Fricktal

Mit der Ticket-App zum Schwarzfahrer, ohne es zu wollen

Dem Rhein entlang kann die App streiken.

Dem Rhein entlang kann die App streiken.

1,55 Millionen Billette verkaufte der Tarifverbund Nordwestschweiz (TNW) im letzten Jahr über die Ticket-App «fairtiq». Die App berechnet den günstigsten Billetttarif automatisch. Nur: Dem Rhein entlang kann die App streiken.

Zug um Zug wird das Reisen mit dem öffentlichen Verkehr einfacher: Nach den Apps, mit denen man Tickets «mit zwei Klicks» (Eigenwerbung SBB) kaufen kann, kommen nun Anwendungen auf das Smartphone, bei denen man gar nichts mehr tun muss – ausser die App zu aktivieren. Sie registriert dann, wo man ein- und wo man wieder aussteigt, und verrechnet automatisch den günstigsten Tarif.

«Check-in, Check-out» nennt sich das Prinzip und wird aktuell unter anderem von den Apps «lezzgo» und «fairtiq» genutzt. Während «lezzgo» schon eine Zeit lang in der ganzen Schweiz einsetzbar ist, hat nun «fairtiq», das von 21 Transportunternehmen angeboten wird, vor kurzem nachgezogen. Ein «Fricktaler» Problem besteht jedoch noch, wie Stefan Kalt, Direktor der Regionalen Verkehrsbetriebe Baden-Wettingen AG, diese Woche in der AZ sagte.

Fairtiq: So funktioniert's!

Fairtiq: So funktioniert's!

Denn wer dem Rhein entlang fährt – und das tut früher oder später jeder Fricktaler, der Richtung Basel unterwegs ist, kann ungewollt zum Schwarzfahrer mutieren. Und das kommt so: Entlang der Grenze wird bisweilen, das weiss jeder aus leidvoller Erfahrung, das Signal der Schweizer Telekomanbieter von dem eines deutschen Anbieters überlagert. Ist das Roaming auf dem Telefon deaktiviert, schaltet sich die App aus.

Das Problem sei erkannt, die App werde laufend weiterentwickelt, sagt Kalt und ist sich sicher, dass es keine Busse geben wird. «Ein Kontrolleur sieht ja, dass die App eingeschaltet war.» Wichtig sei, dass man die App neu starte, wenn das Schweizer Signal wieder da sei. Entlang der Grenze kann dies zu einem wahren on-off-on-off-Krimi werden.

Kalt’s Worte in des Kontrolleurs Ohren. Doch darf ein Reisender wirklich mit Kulanz rechnen, wenn die App streikt? Nachfrage bei den SBB. «Für die Kunden darf sicher kein Nachteil entstehen, wenn die Technik noch nicht für alle Herausforderungen eine Lösung bereit hat», formuliert es Mediensprecher Reto Schärli vorsichtig. «Im Zweifelsfall würde ein solcher Fall einzeln genau geprüft.»

Bereits 100'000 Kunden

Auch der Tarifverbund Nordwestschweiz betreibt eine eigene Ticket-App. Die on-off-Frage stellt sich hier allerdings nicht. Denn das Billett kauft man, wie bei der SBB-App, vor Reiseantritt. Kontrollieren lässt sich das Ticket auch dann, wenn kein W-LAN oder GSM-Netz verfügbar ist.

Die App «TNW Ticktes» ist ein Erfolg, wie Andreas Büttiker, Direktor der BLT Baselland Transport AG, sagt. «Bisher haben sich 100'000 Kunden auf der App registriert.» Im letzten Jahr wurden 1,55 Millionen Tickets verkauft und 4,5 Millionen Franken Umsatz generiert. «Die Nachfrage ist weiterhin stark steigend», freut sich Büttiker.

Ebenfalls erfolgreich unterwegs ist die im September 2016 lancierte U-Abo-App. Bislang nutzen rund 65'000 Kunden die App. «Es ist nach wie vor die einzige App in der Schweiz, die den Verkauf von öV-Abonnementen ermöglicht», so Büttiker. Im ersten Betriebsjahr wurde ein Umsatz von über 13 Millionen Franken erzielt. «Auch hier ist die Nachfrage ungebremst», sagt Büttiker.

Den Apps gehört die Ticket-Zukunft, darin sind sich die öV-Anbieter einig. «Das Smartphone stellt aus unserer Sicht den einfachsten Zugang zur Mobilität dar», sagt Büttiker. Deshalb verfolgen BLT und Basler Verkehrsbetriebe BVB eine gemeinsame digitale Vertriebsstrategie. «Der wichtigste Punkt für deren Umsetzung ist die Einfachheit in der Bedienung der Anwendungen.»

Erfolg hat nur, wer am Ball bleibt. Das weiss auch Büttiker. Die Apps werden deshalb laufend weiterentwickelt. «So ist vorgesehen, dass die TNW-Ticket-App für den grenzüberschreitenden Verkehr nach Deutschland ausgebaut wird.»

Meistgesehen

Artboard 1