Rheinfelden

Massiv weniger Schüler im Berufsbildungszentrum Fricktal : «Die neue Schule muss noch mehr kämpfen»

Den Entscheid sieht Rektor Hans Marthaler als grossen Verlust für das Fricktal.

Den Entscheid sieht Rektor Hans Marthaler als grossen Verlust für das Fricktal.

Die Berufsschule in Rheinfelden verliert mit der Reform zwei Drittel seiner Schüler. Damit steige der Kostendruck, sagt Rektor Hans Marthaler.

Es war ein schwieriges Jahr für das Berufsbildungszentrum Fricktal (BZF), ein Wechselbad der Gefühle, ein Hoffen und Bangen, ein Auf und Ab. Dabei verlief der Start ins Jahr so vielversprechend, konnte das BZF doch im Januar den Neubau beziehen, ein «einzigartiger Moment», wie Rektor Hans Marthaler in seinem gestern publizierten Bericht über das Schuljahr 2018/2019 schreibt.

Nur eben: Die dunklen Wolken hingen da schon dicht über Rheinfelden. Denn die Aargauer Berufsbildungslandschaft befand sich im Umbruch und es war unsicher, ob das BZF diesen Reformprozess, diesen Wintersturm überlebt.

Es hat ihn überlebt – muss allerdings gehörig bluten: Aus dem gemischten Berufsbildungszentrum mit kaufmännischen und gewerblichen Berufen wird ein reines KV. Aus einer Schule, die um die 700 Lernenden aus zehn Berufen ausbildet, wird eine mit rund 250 Lernenden aus fünf Berufen. Zudem wird Rheinfelden Aussenstandort der Berufsfachschule Gesundheit und Soziales.

Ist die Berufsschulreform für das Fricktal nun Fluch oder Segen? Sie ist beides, wie auch die Reaktionen auf den Entscheid des Regierungsrates zeigten. Sie ist Fluch, denn das Fricktal verliert als Berufsschulstandort massiv an Bedeutung.

Sie ist (vorläufiger) Segen, denn das Fricktal behält zumindest bis zur nächsten Reform seinen Berufsschulstandort, was nicht selbstverständlich war, wie die Aussage der Regierung, Rheinfelden bleibe aus regionalpolitischen Gründen KV-Standort, zeigt.

Sie ist insofern Segen, als dass der Reformentscheid die lange Zeit des Hoffens und Bangens beendete. «Die Zeiten der Unsicherheit, Ohnmacht und Lethargie sind passé», blickt Marthaler zurück. Allerdings, daraus macht er keinen Hehl, ist es nicht die Lösung, die das BZF präferiert hatte.

BZF steht künftig unter höherem Kostendruck

Nun hat Rheinfelden ein neues Schulhaus, das auf 1000 Berufslernende ausgelegt war – nur die Lernenden fehlen, um es zu füllen. Nun können von den rund 2000 Fricktaler Berufslernenden nur noch gut 10 Prozent die Berufsschule in der eigenen Region besuchen.

Nun hat das BZF eine Grösse, die kleinere Klassen nach sich zieht, was die Wirtschaftlichkeit reduziert. «In einer Bildungslandschaft, wo Schulen über die Anzahl der Lernenden finanziert werden, wird das BZF künftig unter einem noch höheren Kostendruck stehen», mahnt Marthaler.

Das BZF wird der kleinste der vier verbleibenden KV-Standorte sein. «In anderen ländlichen Kantonen der Schweiz werden in der Peripherie gemischte Berufsbildungszentren geführt, weil nur so die kritische Grösse erreicht werden kann», bilanziert Marthaler. Im Kanton der Regionen sei dies nicht möglich.

Der Rektor ist überzeugt: Die Aargauer Berufsschullandschaft hätte durchaus reformiert werden können, «ohne eine derart bedeutende Region zu übergehen». Die getroffene Lösung sei für das Fricktal ein grosser Verlust und die neue Schule werde noch mehr kämpfen müssen.

«Persönlich bin ich überzeugt, dass die gewählte Lösung weder zum Kanton der Regionen passt, noch staatspolitisch sinnvoll ist», sagt Marthaler. Es sei zu hoffen, dass mit der Reorganisation die Attraktivität der dualen Berufsbildung im Fricktal nicht abnehme.

Elektroinstallateure: Nur 57 Prozent haben bestanden

Abgenommen hat im letzten Jahr die Zahl der Lernenden. Waren es in Spitzenjahren um die 800 Lernenden, die das BZF besuchten, waren es im Schuljahr 2018/19 noch 662 – rund 50 weniger als in den beiden Vorjahren. Die grösste Gruppe stellten dabei die ausserkantonalen Lernenden mit 155. Von den Aargauer Bezirken stellten Laufenburg (118) und Rheinfelden (109) die meisten Schüler.

Zur Lehrabschlussprüfung traten im Sommer 209 Lernende an – 181 oder 86 Prozent haben sie bestanden. Die höchste Erfolgsquote wiesen die Bekleidungsgestalterinnen, die Schreiner, die Detailhandelsassistenten sowie die Kaufleute E-Profil auf; hier haben alle bestanden.

Besonders schlecht schnitten die Elektroinstallateure ab, wo nur 12 der 21 Lernenden (57 Prozent) bestanden haben. Der diesjährige Abschlussjahrgang sei eine Herausforderung gewesen, sagt Marthaler auf Nachfrage, die Leistung einzelner Lernenden sei im langjährigen Vergleich schwach gewesen. «Das war uns bekannt und wir haben deshalb frühzeitig entsprechende Massnahmen eingeleitet.»

Fördergespräche und -kurse gehörten ebenso dazu wie Evaluationen und ein Lernwochenende vor den Prüfungen. Man habe sämtliche Lernenden so vorbereitet, dass sie die Prüfung mit gutem Resultat hätten bestehen können.

Von den neun Lernenden, die an der Prüfung durchfielen, hätten nur drei Lernende aufgrund ungenügender Leistungen in Berufskunde oder Allgemeinbildung nicht bestanden, betont Marthaler und schiebt nach: «Es zeigt sich jedoch einmal mehr, dass es auch eine Eigenleistung der Lernenden zum erfolgreichen Lehrabschluss braucht. Diesen gibt es (zum Glück) nicht umsonst.»

Autor

Thomas Wehrli

Thomas Wehrli

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