Wichtige Etappe

Meer, nichts als Meer: Fricktaler Weltumsegler haben den Atlantik überquert

Gut gesichert sitzt Köbi Brem während der Atlantiküberquerung auf der Segeljacht «Lupina».

Gut gesichert sitzt Köbi Brem während der Atlantiküberquerung auf der Segeljacht «Lupina».

Pia Koch und Köbi Brem aus dem Fricktal haben auf ihrer Weltumsegelung eine grosse Etappe geschafft: Die Atlantiküberquerung.

Land in Sicht. Nach 11 Tagen und 20 Stunden auf See. Nach 2050 Seemeilen. Pia Koch, 61, und Köbi Brem, 58, haben auf ihrer Weltumsegelung, zu der sie im Juni 2018 aufgebrochen sind, den bislang grössten Törn auf der «Lupina» geschafft: die Atlantiküberquerung. «Wir hatten eine Riesenfreude und schrien laut: ‹Land in Sicht!›», erzählt Köbi Brem.

Wobei: Das Land mussten Brem und Koch zuerst «suchen». Normalerweise sehe man eine Insel aus einer Distanz von 20 bis 30 Seemeilen, erklärt Brem. Da Barbados sehr flach sei und bei der Ankunft in Dunst und Regenwolken eingehüllt war, sei die Insel lange nicht aufgetaucht. «Wir wussten, da muss was sein – und haben uns voll auf unser GPS verlassen.» Erst etwa fünf Seemeilen vor der Südküste tauchte in der Morgendämmerung dann das blinkende Lichtsignal des Leuchtturmes auf.

«Mit jubelndem Herzen und fast ehrfürchtig, den grossen Törn geschafft zu haben», umrunden Koch und Brem die Südspitze von Barbados und segeln der Westküste entlang nördlich nach Bridgetown zum Ankern. «Neben wunderbaren Glücksgefühlen über das sichere und problemlose Ankommen mischte sich gleichzeitig auch eine leise Wehmut in unsere Empfindungen mit dem Wissen, dass wir nun von der unendlichen Freiheit des weiten Ozeanes Abschied nehmen und uns wieder in den Fängen der Zivilisation einfinden müssen», beschreibt Brem die Empfindungen.

Eingetaucht in diese unendlichen Weiten des Atlantiks waren die beiden Fricktaler von Fogo aus, einer der Kapverdischen Inseln vor Afrika. Bereits zuvor, auf den Kanaren, begannen Koch und Brem mit den Vorbereitungen für die Atlantiküberquerung. Sie liessen die Segel überprüfen und den Wassermacher überholen; Motor und Generator erhielten einen Service, Lebensmittel wurden gebunkert. «Um auf der langen Fahrt nicht auf Gemüse verzichten zu müssen, haben wir viel vorgekocht und portionenweise in Gläser abgefüllt und sterilisiert», erzählen die beiden. Fleischgerichte wurden vorgekocht und portionenweise tiefgefroren, gut haltbare Früchte auf Fogo eingekauft.

Wichtig ist den beiden auf ihrer Reise auch, möglichst wenig Abfall zu produzieren. Das galt gerade auch für die Atlantiküberquerung. «Bewusst haben wir auf PET-Flaschen, Dosen und Plastiktaschen verzichtet», sagt Brem. Das Ergebnis: «Nach der Überfahrt hatten wir bloss einen kleinen Kehrichtsack gefüllt», erzählt der ehemalige Gemeindeammann von Wölflinswil und schiebt sogleich nach: «Ausser Biomasse ist nichts über Bord gegangen!»

Dank Wassermacher unabhängig

Dank dem Wassermacher, einer Entsalzungsanlage, hatten Koch und Brem auf der Überfahrt immer frisches Trinkwasser. «Um diesen Apparat sind wir sehr froh», sagt Brem. Er erspare das mühsame Schleppen von Trinkwasserreserven und ermögliche eine grosse Flexibilität in der Törnplanung. «Wir brauchen keinen Hafen, um unseren Wassertank zu füllen, und sind somit total unabhängig.» Für den Notfall sind zudem «im Keller», wie Brem sagt, etwa 50 Liter Trinkwasser eingebunkert. Der Keller ist der Stauraum unter dem Fussboden. «Das reicht im Notfall für zehn Tage», so Brem.

Kurz vor dem Ablegen auf Fogo wurden alle Gegenstände so verstaut, dass sie auch bei starkem Wellengang nicht herunterfallen können. «Das Geschirr wurde bruchsicher verstaut und das Kunststoff-Geschirr hervorgeholt.» Dann sind die beiden startklar. Es ist Mittwoch, der 13. Februar, kurz vor 17 Uhr. Der Anker wird gehisst, die Segel werden gesetzt.

Traumhaft: Der Sonnenuntergang lässt den Abendhimmel erglühen.

Traumhaft: Der Sonnenuntergang lässt den Abendhimmel erglühen.

Während das Gefühl bei den Vorbereitungen nicht anders war als sonst, «kam nun eine riesige Freude in uns auf, und wir genossen das Verschwinden der letzten Insel am Horizont hinter uns aus vollen Zügen», blickt Brem zurück. Sie segeln «gemütlich mit 6,5 Knoten» in die Nacht hinein. Sie nehmen die wenig befahrene Passatroute, wegen der angenehmen Temperaturen auch «Barfussroute» genannt.

Die Tagesroutine stellt sich an Bord schnell ein, die Intensität der Wellen allerdings ist eine andere als bei den bisherigen Törns.

Auszug aus dem Logbuch. 2. Tag, Freitag. «Unten im Schiffsbauch kracht und schlägt es kräftig, man könnte meinen, das Schiff zerschellt in den Wellen. Es fühlt sich so an, als ob ein Bagger in eine Hauswand schlägt. Ein mulmiges Gefühl kommt auf. Aber wir wissen, ‹Lupina› ist ein sehr robustes Schiff und wird das alles aushalten können.»

Besonders herausfordernd war es für die beiden denn auch, bei diesem Lärm genügend Schlaf zu finden. «Die zum Teil grossen Wellen, der Lärm des rauschenden Wassers, der sich im Schiffsrumpf wie in einem Hohlkörper massiv verstärkte, und die heftigen Schläge der Wellen an die Bordwand liessen uns am Anfang nur oberflächlich schlafen», erzählt Brem. Ohrenstöpsel «und das zunehmende Vertrauen in unser Schiff» liessen sie dann aber ab dem dritten Tag «gut und tief schlafen».

3. Tag, Samstag. Nur sie beide, die «Lupina» und das Meer. «Wir hatten auf der Überfahrt keinen Kontakt mit der Aussenwelt», sagt Brem. Einzig kurz vor Barbados liefen sie auf zwei Segelschiffe auf, und die «Lupina» liess diese «mit Stolz geblähten Segeln» schnell hinter sich.

Wobei: Ab und an hatten Koch und Brem dann doch den einen oder anderen Besucher – Fische, Fliegende Fische.

Auszug aus dem Logbuch. «Auch heute Morgen liegen wieder Fliegende Fische auf dem Boot. Diese wären gute Köder zum Angeln von Hochseefischen. Da Fische aber angeblich nur bei schwacher Fahrt anbeissen, müssten wir abbremsen. Wollen wir aber nicht. Also ab zurück ins Wasser mit unserer ‹Beute›.»

Land in Sicht: Barbados taucht am Horizont auf.

Land in Sicht: Barbados taucht am Horizont auf.

Es sind unvergessliche Momente ebenso wie Momente der Zeitlosigkeit, die Koch und Brem bei der Überquerung auf hoher See erleben. «Wir haben total das Gefühl für die Zeit verloren und keine Erwartung an die Dauer der Reise gestellt. Der Wind und das Meer machen das schon richtig», sagt Brem.

Auszug aus dem Logbuch. 5. Tag, Montag. «Das Schiff wird durch den Wellengang hin und her geschaukelt. Es fühlt sich an, als ob wir in einer Waschmaschine drinsitzen oder auf einer Achterbahn. [...] Ganz einfache Dinge, wie zum Beispiel die Zahnpasta auf die Zahnbürste bringen, werden plötzlich zu einem Geschicklichkeitsspiel.»

Milliarden von Sternen

Die beiden nehmen dieses Wellenspiel gerne in Kauf für all das, was sie dafür bekommen. «Wir durften herrliche Sonnenaufgänge und Sonnenuntergänge erleben», erzählt Brem. Ganz fantastisch seien die Momente, in denen der Mond noch hinter dem Horizont versteckt sei. «Himmel und Meer zeigen sich da total schwarz. Darüber Milliarden von Sternen, die dank einer fehlenden Lichtverschmutzung ausserordentlich intensiv leuchteten – und wir, ganz klein und ehrfürchtig, mittendrin im Universum.»

Koch und Brem haben Glück; sie kommen ohne Defekte oder Zwischenfälle über den Atlantik. Zumindest fast.

Auszug aus dem Logbuch. 11. Tag, Sonntag. Beim Vorbereiten des Frühstücks. «Gerade hat sie eine Hand losgelassen, da stösst eine kräftige Welle ‹Lupina› von der einen Seite auf die andere und lässt sie gleichzeitig nach vorne schnellen. Pia fliegt samt Haferflockenpäckli (war noch ganz voll) quer durch den Salon. Da liegt sie am Boden, übersät mit Haferflocken. Ihr ist zum grossen Glück nichts passiert, einfach nur einen blauen Fleck mehr! Und natürlich eine Menge Arbeit, alles aufzuwischen.»

Beide sind dankbar, dass sie eine so sorgenlose Überfahrt erleben durften. Alles hat perfekt gepasst für dieses weitere «sehr schönes Erlebnis in unserem Leben», das sich auf einen Kurznenner bringen lässt: «Einfach traumhaft!»

Auszug aus dem Logbuch. 12. Tag, Montag. «Wir sind überwältigt, wie 96 Quadratmeter Segelfläche dank dem Wind ein 13 Tonnen schweres Schiff scheinbar mühelos durch die Wellen über den Atlantik von 2050 Seemeilen (knapp 3800 Kilometer) schieben können.»

Die nächsten Monate werden Brem und Koch in der Karibik «von einer Insel zur anderen hüpfen», wies es Brem formuliert. Zu Beginn der HurricanSaison, die von Juli bis November dauert, werden sie dann nach Süden in Richtung Nordküste von Südamerika segeln.

Nachtrag aus dem Logbuch. «Eckdaten unserer Atlantiküberquerung: Distanz: 2050 Seemeilen; Fahrzeit: 11 Tage 20 Stunden; Anteil Segel: 99,5 Prozent; Anteil Autopilot: 99 Prozent; Defekte: 0; Verluste: 1 elastisches Band; gefangene Fische: aktiv 0, selber bei uns gelandet: viele! Unsere Empfindung: Stolz, es geschafft zu haben – aber fast auch etwas wehmütig, dass dieses grossartige Abenteuer einer Atlantiküberquerung schon vorbei ist.»

Autor

Thomas Wehrli

Thomas Wehrli

Meistgesehen

Artboard 1