Kunden ihre Wunschprodukte online bestellen und den Abholzeitpunkt definieren können.» Mit diesem Angebot will die Kunz AG zum einen die Wartezeiten in den Filialen verkürzen, zum anderen bekommt der Kunde so garantiert das gewünschte Produkt.